Schlagwort: Reisebericht

Wolfgang Koeppens „Amerikafahrt“: Republikanische Pracht

Die Geschichte Wolfgang Koeppens ist die des Verstummens. Der Autor aus Greifswald galt unter seinen Zeitgenossen als einer der avanciertesten Nachkriegsschriftsteller, obgleich sein literarischer Werdegang schon in der Weimarer Republik begann. Mit Marcel Reich-Ranicki hatte Koeppen einen wortmächtigen Fürsprecher an seiner Seite; eine Verbindung, die in der Nachbetrachtung unterschiedlich bewertet wurde. Während die einen Reich-Ranicki für seine Errungenschaften um Koeppen preisen, haben andere dem Großkritiker stets vorgehalten, das Verstummen des Autors mit seinem ständigen Drängen auf den nächsten großen Roman noch befördert zu haben. Wer es mit einfachen psychologischen Schlüssen hält, könnte vermuten, der Grund für Koeppens spätere Konzentration auf Reiseberichte ist genau in diesem Spannungsverhältnis erwachsen: die Reise als Flucht vor einem Kulturbetrieb, der ständig Erwartungen an einen Autoren herantrug, die dieser nicht mehr erfüllen konnte oder wollte. Einer der Texte dieser Zeit ist Koeppens „Amerikafahrt“, die Reise eines Enthusiasten. Weiterlesen

Andrzej Stasiuk: Die Tektonik des Ostens

Die Losung Heinrich Himmlers „Der Osten gehört der SS.“ ist der grausame Höhepunkt europäischer Großmachtphantasien. Die Nationalsozialisten wollten in Osteuropa all das verwirklichen, was sich ihre Chefideologen an Spinnereien ausgedacht hatten: Das deutsche Volk hatte zu wenig Raum, deswegen musste Platz geschaffen werden. Was dann folgen sollte, war die perfekte, natürlich deutsche, bäuerliche Gesellschaft – arisch und naturverbunden. Der Osten Europas war schon immer Ort großer Umwälzungen und heikler politischer Projekte. Wer nachvollziehen will, wie deutsche Generäle schon während des Ersten Weltkriegs ins Schwärmen kamen, als sie über die deutsche Zukunft im Osten nachdachten, der lese Arnold Zweigs „Der Streit um den Sergeanten Grischa“. Das letzte Projekt, das Eurasien übergestülpt wurde, war der Kommunismus. Die Schaffung des neuen Menschen hat jedoch Trümmerlandschaften zurückgelassen, durch die Andrzej Stasiuk in seinem neuen Text „Der Osten“ gezogen ist. Weiterlesen

Joseph Roth im „Völkerlabyrinth“ – Reisen in die Ukraine und nach Russland

Es gibt Städte, in denen es nach Sauerkraut riecht. Dagegen hilft kein Barock.

1926 machte sich Joseph Roth für die „Frankfurter Zeitung“ auf eine Reise in das seit neun Jahren sowjetisch regierte Russland. Für den 1984 in Brody geborenen Schriftsteller bedeutete dies eine dreifache Rückkehr. Eine Rückkehr in die Landschaft seiner Kindheit, eine Rückkehr an die Front des Ersten Weltkriegs, in dem er als Infanterist in der österreichischen Armee gedient hat und eine geistige Rückkehr in die verlorengegangene Peripherie des K.u.K.-Reiches.

Dabei herausgekommen sind episodische Schilderungen eines bis heute unbekannten europäisch-asiatischen Raumes. Weiterlesen