Schlagwort: Rowohlt

Herfried Münklers „Der dreißigjährige Krieg“: Völker dieser Welt, schaut auf diesen Krieg

Herfried Münkler ist unzufrieden. Unzufrieden mit dem politischen Betrieb und auch unzufrieden mit der Bevölkerung. Er hat sich schon häufiger über fehlende strategische und analytische Kompetenz in der politischen Elite Deutschlands mokiert und jüngst sagte er im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur ganz unverblümt: Das Volk ist dumm! Elite dumm, Bevölkerung dumm – da braucht es jemanden, der weiß wie es besser geht. In dieser Rolle sieht sich Herfried Münkler, nicht umsonst taufte ihn das Feuilleton „Ein-Mann-Think-Tank“. In Zeiten von verschärften weltpolitischen Konflikten kann man aber auch jeden guten Rat, den man bekommen kann, gebrauchen. Doch wie ist Münkler so viel schlauer als andere geworden? Klar, durch den Tiefenblick der Geschichtswissenschaft. Weiterlesen

Daniel Kehlmanns „Tyll“: Die Leichtigkeit der Leichtigkeit

Es gibt nur noch sehr wenige Großereignisse im deutschsprachigen Literaturbetrieb, an denen sich die Öffentlichkeit ausrichtet: Klar, da ist der Deutsche Buchpreis, der den Herbst durchtaktet. Beim Nobelpreis ist man auch fünf Minuten gespannt, ob nicht mal wieder etwas für einen Deutschen abfällt. Und jetzt, wo der neue Handke erscheint, ist eine gewisse Aufgeregtheit im Feuilleton spürbar. Gleiches gilt vielleicht auch für einen neuen Daniel Kehlmann-Roman. Der Bestseller-Autor, der mit „Die Vermessung der Welt“ den größten literarischen Verkaufserfolg der jüngeren Geschichte feierte, ist auch mit „Tyll“ wieder anständig, wenn auch nicht großartig in die Bestsellerlisten eingestiegen. Kehlmann ist eine seltene Spezies: Er wird sowohl vom Publikum, wie auch vom Feuilleton geliebt. Und auch für seinen neuen Roman stehen wieder eifrig viele Kritiker bereit, um den erfolgsverwöhnten Autor mit Lobpreisungen zu überschütten. Scheinbar hat Kehlmanns Ruhm nicht nur ihn erfolgstrunken gemacht. Weiterlesen

Sabrina Janeschs „Die goldene Stadt“: Auf dem Umweg zum Weltruhm

El Dorado – so heißen heute nur noch schlechte Tex-Mex-Restaurants und noch schlechtere Cocktail-Bars, in denen der Cocktail-Preis zur Happy Hour schon mal in den bedenklichen Bereich rutscht. Lange Zeit war der Name „El Dorado“ jedoch eine Verheißung auf die ganz große Entdeckung und gleichzeitig der Inbegriff der kolonialen Ignoranz: Als die spanischen Konquistadoren alles Gold, das Südamerika zu rauben hatte, eingeschmolzen und ins Mutterland gebracht hatten, erträumte man sich einen Ort, der vor lauter Gold überquoll. Viele haben auf der Suche nach der sagenumwobenen Stadt aus Gold ihr Leben an den unbarmherzigen Dschungel verloren oder von Moskitos zerstochen und entnervt aufgegeben. Einer, der sich auch auf den Weg machte, war der Deutsche Rudolph August Berns. Der entdeckte zwar dann nicht El Dorado, aber immerhin mit Machu Pichhu die bedeutendste Ruinenstadt, die von der Inka-Kultur erhalten geblieben ist. Über seine unwegsame Reise hat Sabrina Janesch nun ihren neuen Roman „Die goldene Stadt“ geschrieben. Weiterlesen

Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“: Das Unikum

Als Kritiker selbst Bücher zu schreiben, ist wohl das gefährlichste Vorhaben in der Literaturbranche. Gibt es positive Reaktionen vermutet jeder Freundschaftsdienste, wird das Buch verrissen, meint man die Messer zu hören, die schon jahrelang in Vorbereitung gewetzt wurden. So oder so, man kann es eigentlich kaum jemanden Recht machen. Früher war das eigene (literarische) Schreiben und Kritikersein noch kein Widerspruch, da war es aber auch üblicher, dass Schriftsteller als Kritiker tätig wurden. In jüngerer Vergangenheit hat Fritz J. Raddatz sich mit seinem eigenen Werk ganz passabel geschlagen, vor allem mit seinen biographischen Texten, Reich-Ranicki versuchte sich erst gar nicht am Fiktionalen, feierte dafür riesige Erfolge, vor allem mit seinem Memoir. Schlechter erging es da Helmuth Karasek, der mit seinen literarischen Gehversuchen regelmäßig auf die Nase fiel. Nun hat sich Ijoma Mangold, Literaturchef bei der ZEIT, ein Herz gefasst und in „Das deutsche Krokodil“ sein Leben beschrieben. Leider hat der literaturbeflissene Kritiker darin keinen konsequenten Umgang mit dem Autobiographischen gefunden. Weiterlesen

Wurzellos: Natascha Wodins „Sie kam aus Mariupol“

Wodin: Sie kam aus Mariupol

Texte zwischen Fiktion und autobiographischem Schreiben haben Konjunktur. Nachdem Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und von vielen schon als sicherer Gewinner gehandelt wurde, wurde Natascha Wodin mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: „Dieses Buch trägt auch ausdrücklich nicht die Bezeichnung Roman. Doch an der Grenze von Fiktion und Nichtfiktion, wo es angesiedelt ist, betreibt es autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben auf der Grundlage von Lidias Tagebüchern. In diesem genreüberschreitenden Sinn ist es unerhört zeitgenössisch.“ Zeitgenössisch – ja, sicher. Aber wie ist es um den literarischen Wert dieses Textes bestellt? Weiterlesen

Tex Rubinowitz‘ „Lass mich nicht allein mit ihr“: Meta!

