Schlagwort: Rezension

Auf der Reise: Chaim Nolls Erzählband „Schlaflos in Tel Aviv“

Chaim Noll, der als Hans Noll 1954 in Ost-Berlin geboren wurde, lebt nun seit über zwanzig Jahren in Israel. Er hat sich gegen das Leben in einer der Großstädte entschieden und sich zurückgezogen in der Wüste Negev niedergelassen. Sein neuestes Buch „Schlaflos in Tel Aviv“, das im Frühjahr 2016 im Verbrecher Verlag erschien, umfasst vierzehn Erzählungen aus den letzten dreißig Jahren. Stilistisch und motivisch bleibt Noll sich treu, die Perspektiven verschieben sich jedoch. Weiterlesen

Kein Neuanfang nach ’45: Christian Adams „Der Traum vom Jahre Null“

Im Sommer 1945 liegt Deutschland in Trümmern: Der Krieg ist verloren, der NS-Staat zusammengebrochen, der Bevölkerung fehlt es am Nötigsten. Die einzige Hoffnung für viele Menschen: Im Ende des Alten sehen sie eine Chance auf einen Neuanfang, einen radikalen Umbruch, eine ‚Stunde Null‘. Die Entnazifizierungsverfahren der Alliierten scheinen ihnen auf den ersten Blick Recht zu geben. Die alten Eliten werden aus ihren leitenden Positionen entlassen und müssen Rechenschaft ablegen. Doch gab es diesen Neuanfang nach 1945 wirklich? In seiner Studie „Der Traum vom Jahre Null“ befasst sich Christian Adam mit dem deutschen Literaturbetrieb nach 1945, den Lesegewohnheiten der Deutschen, dem Umgang der Literatur mit dem Krieg und dem Personal des Literaturbetriebs und stellt fest: Der Traum von der Stunde Null ist nur ein Mythos. Weiterlesen

Küss die Hand: Marjana Gaponenkos „Das letzte Rennen“

Mehr ‚Wien‘ geht kaum: In Marjana Gaponenkos neuem Roman „Das letzte Rennen“ werden Fiaker gefahren, es wird über den Graben spaziert und in nächster Nachbarschaft des Praters residiert. Aus der Ich-Perspektive des 1988 geborenen Kaspar Nieć, Sohn eines aus Polen stammenden Millionärs, erzählt der dritte Roman von Gaponenko vom Untergang der höheren Wiener Gesellschaft und einer ambivalenten Vater-Sohn-Beziehung. Während thematische Konstanten durchaus vorhanden sind, unterscheidet sich „Das letzte Rennen“ stilistisch maßgeblich vom mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichneten Vorgängerroman „Wer ist Martha?“: „Das letzte Rennen“ ist weniger poetisch, dafür  sarkastisch und voller schwarzem Humor.  Weiterlesen

Obsessionen eines Studenten: Aljoscha Brells „Kress“

Nein, mit Kress, dem Protagonisten des gleichnamigen Debütromans von Aljoscha Brell, kann man beim besten Willen nicht sympathisieren. Der Student der Literaturwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin ist ein Einsiedler, ein Wutbürger, ein Besserwisser, der niemandem seinen Vornamen verrät. Kress ist ein Misanthrop – bis er auf Madeleine trifft. Auf dreihundertdreißig Seiten erstellt Brell das Psychogramm eines obsessiven Charakters. Weiterlesen

Lässt mich kalt: Rolf Lapperts „Über den Winter“

Rolf Lapperts aktueller Roman „Über den Winter“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gehört im Wettbewerb vergleichsweise zu den konservativeren Kandidaten: Erzählt wird in einem klassischen, durchgängigen Vergangenheits-Tempus entlang einer einzelnen Figur, Lennard Salm, vordergründig aus personaler, passagenweise aus auktorialer Perspektive. Im Zentrum von „Über den Winter“ steht die erzählte Handlung und nicht die Sprache, die sich ihrerseits lediglich durch den detailverliebten Wirklichkeits-Realismus auszeichnet.  Weiterlesen