Schlagwort: Prenzlauer Berg

Jochen Schmidts „Zuckersand“: Es grönemeyert

Kindermund tut Wahrheit kund, Kinder sind unsere Zukunft, Kinder an die Macht – die deutsche Sprache ist wahrlich voll von Floskeln über Kinder. Auch in die entgegengesetzte Richtung: Kinder können so grausam sein! Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, doch wer würde schon jenen widersprechen wollen, die das Kindsein zu einem paradiesischen Zustand unverfälschter Wahrheit hochstilisieren, schließlich ist die Kulturgeschichte reich an kinderhassenden Schreckensfiguren. Das Kind in sich zu bewahren ist mittlerweile das Lebensziel einer ganzen Generation geworden. Die Großstädte sind voll von Mittdreißigern, die im erarbeiteten Wohlstand der Babyboomer-Generation großgeworden sind und in Sorglosigkeit die eigene Jugend verlängern. Das mag noch niemanden zum Vorwurf erwachsen, doch die lebensklügsten Zeitgenossen erwachsen aus solch einem Milieu nicht. Für diese Generation hat Jochen Schmidt nun den Roman „Zuckersand“ geschrieben, der sich anstatt für Erzählkunst für gegrönemeyerte Aphorismen entscheidet. Weiterlesen

Roland Schimmelpfennig: Kulturpessimismus für Dummies

In Deutschland ertönt wieder der Wolfsruf. Er schallt von Brandenburg bis nach Ostwestfalen, von Schleswig-Holstein bis in den Bayerischen Wald. Einst war seine Ausrottung ein Sieg der Zivilisation – endlich mussten sich die immer weiter ausbreitenden Viehherden nicht mehr sorgen, gerissen zu werden. Der Mensch hatte die Wildnis aus Deutschland vertrieben. Doch mit wachsendem Fortschritt sehnen sich die Leute wieder nach ein bisschen Wildnis. Nur so erklärt sich der Boom in der Branche des Abenteuerurlaubs und so wird auch die Rückkehr des Wolfs im Allgemeinen mit freudiger Faszination aufgenommen. Und da der Wolf schon immer Projektionsfläche für alle möglichen abgründigen Phantasien war, wundert es einen nicht, dass der Wolf auch in der Kunst zurückgekehrt ist: Gleich zwei vielbeachtete Werke beschäftigen sich 2016 mit dem zurückgekehrten Raubtier: Nicolette Krebitzs „Wild“ und Roland Schimmelpfennigs „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“. Das eine ein sehr kluger und aufregender Film, das andere klischeebeladener Unsinn.  Weiterlesen

Schlaf, Kindlein, schlaf: Verena Friederike Hasels „Lasse“

In ihrem Debütroman „Lasse“ setzt Verena Friederike Hasel sich mit einem gesellschaftlichen Tabuthema auseinander: Was geschieht, wenn eine Mutter ihr Kind nach der Geburt nicht lieben kann? Aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive erlaubt Hasel dem Leser in vier Kapiteln auf zweihundert Seiten einen Blick in die Gedanken einer jungen Frau, die völlig auf sich allein gestellt alles versucht, um ihrem Sohn eine gute Mutter zu sein – und scheitert. Weiterlesen

„Bodentiefe Fenster“: Hilfe, uns geht’s zu gut!

Warum warfest du mich hin
In die Stadt der ewig Blinden
Mit dem aufgeschloßnen Sinn?
Warum gabst du mir zu sehen,
Was ich doch nicht wenden kann?
Das Verhängte muß geschehen,
Das Gefürchtete muß nahn.
– Friedrich Schiller: Kassandra

Kassandra hat eine lange Reise hinter sich. Christa Wolf holte einst die DDR zu ihr, was ihr wohl so gut gefallen hat, dass sie sich nun im Prenzlauer Berg niedergelassen hat. Dort weilt sie unter dem Namen Sandra, hat einen Mann und zwei Kinder, sieht so einiges und kann natürlich nichts davon verhindern. Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ erzählt aus dem Auge des Sturms des mittlerweile berühmt-berüchtigtsten Viertel Deutschlands. Zwischen Kinderläden und Reformmüttern formuliert ihre Figur die Ohnmacht vor dem allzu offensichtlichen Terror, den junge Familien sich tagtäglich selbst antun. Weiterlesen