Schlagwort: Österreichische Literatur

Eva Menasses „Tiere für Fortgeschrittene“: Die Literatur ist eine demente Frau

Wenn Eva Menasse nicht mit ihrem eigenen Werk in Erscheinung tritt, fällt sie vor allem als Botschafterin Heimito von Doderers auf, als dessen Expertin sie den Autor auch weit über die Grenzen Österreichs im kulturellen Gedächtnis hält. Wer bei Doderer in die Schule geht, hat ein Verständnis für das Formprinzip von Literatur. Kein literarischer Technokrat, aber ein verspielter Autor war er, der das Schreiben auch immer als Experiment verstand. Eva Menasse teilt diese Lust am literarischen Spiel, deren neuestes Ergebnis der Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ ist und wieder einmal beweist, wie unterschätzt die Gattung ist. Weiterlesen

Die Tristesse der Kleinstadtjugend: Birgit Birnbachers „Wir ohne Wal“

„Was schaust du, hier hat sich nichts verändert, darum gehen ja alle nach Wien“, sagt die in Zürich lebende Schwester der Künstlerin Anna auf den ersten Seiten von „Wir ohne Wal“ über die Kleinstadt, die im Zentrum von Birgit Birnbachers Debütroman, der bei Jung und Jung erschienen ist, steht. In zehn Kapiteln wird aus zehn verschiedenen Ich-Perspektiven auf insgesamt 170 Seiten das Panorama einer grauen Kleinstadt aus Sicht der Mid-20-Jährigen gezeichnet. Weiterlesen

Ich, Ingeborg: Hans Weigels „Unvollendete Symphonie“

Hans Weigel gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Wiener Nachkriegs-Literaturbetrieb. Seine literarische Tafelrunde im Café Raimund ist legendär. Hier versammelten sich spätere Größen wie Milo Dor, Reinhard Federmann, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, um von den vielfältigen Verbindungen Weigels zu profitieren, der ihre Texte an Verleger und Zeitungsredaktionen vermittelte. Der Literaturmanager Weigel, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft im März 1938 ins Schweizer Exil ging, kehrte bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach Kriegsende, in seine Heimatstadt Wien zurück. 1951 veröffentlicht er den Roman „Unvollendete Symphonie“, in dem er die Jahre nach der Rückkehr nach Österreich thematisiert. Aufsehen erregte nicht die literarische Qualität des Textes, sondern seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann, die er in seinem Roman ebenfalls verarbeitet.

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Vom Ende her auf das Ende hin: Ilse Aichingers frühe Erzählungen

Erzählungen erfreuen sich im deutschsprachigen Raum in der gegenwärtigen Rezeption keiner großen Beliebtheit. Verlage und Buchhändler berichten gleichsam, Kurzprosa sei schwer an den Leser zu bringen, weil dieser viel lieber zum Roman greift. Die Tatsache, dass Erzählungen vom heutigen Leser stiefmütterlich behandelt werden, ist keineswegs allgemeingültig oder selbstverständlich. In den USA sind „short stories“ ein fester Bestandteil der Gegenwartsliteratur; man denke beispielsweise an Don DeLillo oder Alice Munro, und auch in Deutschland war die Situation vor 70 Jahren noch eine andere. Die deutschsprachige Nachkriegsliteratur wurde maßgeblich von Kurzprosa geprägt, darunter die frühen Erzählungen von Ilse Aichinger, welche im Band „Der Gefesselte“ zusammengestellt wurden und zwischen 1946 – 1952 entstanden sind.  Weiterlesen

Heimito von Doderer: Der Autor hat Spaß

Wer sich in die Prosa Heimito von Doderers begibt, muss viele Treppen steigen. Seiner Obsession hat er 1951 ein Denkmal gesetzt: „Die Strudlhofstiege“ ist sein bekanntestes Werk – ein monumentales Panorama des Zwischenkriegs-Wien, ein manisches Figurengewirr, das ähnlich wie die bekannte Stiege im Wiener Alsergrund aufzeigt, wie Geschichte und Geschichten verzweigt verlaufen. Für seinen letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Die Wasserfälle von Slunj“ kehrte er noch einmal zu den Treppen zurück, dieses Mal in Form der kroatischen Wasserläufe. Auch in diesem Text geht es um die österreichische Gesellschaft, mit der es, ganz wie bei den Wasserfällen, bergab geht. Doch noch viel mehr ist der Roman ein großer Abenteuerspielplatz für einen Autor, der viel Spaß daran hat, den Leser hinter die Fichte zu führen. Weiterlesen

