Schlagwort: München

Klaus Modicks „Keyserlings Geheimnis“: Jahrhundertaktuelle Literatur

Manche germanistischen Gemeinplätze stimmen dann doch: Wenn ein Schriftsteller einen anderen Schriftsteller porträtiert, weist der ausgestreckte Zeigefinger auch immer auf ihn zurück. Derjenige, der Spiel vielleicht am besten beherrschte, war Thomas Mann, der einfach so oft über Goethe geschrieben hat, bis Deutschland endlich begriff, dass es in Thomas Mann wohl Goethes rechtmäßigen Wiedergänger erkennen musste. Klaus Modick ist nicht Thomas Mann und Eduard von Keyserling ist nicht Goethe, dennoch wird man auch bei der Lektüre von Modicks neustem Roman „Keyserlings Geheimnis“ das Gefühl nicht los, dass hier jemand auf den Schultern des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schriftsteller seine eigene Ästhetik verteidigen möchte. Weiterlesen

Petra Morsbachs „Justizpalast“: Vom Palast zerkaut

Mit ein bisschen, ein bisschen sehr viel Fantasie ergibt sich eine gewisse Ähnlichkeit: Zwischen dem Treppenhaus des Münchner Justizpalasts und der Wiener Strudlhofstiege. Treppen und Stufen gibt es in der Literatur natürlich viele, aber die Strudlhofstiege ist sicherlich der bekannteste literarische Treppenaufgang. In Doderers Roman wird die verwinkelte, nicht gradlinige Wegführung der Stiege zum Symbol für die Erzählstruktur. Ähnliches ließe sich auch über das Treppenhaus des Justizpalasts sagen, der sich im großen Foyer auffächert. Wer hier von A nach B möchte, geht niemals den direkten Weg. So auch Petra Morsbach in ihrem gleichnamigen Roman, in dem das Leben einer Richterin aus vielen Blickwinkeln und Zeitebenen erzählt wird. Doch ganz gleich, was auch erzählt wird, am Ende zielt der Roman immer ins Herz der Justiz. Weiterlesen

Volker Weidermanns „Träumer“: Die Prinzessin Lillifee-Revolution

Die Novemberrevolution, die das Ende des Ersten Weltkriegs besiegeln sollte, schaffte in Deutschland ein politisches Vakuum. Die alte Hohenzollern-Dynastie musste abdanken, genauso wie die Landesmonarchen. Damit war auch endlich in Deutschland jahrhundertelange monarchische Tradition gebrochen. Die Frage, die politisch entschieden musste, war: Wie soll Deutschland sich künftig regieren? 1918 gab es dazu viele Ideen, in Berlin wurden gleich zwei verschiedene Republiken parallel ausgerufen. Und auch das eigensinnige Bayern war sich nicht sicher, wie es in eine Zeit ohne Wittelsbacher treten sollte. Einer, der dazu eine klare Meinung hatte, war Kurt Eisner, der am 8. November 1918 den Freistaat Bayern ausrief und diesen künftig als Räterepublik organisieren wollte. Ganze fünf Monate sollte dieser politische Feldversuch Bestand haben, bevor reaktionäre Kräfte dem Projekt ein Ende setzten. „Träumer“, das neue Buch von Volker Weidermann, versucht sich der Stimmung dieser Zeit zu nähern. Leider nimmt es aber weder das politische Projekt, noch dessen Akteure ernst. Weiterlesen

Michael Krügers „Das Irrenhaus“: Leben am Fensterbrett

Als psychologische Kränkung bezeichnet Sigmund Freud den Umstand, dass nur ein Teil des menschlichen Seelenapparats von einem rationalen, reflektierten Bewusstsein gesteuert ist. Vielmehr sei er beeinflusst von Triebhaftigkeit und Unbewusstem, was das „Ich“ zu der Einsicht kommen lässt, „nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein“. Damit stand das Subjekt zur Disposition, das sich aus der Tradition der Aufklärung als rationales Wesen herausgebildet hatte. Bei dem „Ich“-Erzähler in Michael Krügers neuen Roman „Das Irrenhaus“ steht die Sache noch komplizierter: Zwar ist er faktisch Herr im eigenen Haus, das weiß dort nur niemand. Und dann ist in diesem Haus auch noch so viel anderes präsent, das sich seiner bemächtigt. „Das Irrenhaus“ ist ein mal witziger, mal melancholischer Text über ein Subjekt in der Krise und die Durchlässigkeit, die Menschen zum Schreiben befähigt. Weiterlesen

Die Zeit der Einsamkeit: Mercedes Lauensteins „Nachts“

Das namenlose Ich in Mercedes Lauensteins Romandebüt „Nachts“ streift durch die Straßen von München und klingelt bei Menschen, in deren Fenstern zwischen 2 und 5 Uhr morgens noch Licht brennt. Unter dem Vorwand, für eine Forschungsarbeit zu recherchieren, befragt das Ich auf einhundertneunzig Seiten insgesamt fünfundzwanzig Schlaflose, die nicht nur Einlass in ihre Wohnungen, sondern auch in ihr Leben und ihre Gedanken gewähren. Weiterlesen