Schlagwort: Rainald Goetz

Benjamin von Stuckrad-Barres „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“: Die Welt von Gestern

Mit „Panikherz“ ist Benjamin von Stuckrad-Barre eigentlich in eine neue Werkphase eingestiegen. Er war Popstar, Jungschriftsteller, TV-Talker, Feuilletonist, Drogenabhängiger – und dann musste der Stuckrad-Barre-Zug irgendwann die Notbremse ziehen. Lebenswandel, Drogenentzug, Selbsterforschung: Das Ergebnis war „Panikherz“, das nicht nur Seelenstriptease, sondern auch Epochenwandel sein sollte. Stuckrad-Barre, der wie kaum ein anderer für das kulturelle Klima der späten 90er/frühen Nullerjahre stand, beendete die große Zeit der Ironiker. Es hieß nun Thomas Gottschalk statt Harald Schmidt, Udo Lindenberg statt Oasis. Den literarischen Wert von „Panikherz“ kann man in Frage stellen, kulturhistorisch war es höchst interessant. Was nun jedoch mit „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ aus den letzten Jahren hinterherschwappt, zeigt wie schnell das Werk Stuckrad-Barres gealtert ist. Weiterlesen

Friedrich Torberg: Das alte Tanten-Prinzip

Ich bin ein Jud. Ich lebe in Österreich. Ich war in der Emigration. Ich hab was gegen Brecht… Etwas davon schadet mir immer.

Friedrich Torberg ist der große Unbekannte in der deutschsprachigen Literatur. 1908 als Friedrich Ephraim Kantor-Berg in Wien geboren, gehörte er im jungen Erwachsenenalter schnell zu den Stammgästen der literarischen Kaffeehäusern und verkehrte mit der literarischen Prominenz der Zeit: Robert Musil, Max Brod, Alfred Polgar, Leo Perutz und Franz Werfel.

Sein größter Erfolg war der Roman „Der Schüler Gerber“ – ein Text wie Musils „Törleß“ oder Hermann Hesses „Unterm Rad“ über die Mechanismen der Grausamkeiten, in der Bildungsinstitutionen ihre Schüler einspannen. Nach dem Krieg und der Rückkehr nach Wien wird aus dem Schriftsteller Torberg ein Literaturkritiker, -förderer und –funktionär. So setzt er unter anderen zusammen mit Hans Weigel den Wiener Brecht-Boykott in den 50ern durch. Weiterlesen

Rainald Goetz: Protokollant! der Gegenwart?

Rainald Goetz erhält den Büchner-Preis. In ihrer Begründung teilt die Jury unter anderem mit: „Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zeichnet einen Autor aus, der sich mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht hat.“ Das Label des Chronisten wurde dankend von medialer Seite angenommen. Da war mal vom Protokollanten die Rede oder aber von der einzigartigen Gabe, einen gewissen Sound zu verstehen. Einig waren sich alle, dass Rainald Goetz sich wie kaum ein anderer in der Gegenwart bewegt. Nur Georg Diez beschwerte sich lieber über Literaturpreise an sich als sich mit Goetz auseinanderzusetzen.

Doch worin besteht dieser besondere Draht zur Gegenwart?  Weiterlesen