Schlagwort: Poetologie

Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“: Im inneren Salon

Bei den diesjährigen Emmy-Verleihungen gab es viele Sieger, wie sollte es auch anders sein, bei einer Verleihung, die Preise mit der Gießkanne ausschüttet. Doch einer der großen Sieger war sicherlich „The Handmaid’s Tale“. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood und zieht einen mittellangen Roman auf die Länge von zehn Folgen. Die im Text so dominante Ich-Erzählerin June Osborn bzw. Offred wird in der Serie ausgerechnet von der so talentiert wie religiös verwirrten Elisabeth Moss verkörpert. Doch dass die Hauptdarstellerin einer Serie, die eine totalitär-religiöse Gesellschaft zeichnet, sich der Humbug-Gemeinschaft von Scientology angeschlossen hat, ist nicht die größte Krux. Wer heute noch mal Atwoods Roman „The Handmaid’s Tale“ liest, kann verstehen, warum dieser Stoff als Serie nur scheitern konnte – und warum Atwood eine große Schriftstellerin ist. Weiterlesen

»Die meisten Figuren sind das, was sie tun.« Blogbuster-Kandidatin Chrizzi Heinen im Gespräch

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Chrizzi Heinen steht mit ihrem Text „Das schwarze Loch“ auf der Longlist des Blogbuster-Preises 2017. Überzeugt hat die Berlinerin mit einem ungewöhnlichen Plot, einer Erzählstimme mit Wiederkennungswert, mit Humor und Mut zu formellen Spielereien. Nun hat sie Auskunft über ihr künstlerisches Schaffen, ihre literarischen Vorbilder und den Schreibprozess gegeben. Weiterlesen

Träumst du noch oder lebst du schon? Gaito Gasdanows „Die Rückkehr des Buddha“

Viel Kafka und ein bisschen Bulgakow – das ist „Die Rückkehr des Buddha“ von Gaito Gasdanow. Der Text wurde erstmalig als zweiteiliger Fortsetzungsroman in der russischen Exil-Literaturzeitschrift „The New Review“ in New York zwischen 1949 und 1950 veröffentlicht. Der Hanser Verlag, der bereits 2012 Gasdanows bekannteren Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ herausgab, hat den Roman erneut zugänglich gemacht und trägt damit maßgeblich zur Wiederentdeckung von Gasdanows Werk im deutschsprachigen Raum bei. Weiterlesen

Alfred Kerr: Der Kritiker als Überkünstler

Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 hatte die deutsche Literaturkritik ihren Großmeister in Marcel Reich-Ranicki, heute sitzt Maxim Biller im neu aufgelegten Literarischen Quartett und polarisiert – doch wer war vor einhundert Jahren der umstrittendste Literaturkritiker seiner Zeit? Die Antwort ist einfach: Alfred Kerr. Der 1867 in Breslau geborene Alfred Kempner, der seit seinem 20. Lebensjahr unter dem Pseudonym veröffentlichte und 1909 vollends seinen Geburtsnamen ablegte, um ihn in Kerr zu ändern, publizierte rund vierzig Jahre lang vornehmlich Theaterkritiken in den bedeutendesten Feuilletons im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Zunächst war „Der Tag“, ab 1919 das „Berliner Tageblatt“ sein Auftraggeber. Er schrieb nicht nur jährlich mehrere Dutzend Theaterkritiken, sondern entwickelte auch eine Poetologie der Kritik. Weiterlesen