Schlagwort: Romantik

Gerhard Falkners „Apollokalypse“: „Georg Autenrieth, also ich“

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Die Siebziger waren die liberalsten und offensten Jahre der BRD und gleichzeitig die gewalttätigsten der jüngeren deutschen Geschichte. Die größten Unruhen der Studentenrevolte waren vorüber, mit Willy Brandt und dann mit Helmut Schmidt waren nach rund dreißig Jahren CDU-Herrschaft Sozialdemokraten an den Hebeln der Macht. Außenpolitisch entspannte sich die Lage in Europa durch die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition. Die Siebziger waren aber auch Radikalenerlass, Vietnamkrieg und vor allem RAF. Auch wenn Gerhard Falkners sehr spätes Romandebüt hauptsächlich im Berlin der Achtziger und Neunziger spielt, sind diese Jahre die Keimzelle all dessen, was sich in „Apollokalypse“  vollzieht und Erklärungsmuster für den neologistischen Titel: gleich drei Seelen wohnen in Deutschlands Brust, die des Schönen, die des Verführerischen und die der Zerstörung. Weiterlesen

Thea Dorn: Die unglückseligen Leser

Die Unglückseligen

Der Traum von der Unsterblichkeit ist fast so alt wie das Sterben selbst. Schließlich findet sich irgendeine Vorstellung des ewigen Lebens in so ziemlich jedem Mythos und jeder Weltreligion. So ganz ist die Sehnsucht nach der Unendlichkeit nie ganz verklungen, egal wie rational die Menschheit geworden ist. Das Irrationale überdauert in den verschiedensten Formen: In der Esoterik, in Verschwörungstheorien oder in Katzenvideos. Doch zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen scheint ein Zeitpunkt gekommen zu sein, an dem die unbegrenzte Verlängerung des Lebens nicht als der Traum eines Wahnsinnigen erscheint. Vor allem im Hort des technologischen Irrationalismus „Sillicon Valley“ sind Wissenschaftler emsig dabei, einer der letzten Geheimnisse auf die Spur zu kommen. Dort wo Apple regelmäßig zur heiligen Produktmesse lädt und Google an der Weltherrschaft tüftelt, könnte sich die gewaltigste Veränderung in der Menschheitsgeschichte anbahnen. Doch was bedeutet das für eine Gesellschaft? Thea Dorn lädt in ihrem neuesten Roman „Die Unglückseligen“ zum Nachdenken ein. Eine Einladung, die man ausschlagen sollte. Weiterlesen

F.C. Delius: Deutschlands komplizierter Beziehungsstatus

Liebesgeschichtenerzählerin

Kann man zweihundert Jahre als Liebesgeschichte erzählen? Man kann es zumindest versuchen. F. C. Delius begibt sich für seinen neusten Roman „Liebesgeschichtenerzählerin“ knietief in die deutsche Historie und zieht den Rahmen von den napoleonischen Kriegen bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Gleich drei Liebesgeschichten legt der Autor übereinander und möchte dabei zeigen, wie sich Menschheitsgeschichte immer auch als Liebesgeschichte vollzieht. Doch der eigentliche Fokus liegt auf einer vierten Beziehung, die spätestens im 20. Jahrhundert bitterlich enttäuscht werden wird: „Liebesgeschichtenerzählerin“ ist ein Roman über den Verlust der geographischen und geistigen Heimat. Das ist leider so pathetisch wie es klingt. Weiterlesen

Ernst Jünger: Das Dritte Reich als Schrebergarten

Marmorklippen

Kaum ein Schriftsteller kann so ausführlich vom 20. Jahrhundert Zeugnis ablegen wie Ernst Jünger – und das nicht nur aufgrund seines methusalemischen Alters. Ernst Jüngers Lebenslauf könnte man als Parabel der jüngeren deutschen Geschichte lesen: Seine soldatische Begeisterung für den Krieg, sein ambivalentes Verhältnis zum Dritten Reich und sein Rückzug in die Privatheit nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Sonderstellung nimmt dabei sein 1939 erschienener Roman „Auf den Marmorklippen“ ein – eine Parabel auf Nazideutschland oder (wofür Ernst Jünger stets plädierte) auf totalitäre Gesellschaften im Allgemeinen. Im Dritten Reich nicht verboten, aber verpönt erzählt er die Geschichte einer fiktiven Gesellschaft am Rande des Untergangs. Weiterlesen