Schlagwort: Nachkriegsliteratur

Mohn und Gedächtnis: Böttigers Doppelbiographie über Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Es ist die vielleicht bedeutendste, die vielleicht tragischste und die vielleicht schönste Beziehung der Literaturgeschichte: Im Frühling 1948 lernen sich die 22-jährige Ingeborg Bachmann und der 27-jährige Paul Antschel, der unter dem Pseudonym Paul Celan Gedichte veröffentlicht, in Wien kennen. Sie verleben sechs gemeinsame Wochen, bis Celan nach Paris weiterzieht. Spätestens seit der Veröffentlichung des Briefwechsels der beiden Schreibenden, die ohne Zweifel zu den wichtigsten lyrischen Stimmen des 20. Jahrhunderts zählen, ist das Ausmaß jener Beziehung auch für Nicht-Literaturwissenschaftler, die sich bereits zuvor mit dem evidenten Verbindungen im Werk beschäftigten, deutlich. Helmut Böttiger, der bereits vor einigen Jahren eine umfassende Monographie zur Geschichte der Gruppe 47 veröffentlichte, hat in seinem neuen Buch die Beziehung von Bachmann und Celan zu ordnen, zu analysieren, zu fassen versucht. Weiterlesen

„Jenseits der Pässe“: Stephan Braeses Hildesheimer-Biographie

Braese_Hildesheimer

Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Christa Wolf  – über die Stars der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, deren Werke noch heute zu den meistgelesenen und meistbeforschten gehören, gibt es viele Lebensbilder. Einige von ihnen gerieten aber zunehmend in Vergessenheit, obwohl ihr Rang nicht weniger relevant war. Zu ihnen gehört Wolfgang Hildesheimer. Dabei ist seine Biographie eine der spannendsten. Der Literaturwissenschaftler Stephan Braese hat anlässlich des 100. Geburtstags von Hildesheimer eine umfassende Biographie vorgelegt. Weiterlesen

Werner Schmidts „Peter Weiss“: Zwischen den Blöcken zerrieben

Der Schriftsteller Peter Weiss hat sich Zeit seines Lebens jeder Zugehörigkeit verwehrt. Er war Deutscher und Schwede, Sozialist, aber kein Realsozialist, Teil des deutschen Literaturbetriebs und trotzdem Randständiger. Der Widerspruch war als dialektisch geschulter Mensch Teil seiner Existenz, seine Existenz war selbst widersprüchlich. Sein Vater war Jude, hat aber aus dem Judentum nie ein großes Thema gemacht, was bis zur Selbstverleugnung ging. Dass das Jüdische dennoch Teil von Peter Weiss war, musste dieser wie so viele während des Zweiten Weltkriegs erfahren. Diesen hat Peter Weiss hauptsächlich im schwedischen Exil verbracht, das zu seiner Heimat werden sollte. Nach dem Krieg wurde er zu einem glühenden Verfechter eines menschlichen Sozialismus – ein Kampf, den Werner Schmidt nun rekonstruiert hat. Weiterlesen

Wolfgang Koeppens „Amerikafahrt“: Republikanische Pracht

Die Geschichte Wolfgang Koeppens ist die des Verstummens. Der Autor aus Greifswald galt unter seinen Zeitgenossen als einer der avanciertesten Nachkriegsschriftsteller, obgleich sein literarischer Werdegang schon in der Weimarer Republik begann. Mit Marcel Reich-Ranicki hatte Koeppen einen wortmächtigen Fürsprecher an seiner Seite; eine Verbindung, die in der Nachbetrachtung unterschiedlich bewertet wurde. Während die einen Reich-Ranicki für seine Errungenschaften um Koeppen preisen, haben andere dem Großkritiker stets vorgehalten, das Verstummen des Autors mit seinem ständigen Drängen auf den nächsten großen Roman noch befördert zu haben. Wer es mit einfachen psychologischen Schlüssen hält, könnte vermuten, der Grund für Koeppens spätere Konzentration auf Reiseberichte ist genau in diesem Spannungsverhältnis erwachsen: die Reise als Flucht vor einem Kulturbetrieb, der ständig Erwartungen an einen Autoren herantrug, die dieser nicht mehr erfüllen konnte oder wollte. Einer der Texte dieser Zeit ist Koeppens „Amerikafahrt“, die Reise eines Enthusiasten. Weiterlesen

Kein Neuanfang nach ’45: Christian Adams „Der Traum vom Jahre Null“

Im Sommer 1945 liegt Deutschland in Trümmern: Der Krieg ist verloren, der NS-Staat zusammengebrochen, der Bevölkerung fehlt es am Nötigsten. Die einzige Hoffnung für viele Menschen: Im Ende des Alten sehen sie eine Chance auf einen Neuanfang, einen radikalen Umbruch, eine ‚Stunde Null‘. Die Entnazifizierungsverfahren der Alliierten scheinen ihnen auf den ersten Blick Recht zu geben. Die alten Eliten werden aus ihren leitenden Positionen entlassen und müssen Rechenschaft ablegen. Doch gab es diesen Neuanfang nach 1945 wirklich? In seiner Studie „Der Traum vom Jahre Null“ befasst sich Christian Adam mit dem deutschen Literaturbetrieb nach 1945, den Lesegewohnheiten der Deutschen, dem Umgang der Literatur mit dem Krieg und dem Personal des Literaturbetriebs und stellt fest: Der Traum von der Stunde Null ist nur ein Mythos. Weiterlesen

