Schlagwort: Prag

Jiří Weils »Mendelssohn auf dem Dach«: Die entkernte Stadt

Die Liste der vergessenen europäischen Schriftsteller ist Legion. Dass sich der tschechische Schriftsteller Jiří Weil auf dieser Liste wiederfindet, hat sicherlich mit seinem widerständigen Geist zu tun, aber auch damit, dass er als jüdischer Schriftsteller im Realsozialismus unter ständiger Bedrohung stand. So passt es, dass im Nachwort zu »Mendelssohn auf dem Dach« die Anekdote erzählt wird, wie Klaus Wagenbach auf seinen Kafka-Recherchen nach Prag kam und Hilfe von einem netten unscheinbaren Herrn bekam, ohne damals zu wissen, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Später sollte sich rausstellen: Es war Jiří Weil. Folgerichtig bemüht sich der Wagenbach Verlag nun, Weil wieder ins kulturelle Gedächtnis zurückzubringen und publiziert mit »Mendelssohn auf dem Dach« einen vergessenen Roman über ein Prag unter nationalsozialistischer Besatzung. Weiterlesen

Auguste Hauschners „Der Tod des Löwen“: Böhmens Sonne ist im Niedergang

Ein Jahr ist es schon wieder her, da erinnerte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Öffentlichkeit an vierhundert Jahre Dreißigjähriger Krieg. Ausgangspunkt wie Zentrum dieses Konflikts war die Stadt Prag, in deren Stadtmauern böhmische protestantische Stände auf katholische Herrscher stießen und aus dem Fenster warfen. Die Gewalt verließ diese Stadt nicht, dreihundert Jahre später war die Stadt schon wieder zu klein für zwei geworden: dieses Mal für Tschechen und Habsburgerdeutsche. Wer in die Geschichte Prags schaut, der entdeckt eine unruhige Stadt – das gilt auch für „Der Tod des Löwen“ von Auguste Hauschner. Weiterlesen

„Böhmisch klingt es.“ Höller/Larcati: „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“

Bachmanns Winterreise nach Prag

Der Mythos Ingeborg Bachmann ist ungebrochen. Der 1926 in Kärnten geborenen Schriftstellerin, die als Lyrikerin nach ihrem legendären Auftritt bei einem Treffen der Gruppe 47 im Sommer 1952 einen kometenhaften Aufstieg feierte, bis sie nach nur zwei Gedichtbänden der Lyrik abschwor und sich der Prosa zuwandte, wird sowohl in der literaturwissenschaftlichen Forschung als auch in der breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit zuteil. Auch ihre beiden Verlage – Piper und Suhrkamp – würdigen das Werk der Österreicherin mit einer großen, auf dreißig Bände ausgelegten Werkausgabe, dessen ersten beiden Bände im kommenden Februar erscheinen werden. Hans Höller und Arturo Larcati, zwei namenhafte Bachmann-Forscher, haben dies zum Anlass genommen, um mit „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“ einen Band zur späten Lyrik der Autorin vorzulegen. Weiterlesen

Der GOLEM kommt! Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Der Golem ist die wahrscheinlich bekannteste jüdische Legendenfigur. Selbst wer die populären Verarbeitungen des Golem-Mythos aus dem frühen 20. Jahrhundert – Gustav Meyrinks Roman „Der Golem“, der zwischen 1913 und 1914 als Fortsetzungsroman erschien und die drei Golem Stummfilme von Paul Wegener von 1914, 1917 und 1920 – nicht kennt, ist zumindest mit dem Motiv oder den modernen Adaptionen vertraut: Sie sind Teil des Pokémon- oder des Marvel-Universums, seine Attribute sind in diversen modernen Filmfiguren enthalten. Das Jüdische Museum Berlin hat dem Golem nun eine großartige, differenziert-durchdachte und abwechselungsreiche Ausstellung gewidmet, die sich dem literarischen Mythos, seinen diversen Bearbeitungen und den zeitgenössischen Adaptionen widmet. Weiterlesen

Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“: Der Tod ist im Haus

Das Bild des alten kakanischen Habsburgerreichs ist voller Nostalgie und Verklärung. Dabei werden vor allem zwei Städte der sentimentalen Rückschau unterzogen: Wien und Prag. Während in Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ oder Joseph Roths „Radetzkymarsch“ das prunkvolle und liberale Zentrum der Donau-Monarchie noch einmal kurz aufscheint, findet man das alte Prag bei den Prager Kreislern um Max Brodt und Autoren wie Leo Perutz oder Gustav Meyrink. Anders als die Wien-Nostalgie ist das Gedenken an ein untergegangenes Prag von Schatten überzogen: die Stadt an der Moldau war viel stärker als Wien von seinen mittelalterlichen Strukturen geprägt, was bis heute sichtbar ist. Mit seinem aus der Zeit gefallenen Antlitz haben sich die vielen Sagen und Mythen um die Stadt erhalten, Prag ist sozusagen die dunkle Kehrseite des hellen Wiens. Von der dunklen Seite des Mondes erzählt auch Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“, das zu Unrecht hinter dem allseits bekannten „Golem“ im Vergessenen liegt. Weiterlesen

Benjamin Steins „Das Alphabet des Rabbi Löw“: Die Magie der Buchstaben

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wird dominiert von realistischen Prosatexten mit starkem Wirklichkeitsbezug. Das Name-Dropping bekannter Orte, Namen oder Marken wird im monumentalen BRD-Roman von Frank Witzel oder Richters „89/90“ zelebriert, unnütze Details erzeugen einen Wirklichkeitseffekt in der Literatur, der möglichst genau eine Realität abbilden möchte, die unserer eigenen möglichst nahe kommt. Immer seltener finden sich sich fantastische oder mystische Elemente, Übernatürliches wird meist als Trivialliteratur verpöhnt.
Benjamin Stein ist mit seinem Roman „Das Alphabet des Rabbi Löw“, der neuaufgelegten Bearbeitung seines bereits 1995 erschienenen Debütromans, ein bemerkenswerter Text gelungen, der sich gegen Wirklichkeitsbezüge und für das Mystische entscheidet. Weiterlesen

old but gold: Gustav Meyrink’s „Der Golem“

Wer an den Golem denkt, der assoziiert unverweigerlich Paul Wegener, den deutschen Filmpionier, seine drei Golem-Filme, die zwischen 1914 und 1920 gedreht und von denen vor allem „Der Golem, wie er in die Welt kam“ zum Stummfilmklassiker wurde. Gustav Meyrinks Roman, der 1913 und 1914 erstmals als Fortsetzungsreihe in den Weißen Blättern und 1915 in Buchform erschien, hat nichts mit den Filmen von und mit Paul Wegener zu tun, keiner der drei Stummfilme ist eine Adaption des literarischen Textes. Meyrinks „Golem“ wurde zum erfolgreichsten deutschsprachigen Roman in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass das Motiv Eingang in gleich drei der frühesten deutschen Kunstfilm-Produktionen fand und so unsterblich wurde, obwohl der Roman 1933 bei den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen für immer aus dem Kanon ausgelöscht werden sollte. Weiterlesen