Schlagwort: Nationalsozialismus

Norbert Scheuers »Winterbienen«: Bienenstich

Nazis und Zombies, Nazis und Dinosaurier, Nazis und Aliens – wenn es um den Spieltrieb geht, verspürt vor allem das Trash-Segment des Hollywoodkinos eine große Lust daran, alles Mögliche auf Nazis oder Nazis auf absurde Dinge loszulassen. In der Kategorie der »Was wäre wenn«-Geschichtsschreibung rangiert der Nationalsozialismus immer noch an erster Stelle, was auch den anhaltenden Erfolg der Serienadaption »The Man in the High Castle« erklärt. Nazis sind also vielseitig einsetzbar: Da liegt es auf der Hand, einen Roman zu schreiben, der die beiden deutschen Lieblingsthemen verbindet – Nazis und Bienen. Weiterlesen

Götz Aly (Hrsg.): Siegfried Lichtenstaedter – Prophet der Vernichtung: U.R. Deutsch

Finanzbeamten hängt nicht der Ruf nach, über prophetische Fähigkeiten zu verfügen. Doch an diesem Siegfried Lichtenstaedter war so gut wie nichts gewöhnlich. Denn der studierte Orientalist trat neben seiner beruflichen, eher spröden Tätigkeit als kluger, weitsichtiger Essayist auf und gilt – so zumindest die Verlagsankündigung des S. Fischer Verlags, wo nun Schriften Lichtenstaedters unter Herausgeberschaft von Götz Aly erschienen sind – als derjenige, der „den Holocaust vorhersagte“. Die Lektüre der nun wiederaufgelegten Texte scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Denn Lichtenstaedter wusste als jemand, der sich intensiv mit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches beschäftigte: Der Verlauf des 20. Jahrhunderts wird sich an der Frage entzünden, ob ein gesellschaftlicher Friede zwischen Mehrheitsregimen und Minderheitengruppen möglich sein wird. Weiterlesen

Ulrike Mosers „Schwindsucht“: Die Krankheit mit den vielen Namen

Krankheiten gibt es viele. Manche sind so alltäglich, dass sie vom Menschen stoisch ertragen werden, andere sind so besonders und selten, dass sie kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Und dann gibt es Krankheiten, die so verheerend sind und Gesellschaften radikal prägen, dass sie zu einem Zeitzeichen werden. Einst war es die Pest, die ganze Landstriche leerfegte, jüngst war es HIV, der Virus, der zu einem Umschlagpunkt einer sich sexuell-befreienden Gesellschaft gedeutet wurde. Krankheiten prägen den Menschen nicht nur auf basale Weise in seiner körperlichen Verfasstheit, sie prägen auch wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken, wie Ulrike Moser in ihrem Buch „Schwindsucht“ darzustellen versucht. Weiterlesen

Gabriele Tergits „Etwas Seltenes überhaupt“: „Wunderbar, nicht?“

Ähnlich wie Irmgard Keun oder Vicky Baum musste Gabriele Tergit erst in Vergessenheit geraten, um schließlich wiederentdeckt werden zu können. Tergit, die eigentlich Elise Reifenberg hieß, gehörte zu ihrer Zeit zur Berliner intellektuellen High Society. Sie publizierte im Berliner Tageblatt, das zum damals einflussreichen Mosse-Verlag gehörte, sie war bekannt mit den Größen der deutschsprachigen Literatur. Der Weg ins Exil war schließlich nicht nur ihrem kritischen Geist, sondern auch ihren Judentum geschuldet, das sie über Umwege nach Israel, dann schließlich nach London führte. Trotz einiger Besuche ist Tergit nach dem Krieg nie wieder in Deutschland heimisch geworden. Nun bemüht sich der Schöffling & Co. Verlag zumindest darum, dass ihr Werk wieder einen Platz in Deutschland findet. Weiterlesen

Ulrich Alexander Boschwitz‘ „Der Reisende“: „Diese Zeit verlangt zu viel von mir!“

Anna Seghers hat mit ihrem Roman „Transit“ ein Jahrhundertwerk geschaffen, das das harsche Schicksal derer zeigt, die im Zweiten Weltkrieg auf ihr sicheres Ende warteten. Das Verharren im Zustand des Transitären wird bei Seghers zu einer Geisterexistenz, leere Hüllen, die durch die bürokratischen Mühlen der vielen Anträge verzweifeln. Kein anderes Werk hat die seelischen Verheerungen, die Flucht und Verfolgung im Menschen anrichten, kraftvoller eingefangen als „Transit“. Wie wirkmächtig der Roman immer noch ist, zeigt auch, dass Christian Petzold den Stoff jüngst wählte, um ihn mit der heutigen Fluchtthematik zu verknüpfen. Doch nun ist, fast aus dem Nichts, ein vergleichbarer Roman in deutscher Sprache aufgetaucht: „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz. Weiterlesen