Träumst du noch oder lebst du schon? Gaito Gasdanows „Die Rückkehr des Buddha“

Viel Kafka und ein bisschen Bulgakow – das ist „Die Rückkehr des Buddha“ von Gaito Gasdanow. Der Text wurde erstmalig als zweiteiliger Fortsetzungsroman in der russischen Exil-Literaturzeitschrift „The New Review“ in New York zwischen 1949 und 1950 veröffentlicht. Der Hanser Verlag, der bereits 2012 Gasdanows bekannteren Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ herausgab, hat den Roman erneut zugänglich gemacht und trägt damit maßgeblich zur Wiederentdeckung von Gasdanows Werk im deutschsprachigen Raum bei. Weiterlesen

Ich, Ingeborg: Hans Weigels „Unvollendete Symphonie“

Hans Weigel gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Wiener Nachkriegs-Literaturbetrieb. Seine literarische Tafelrunde im Café Raimund ist legendär. Hier versammelten sich spätere Größen wie Milo Dor, Reinhard Federmann, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, um von den vielfältigen Verbindungen Weigels zu profitieren, der ihre Texte an Verleger und Zeitungsredaktionen vermittelte. Der Literaturmanager Weigel, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft im März 1938 ins Schweizer Exil ging, kehrte bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach Kriegsende, in seine Heimatstadt Wien zurück. 1951 veröffentlicht er den Roman „Unvollendete Symphonie“, in dem er die Jahre nach der Rückkehr nach Österreich thematisiert. Aufsehen erregte nicht die literarische Qualität des Textes, sondern seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann, die er in seinem Roman ebenfalls verarbeitet.

Weiterlesen

Guntram Vespers „Frohburg“: Ein literarischer Messie

Frohburg ist eine sächsische Kleinstadt, sie verfügt über rund 10.000 Einwohner, ist Teil des Landkreises Leipzig und liegt an der Grenze zu Thüringen. Otto Nuschke, der Vorsitzende der DDR-CDU, ist in Frohburg geboren, Frauke Petry soll auch mal dort gewohnt haben. Normalerweise wäre das das einzige, was der durchschnittliche Deutsche sich gerade noch von dem sächsischen Örtchen merken würde, wäre da nicht am 17. März 2016 etwas Eigentümliches geschehen: Der in Vergessenheit geratene Guntram Vesper war mit einem Ziegelstein von Buch nach Leipzig gekommen, für den ganz großen Wurf. Mit dem Gewinn des Preises der Leipziger Buchmesse stand der fünfundsiebzigjährige Schriftsteller plötzlich im Rampenlicht und mit ihm seine Heimatstadt Frohburg. In der Begründung der Jury heißt es über Vespers Roman: „Die Sätze in diesem Buch sind lang, oft bringen sie gleich mehrere Perspektiven zusammen, und sie sind stets konkret, geatmet, nah dran an der Mündlichkeit.“ Lang sind die Sätze tatsächlich, genauso wie der Roman ein langer ist. Ein furchtbar langer Roman, bei dem die Zeit noch viel länger wird. Weiterlesen

Vom Ende her auf das Ende hin: Ilse Aichingers frühe Erzählungen

Erzählungen erfreuen sich im deutschsprachigen Raum in der gegenwärtigen Rezeption keiner großen Beliebtheit. Verlage und Buchhändler berichten gleichsam, Kurzprosa sei schwer an den Leser zu bringen, weil dieser viel lieber zum Roman greift. Die Tatsache, dass Erzählungen vom heutigen Leser stiefmütterlich behandelt werden, ist keineswegs allgemeingültig oder selbstverständlich. In den USA sind „short stories“ ein fester Bestandteil der Gegenwartsliteratur; man denke beispielsweise an Don DeLillo oder Alice Munro, und auch in Deutschland war die Situation vor 70 Jahren noch eine andere. Die deutschsprachige Nachkriegsliteratur wurde maßgeblich von Kurzprosa geprägt, darunter die frühen Erzählungen von Ilse Aichinger, welche im Band „Der Gefesselte“ zusammengestellt wurden und zwischen 1946 – 1952 entstanden sind.  Weiterlesen

Wie alles begann. Joseph McVeigh: „Ingeborg Bachmanns Wien“

Ingeborg Bachmann gehört seit Jahren zu den Lieblingsautorinnen der deutschsprachigen Literaturwissenschaft. Zu kaum einer anderen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts gibt es eine vergleichbare Masse an Forschungsliteratur, biografischen Betrachtungen und interdisziplinären Studien, obwohl das zu Lebzeiten veröffentlichte Werk mit zwei Lyrikbänden, ein dutzend weiterer Gedichte, zwei Erzählbänden und einem Roman nicht besonders umfangreich ist. Die Forschungslust liegt nicht zuletzt darin begründet, dass aufgrund von Bachmanns „Nachlassangst“ und Diskretionsbedürfnis wenig über die Umstände der Entstehung des Werks bekannt war. Die langsame Öffnung des Nachlasses ermöglichte in den letzten zwanzig Jahren neue Erkenntnisse. Joseph McVeigh widmet sich in „Ingeborg Bachmanns Wien“ den frühen Jahren der Schriftstellerin und bedient sich dazu aus neuen, bisher wenig beachteten Quellen. Weiterlesen