Die Schriftstellerei ist ein schizophrenes Gewerbe. Autoren denken sich Erzähler aus, die wiederum über Figuren sprechen. Der Autor kann in seinen eigenen Romanen vorkommen oder auch völlig abwesend sein, es gibt einen privaten Autor und einen öffentlichen. Seine Texte sind immer selbstbestimmt und gleichzeitig durchdrungen von Fremdzitaten, darüber hinaus darf auch der Einfluss Zweiter und Dritter – wie der von Lektoren – nicht unterschätzt werden. Kurzum: der Autor ist eine Matroschka-Puppe, unter dem einen Figürchen wartet immer noch ein weiteres. Dass das so ist, ist keine rasante Neuigkeit. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entdeckte die Postmoderne die Lust gerade an dieser Konstellation herumzuprobieren und schrieb Literatur, die die literarische Form selbst zum Thema hatte. Zwar wurde dieser literarische Spieltrieb mittlerweile von der neuen Sehnsucht nach authentischen, lebensnahen Stoffen abgelöst, hin und wieder räuspert sich die Postmoderne jedoch noch einmal – in Tex Rubinowitz‘ Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“ zum Beispiel, in dem das Verwirrspiel um Identitäten zum müden Witz verkommt. Weiterlesen

Martin Walsers „Statt etwas oder Der letzte Rank“: Von einem, der nicht anders kann

Um sein Leben schreiben ist ein weit verbreitetes Motiv in der Literatur. Manche taten es vom Sterbebett, manche vom Gefängnis aus. Thomas Bernhards ewige Wortkaskaden wurden von der Forschung immer wieder als Versuch gelesen, der eigenen Atemnot entgegenzuschreiben, dem kurzen Atem den langen Satz entgegenzustellen. Auch Martin Walser ist mittlerweile in einem Alter angelangt, in dem – bei allem Respekt – jedes neue Buch das letzte sein könnte. Erst letztes Jahr hat der Großautor einen Roman mit dem vielsagenden Titel „Ein sterbender Mann“ veröffentlicht, nun folgt der nächste Streich zugleich, wieder mal doppeldeutig: „Statt etwas oder der letzte Rank“. Rank kann Kurve, aber auch List bedeuten. Wer Walsers neuen Roman liest, wird sich an vieles erinnert fühlen – an einen Autor, der es wie kaum ein anderer versteht, den eigenen Verstehensversuchen literarischen Ausdruck zu verleihen, sich die Welt literarisch anzueignen, aber auch an einen Mann, der alte Kriegsbeile immer wieder ausgräbt. Wenn Alterswerke Fäden zusammenführen und Resümees zu ziehen, ist dieser Roman prototypisch. Oder ist alles nur eine List? Weiterlesen

André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“: Nur Eitelkeit auf Erden

Skizze eines Sommers

Und täglich grüßt das Murmeltier: keine Longlist des Deutschen Buchpreises ohne seinen DDR-Roman. Das ist kein Grund zu klagen, schließlich gehört die ostdeutsche Republik zur gesamtdeutschen Vergangenheit. Doch André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ erinnert in frappierender Weise an Peter Richters „89/90“, das im letzten Jahr einen Platz auf der Longlist bekam. Daher drängt sich die Vermutung auf, dass hier per Quote Romane ausgewählt werden, jedem Genre sein Plätzchen, schließlich soll auch für jeden Leser etwas dabei sein. Auch sonst ist bei Kubiczek alles typisch Buchpreis 2016: ein handwerklich solider, völlig harmloser Roman, der den Leser weder herausfordert, noch in Frage stellt; ihn am emotionalen Schlafittchen packen möchte, ohne die wirklich wunden Punkte zu berühren. Weiterlesen

Das Ende der Welt: Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“

Nis-Momme Stockmann, der bislang mit seinen Theaterstücken Erfolge feiern konnte, hat mit „Der Fuchs“ sein erstes Prosawerk vorgelegt und es gleich auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Seine Thematik passt zum Zeitgeist der deutschen Gegenwartsliteratur: In dystopischer Manier wird die Apokalypse durchgespielt, als eine große, alles auslöschende Flut auf das norddeutsche Dorf Thule trifft, welcher der Protagonist und Chronist Finn Schliemann nur entgehen kann, weil er sich mit zwei Freunden auf das Dach eines Hauses rettet. Was „Der Fuchs“ von Texten wie „Eigentlich müssten wir tanzen“ oder „Winters Garten“ unterscheidet, ist seine Radikalität und sein Mut zum allumfassenden Erklärungsmodell. Stockmann erschreibt auf über siebenhundert Seiten die Entstehung des Universums, dessen Schicksal sich mythisch in einer deutschen Kleinstadt verdichtet. Weiterlesen