Schlagwort: Preis der Leipziger Buchmesse

Wie Gott in Frankreich: Anne Webers „Kirio“

Weber-Kirio

„Nichts ist sicher in diesem funkensprühenden Roman, der von einem Wunderwesen und dessen Wanderungen quer durch Frankreich bis nach Deutschland erzählt. Ein moderner Schelmenroman voller Sprachphantasie und Komik.“ So begründet die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse die Nominierung von „Kirio“, dem neuen Roman von Anne Weber. Gewonnen hat am Ende Natascha Wodin. Vielleicht, weil der Text sich nicht als Schelmenroman, sondern als „Heiligenlegende“ versteht, wie es der Klappentext verkündet? Weiterlesen

Wurzellos: Natascha Wodins „Sie kam aus Mariupol“

Wodin: Sie kam aus Mariupol

Texte zwischen Fiktion und autobiographischem Schreiben haben Konjunktur. Nachdem Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und von vielen schon als sicherer Gewinner gehandelt wurde, wurde Natascha Wodin mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: „Dieses Buch trägt auch ausdrücklich nicht die Bezeichnung Roman. Doch an der Grenze von Fiktion und Nichtfiktion, wo es angesiedelt ist, betreibt es autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben auf der Grundlage von Lidias Tagebüchern. In diesem genreüberschreitenden Sinn ist es unerhört zeitgenössisch.“ Zeitgenössisch – ja, sicher. Aber wie ist es um den literarischen Wert dieses Textes bestellt? Weiterlesen

Guntram Vespers „Frohburg“: Ein literarischer Messie

Frohburg ist eine sächsische Kleinstadt, sie verfügt über rund 10.000 Einwohner, ist Teil des Landkreises Leipzig und liegt an der Grenze zu Thüringen. Otto Nuschke, der Vorsitzende der DDR-CDU, ist in Frohburg geboren, Frauke Petry soll auch mal dort gewohnt haben. Normalerweise wäre das das einzige, was der durchschnittliche Deutsche sich gerade noch von dem sächsischen Örtchen merken würde, wäre da nicht am 17. März 2016 etwas Eigentümliches geschehen: Der in Vergessenheit geratene Guntram Vesper war mit einem Ziegelstein von Buch nach Leipzig gekommen, für den ganz großen Wurf. Mit dem Gewinn des Preises der Leipziger Buchmesse stand der fünfundsiebzigjährige Schriftsteller plötzlich im Rampenlicht und mit ihm seine Heimatstadt Frohburg. In der Begründung der Jury heißt es über Vespers Roman: „Die Sätze in diesem Buch sind lang, oft bringen sie gleich mehrere Perspektiven zusammen, und sie sind stets konkret, geatmet, nah dran an der Mündlichkeit.“ Lang sind die Sätze tatsächlich, genauso wie der Roman ein langer ist. Ein furchtbar langer Roman, bei dem die Zeit noch viel länger wird. Weiterlesen

Heinz Strunk: Die Nacht der lebenden-toten Scheißhausexistenzen

Karl Marx schrieb im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Man kann über die Richtigkeit dieses Schemas streiten, aber im Fall Franz Honka trifft es einen wunden Punkt. Bei dem Serienmörder, der im Hamburg der Siebziger sein Unwesen trieb, wiederholte sich Geschichte als grausame Farce. Im Lebensweg dieser gequält-quälenden Gestalt bildete sich der ganze Horror des 20. Jahrhunderts ab und schließlich verbreitete er selbst Angst und Schrecken: er ging in die Geschichte als Mörder vierer Frauen ein. Dieser Geschichte widmet sich nun Heinz Strunk in seinem neuen Roman „Der goldene Handschuh“ – ein kluger Text, der nie Verständnis anbieten möchte, aber um Erkenntnis ringt. Weiterlesen

Das Ende der Welt: Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“

Nis-Momme Stockmann, der bislang mit seinen Theaterstücken Erfolge feiern konnte, hat mit „Der Fuchs“ sein erstes Prosawerk vorgelegt und es gleich auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Seine Thematik passt zum Zeitgeist der deutschen Gegenwartsliteratur: In dystopischer Manier wird die Apokalypse durchgespielt, als eine große, alles auslöschende Flut auf das norddeutsche Dorf Thule trifft, welcher der Protagonist und Chronist Finn Schliemann nur entgehen kann, weil er sich mit zwei Freunden auf das Dach eines Hauses rettet. Was „Der Fuchs“ von Texten wie „Eigentlich müssten wir tanzen“ oder „Winters Garten“ unterscheidet, ist seine Radikalität und sein Mut zum allumfassenden Erklärungsmodell. Stockmann erschreibt auf über siebenhundert Seiten die Entstehung des Universums, dessen Schicksal sich mythisch in einer deutschen Kleinstadt verdichtet. Weiterlesen