Schlagwort: Migration

Ohne Herkunft, ohne Heimat: Lana Lux’ „Kukolka“

Ein immer wiederkehrerender Topos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, dem sich in den vergangenen Jahren vor allem viele Debütromane gewidmet haben, ist die Verhandlung der in der Kindheit erlebten Migration nach Deutschland in den Jahren der Jahrtausendwende, vornehmlich aus osteuropäischen Ländern: So erzählen Alexandra Friedmann und Tijan Sila auf tragikomische Weise von den dramatischen Umständen und den kuriosen Kindheitserinnerung, die der Kulturschock mit sich brachte. Am Ende steht jedoch meist das Happy End, die Integration – vor allem durch Bildung – und der persönliche Erfolg. Auch Lana Lux erzählt in ihrem Roman „Kukolka“ die Geschichte eines Mädchens, das in den 2000er Jahren nach Deutschland kommt – jedoch auf radikal andere Art und Weise als ihre Kolleginnen und Kollegen. Weiterlesen

Eichhörnchen in Bomberjacken: Tijan Silas „Tierchen unlimited“

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Tijan Sila und sein Ich-Erzähler haben viel gemeinsam. Sie stammen beide aus Sarajewo, beide flüchten 1994 vor dem Krieg nach Deutschland und leben dort zunächst in der Pfalz, später studieren sie beide in Heidelberg. Autobiographische Kurzschlüsse liegen da nah, vor allem weil diese Art der Texte, die sich zwischen Fiktion und Fakten nicht recht entscheiden mögen, im Trend liegen. Mit „Tierchen unlimited“ legt Sila, der als Berufsschullehrer arbeitet, seinen Debütroman vor. Eine klassische Migrationsgeschichte aus Kinderperspektive? Keineswegs. Weiterlesen

Gewachsen auf Beton: Fatma Aydemirs „Ellbogen“

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Berlin ist grau, und der Berliner Wedding ganz besonders. Spätestens seit den Boateng-Brüdern, die es „herausgeschafft“ haben, ist der Arbeiterbezirk auch deutschlandweit bekannt. Hier lebt die 17-jährige Hazal, die aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive in Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ vom Sommer erzählt, in dem sie ihren 18. Geburtstag feiert, bis zur Eskalation.  Weiterlesen

Jan Böttcher: Gefangener der Perspektive

Jeder Erzählakt ist ein Gewaltakt. Die Gewalt besteht darin, sich das Recht herauszunehmen, die Stimme zu erheben und die Geschichte jemandes zu erzählen. Nun könnte man einwenden, dass im autobiographischen Erzählen diese Gewaltstrukturen nicht zu Tage treten, da man von sich spricht. Aber immer dort, wo einer spricht, müssen andere schweigen. Seit den neunziger Jahren beschäftigt sich die Kulturwissenschaft in all ihren Ausformungen mit der Frage der Sprecherpositionen: Wer spricht? Wer kommt im Diskurs vor? Und wer nimmt sich das Recht heraus, das Wort für andere zu ergreifen? Das Ergebnis dieser Beschäftigung ist eine allgemeine Verunsicherung des Denkens und Sprechens. Aussagen müssen sich nicht mehr nur auf ihre argumentative Konsistenz prüfen lassen, sondern auch darauf, ob sie die Erfahrungen anderer miteinschließen. Wenn Jennifer Lawrence die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen fordert, dann tut sie das aus der Erfahrungswelt einer weißen, wohlstandsverwöhnten Hollywood-Schauspielerin. Der Realität einer indischen Frau aus der Kaste der Unberührbaren entspricht dies nicht, zudem hat sie Jennifer Lawrence nicht das Mandat dafür gegeben, in ihrem Namen zu sprechen. In solchen Diskussion ist der Vorwurf des Rassismus schnell erhoben. Weiterlesen