James Q. Whitmans „Hitlers amerikanisches Vorbild“: Das große Unbehagen

Die amerikanischen Rassengesetze sind in letzter Zeit wieder häufig Thema. Vor allem weil die USA in Form von Diskriminierungen immer noch unter dem Joch ihrer rassistischen Vergangenheit leidet. Die diskriminierende und segregierende Gesetzgebung, die die Gesellschaft der Vereinigten Staaten lange teilte und dessen Auswirkungen bis heute nicht überwunden sind, werden vor allem immer als amerikanische Thematik verhandelt, obwohl sich Vergleiche beispielsweise zum System Südafrikas anbieten würden. Die Verbindungslinien, die der Jurist James Q. Whitman in seiner Publikation „Hitlers amerikanisches Vorbild“ zieht, erstaunen: Die Nürnberger Rassengesetze sollen ihre Inspiration in den USA gefunden haben? Ein Gedanke, der auch dem Autor unheimlich ist. Weiterlesen

Hans Pleschinskis „Wiesenstein“: Wo er ist, war Deutschland

Manchmal ist es geisterhaft, wie Publikationen zufällig gleichzeitig auf den Markt strömen. Erst kürzlich erschien Helmut Lethens „Die Staatsräte“, das sich mit vier Intellektuellen im Nationalsozialismus und deren konfuses wie heikles Verhältnis zur Macht beschäftigte. Lethen legt darin eine Erkundung der Psychologie großer Männer vor, die sich absichtsvoll in den goldenen Käfig des Regimes begaben. Fast gleichzeitig erschien auch Hans Pleschinskis „Wiesenstein“. Pleschinski hat schon mit „Königsallee“ ein Portrait eines berühmten Literaten (Thomas Mann) geschaffen, nun hat er sich Gerhart Hauptmann vorgenommen. Was hat dieser mit den Staatsräten zu tun? Auch er blieb in Deutschland und auch er brachte sich in eine Nähe zum NS-Staat, in die er sich nicht hätte bringen müssen. Pleschinski zeichnet in „Wiesenstein“ dessen letzte Tage nach. Weiterlesen

Hans Joachim Schädlichs „Felix und Felka“: Malende Touristen

Künstlerromane liegen seit über 200 Jahren im literarischen Dauertrend: Von Ludwig Tieck über Gottfried Keller, von Émile Zola über Hermann Hesse bis hin zu den Bestsellern unserer Zeit – Kehlmanns „Ich und Kaminski“ oder zuletzt „Max“ von Markus Orths  – schildert die Literatur das Schicksal von bildenden Künstlern, mal umfassend als Bildungsroman, mal ausschnittartig in Fragmenten. Hans Joachim Schädlichs neuer Roman widmet sich nun einem Künstlerpaar: Felix Nussbaum und Felka Platek. Weiterlesen

Helmut Lethens „Die Staatsräte“: Jahrmarkt der Eitelkeit

Der Nationalsozialismus war vieles, aber er war auch ein Programm zur Vertreibung der Intelligenz aus Deutschland. Die, die es herausschafften, zog es in die Schweiz, nach England oder in die USA – sie ließen ein Land zurück, dessen Elite ideologisch strammgezogen war oder verstummte. Doch wer in Deutschland blieb und sich anpassen wollte, dem konnte es sehr gut gehen, schließlich war dem Regime nicht daran gelegen, die Verbliebenen auch noch zu verschrecken. Die Machthaber umgaben sich gerne mit vermeintlichen Genies und förderten sie in feudalistischer Manier. So wie die vier Herren, um die es in Helmut Lethens „Die Staatsräte“ geht. Lethen erkundet darin das Verhältnis der Macht zum Intellektuellen und umgekehrt. Weiterlesen

Uwe Timms „Ikarien“: No Future

Wie werden Träume zu Albträumen? Das ist eine Frage, die nicht nur Neurologen und Psychoanalytiker interessiert, sondern auch jeden, der das 20. Jahrhundert in all seiner Schrecklichkeit nachvollziehen möchte. Schließlich gab es zu Beginn der Neunzehnhunderter eine wahre Inflation an Ideen und Utopienvorschläge für den Weg zu einer gerechteren Gesellschaft. Was folgen sollte, war jedoch nicht das Paradies auf Erden, sondern die schlimmste Verheerung, die die Welt in kurzer Zeit erfahren sollte. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte die Idee einer freieren und gerechteren Gesellschaft in ihr komplettes Gegenteil sich umkehren? Eine Frage, die sich auch Uwe Timm in seinem neuen Roman „Ikarien“ stellt. Weiterlesen