Wie alles begann. Joseph McVeigh: „Ingeborg Bachmanns Wien“

Ingeborg Bachmann gehört seit Jahren zu den Lieblingsautorinnen der deutschsprachigen Literaturwissenschaft. Zu kaum einer anderen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts gibt es eine vergleichbare Masse an Forschungsliteratur, biografischen Betrachtungen und interdisziplinären Studien, obwohl das zu Lebzeiten veröffentlichte Werk mit zwei Lyrikbänden, ein dutzend weiterer Gedichte, zwei Erzählbänden und einem Roman nicht besonders umfangreich ist. Die Forschungslust liegt nicht zuletzt darin begründet, dass aufgrund von Bachmanns „Nachlassangst“ und Diskretionsbedürfnis wenig über die Umstände der Entstehung des Werks bekannt war. Die langsame Öffnung des Nachlasses ermöglichte in den letzten zwanzig Jahren neue Erkenntnisse. Joseph McVeigh widmet sich in „Ingeborg Bachmanns Wien“ den frühen Jahren der Schriftstellerin und bedient sich dazu aus neuen, bisher wenig beachteten Quellen. Weiterlesen

Ernst Lothar: „Heim in die Fremde“

Die meisten Entdeckungen, die Verlage heutzutage machen, sind ein Versprechen an die Zukunft. Verlagsvertreter und Literaturagenten tummeln sich auf Literaturwettbewerben und um die Schreibschulen herum, um den nächsten Literaturstern nicht zu verpassen: Der Gegenwartsliteratur eine funktionierende Infrastruktur zu bieten, ist immer noch die Hauptaufgabe der Literaturverlage. Doch manchmal lohnt auch ein Blick ins Archiv, denn viel zu oft scheitern gute Texte auf dem steinigen Weg in den literarischen Kanon.  Der Fall Ernst Lothar zeigt: Manchmal gehen echte Schätze verloren, auch wenn Eva Menasse völlig recht hat, wenn sie im Nachwort des nun wiederaufgelegten Romans schreibt: „‘Der Engel mit der Posaune‘ ist kein erstklassiger Roman; das dürfte auch zu seinem Vergessen beigetragen haben.“ Weiterlesen

Der Geniestreich: Clemens Setz‘ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“

Wer „Indigo“ mochte, wird „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ lieben. Mit seinem neuen, knapp über tausend Seiten umfassenden Roman hat sich der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz selbst übertroffen und das vielleicht beste Buch des Jahres veröffentlicht, das inhaltlich und handwerklich auf ganzer Linie überzeugt. Man sei gewarnt: dieser Roman macht süchtig. Umso skandalöser ist es, dass Setz es zwar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, die Nominierung für die Shortlist jedoch ausblieb. Weiterlesen

Robert Schindel und die österreichische Amnesie

Frühling 1944 in Österreich: Robert Schindel, Sohn jüdischer Kommunisten, erblickt das Licht der Welt. Das Kriegsende 1945 erlebt Schindel in einem Wiener Kinderkrankenhaus, wo zuvor seine Deportation nach Auschwitz und Theresienstadt verhindert und sein Überleben gesichert wurde. Seine Mutter kehrte aus Auschwitz und Ravensbrück zurück, während sein Vater im Dachau ermordet wurde.

Ab den 1980er Jahren macht sich Schindel vor allem in Österreich einen Namen als Lyriker. Zum Hauptthema seines prosaischen Werks macht der Schriftsteller später die Frage nach der österreichischen Schuld in der Shoah. Seine Romane „Gebürtig“ (1992) und „Der Kalte“ (2013) thematisieren den Umgang mit der Shoah aus jüdischer und nicht-jüdischer Perspektive in Österreich über die Generationen hinweg und reflektieren die Waldheim-Affäre der 1980er Jahre in Wien, der „Welthauptstadt des Vergessens“. Schindel dokumentiert und poetisiert ein Stück österreichische Zeitgeschichte. Weiterlesen