Schlagwort: Postmoderne

Tex Rubinowitz‘ „Lass mich nicht allein mit ihr“: Meta!

Die Schriftstellerei ist ein schizophrenes Gewerbe. Autoren denken sich Erzähler aus, die wiederum über Figuren sprechen. Der Autor kann in seinen eigenen Romanen vorkommen oder auch völlig abwesend sein, es gibt einen privaten Autor und einen öffentlichen. Seine Texte sind immer selbstbestimmt und gleichzeitig durchdrungen von Fremdzitaten, darüber hinaus darf auch der Einfluss Zweiter und Dritter – wie der von Lektoren – nicht unterschätzt werden. Kurzum: der Autor ist eine Matroschka-Puppe, unter dem einen Figürchen wartet immer noch ein weiteres. Dass das so ist, ist keine rasante Neuigkeit. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entdeckte die Postmoderne die Lust gerade an dieser Konstellation herumzuprobieren und schrieb Literatur, die die literarische Form selbst zum Thema hatte. Zwar wurde dieser literarische Spieltrieb mittlerweile von der neuen Sehnsucht nach authentischen, lebensnahen Stoffen abgelöst, hin und wieder räuspert sich die Postmoderne jedoch noch einmal – in Tex Rubinowitz‘ Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“ zum Beispiel, in dem das Verwirrspiel um Identitäten zum müden Witz verkommt. Weiterlesen

Die Magie der Materialität: J. J. Abrams und Doug Dorsts „S.“

Ein Buch von J. J. Abrams? Das Medium des US-Amerikaners war bislang das bewegte Bild. In Hollywood ist er schon länger ein gefragter Regisseur und Produzent von SciFi-, Mystery- und Actionproduktionen, dem nicht zuletzt die ehrenvolle Aufgabe zukam, bei Star Wars Episode VII Regie zu führen. Doch das geschriebene Wort scheint nicht fern, wenn man sich vor Augen führt, dass auch Abrams seine Karriere in Hollywood als Drehbuchschreiber startete. Für die Umsetzung seiner Romanidee holte er sich Hilfe beim Schriftsteller Doug Dorst, der sein Konzept zu Papier brachte – der Starregisseur schreibt also doch nicht selbst, weiß die New York Times. Man hat Verständnis, Abrams ist vielbeschäftigt. Und es wäre auch schade, diesem Buch seine Qualität wegen solcher Formalitäten abzusprechen. Denn mit „S.“ erschien in diesem Herbst ein besonderes Buch, das ein Gesamtkunstwerk ist. Weiterlesen

Vom Finden und Verschwinden: Ralph Dutlis „Die Liebenden von Mantua“

In Ralph Dutlis neuem Roman ist die Topographie der Protagonist. Mantua ist ein Ort mit großer literarischer Tradition: sie gilt als Geburtsort des römischen Dichters bzw. Epikers Vergil und ist neben dem benachbarten Verona der Schauplatz für das Liebesdrama um Shakespeares Romeo und Julia, der Ort, an dem im letzten Akt beide den gemeinsamen Tod finden. In jene Tradition stellt sich Ralph Dutli mit seinem Roman Die Liebenden von Mantua, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft hat.  
Irgendwo zwischen postmoderner Epik und Kriminalgeschichte erzählt Dutli in einer Art „Realismus des Unwahrscheinlichen„, in dem die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum, Fantasie und Wahn zu verschwimmen scheinen, von den Spielarten der Liebe und von der Macht der Literatur. Weiterlesen