Schlagwort: Natur

Im tiefen, dunklen Wald: Jovana Reisingers „Still halten“

Er ist der ultimative Sehnsuchtsort der Deutschen: der Wald. Spätestens seit der Romantik und den Grimmschen Märchen weiß jedes Kind, das im Dickicht Gefahren in Form von bösen Wölfen und noch böseren Hexen lauern. Gleichzeitig aber ist dieses Archaische, dieses Gegenbild zur vom Menschen geprägten, kultivierten Landschaft zum überhöhten Ideal geworden, das bei der Reichsgründung 1871, so zeigt sich am Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, zum Symbol nationaler Identität erklärt wurde, das die Nazis dankend für ihre Propaganda nutzten. In Jovana Reisingers literarischem Debüt ist der Wald nicht Sehnsuchtsort, sondern gefürchteter Schreckensraum. Dennoch läuft der Roman zielstrebig auf eben jenen zu. In „Still halten“ erobert die Natur die Topographie zurück. Weiterlesen

Ernst Jünger: Das Dritte Reich als Schrebergarten

Kaum ein Schriftsteller kann so ausführlich vom 20. Jahrhundert Zeugnis ablegen wie Ernst Jünger – und das nicht nur aufgrund seines methusalemischen Alters. Ernst Jüngers Lebenslauf könnte man als Parabel der jüngeren deutschen Geschichte lesen: Seine soldatische Begeisterung für den Krieg, sein ambivalentes Verhältnis zum Dritten Reich und sein Rückzug in die Privatheit nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Sonderstellung nimmt dabei sein 1939 erschienener Roman „Auf den Marmorklippen“ ein – eine Parabel auf Nazideutschland oder (wofür Ernst Jünger stets plädierte) auf totalitäre Gesellschaften im Allgemeinen. Im Dritten Reich nicht verboten, aber verpönt erzählt er die Geschichte einer fiktiven Gesellschaft am Rande des Untergangs. Weiterlesen