Schlagwort: Shoah

Steffen Kopetzkys »Propaganda«: Boys will be Boys

Während der Zeiten der Studentenproteste ’68 gab es einen beliebten Kampfspruch: »USA SA SS«. Das Verhalten Amerikas, gerade in Hinblick auf den Vietnamkrieg, sollte damit in die Nähe der Gräuel der Nationalsozialisten gerückt werden. Linke Renegaten wie Henryk M. Broder oder Götz Aly haben darin im Nachhinein einen psychologischen Reflex gesehen, die eigene Schuld den einstigen Siegermächten überzustülpen. Zwar kommt man nicht umhin, den Vietnamkrieg in der Nachbetrachtung als einer der schrecklichsten kriegerischen Auseinandersetzung der Post-Zweite-Weltkriegs-Epoche zu nennen, doch diesen Schlachtruf gerade aus deutschen Mündern zu hören, hat etwas Infames. Rund fünfzig Jahre später erklingt er erneut – dieses Mal aus den Buchdeckeln des neuen Romans von Steffen Kopetzky: »Propaganda«. Weiterlesen

Dana von Suffrins »Otto«: Dürfen die das?

Als am 20. August die Longlist zum Deutschen Buchpreis verkündet wurde, waren wieder die Social Media-Abteilungen der Verlage gefragt: Jubelbilder mussten her. Am meisten jubeln durfte S. Fischer, aber auch der Hanser Verlag konnte zufrieden sein. Sogar Wallstein durfte einmal kurz aufjuchzen, denn sie hatten das Kunststück vollbracht, sich mit einem der schlechtesten Romane der letzten Zeit auf die begehrten Plätze zu setzen. Nur Kiepenheuer & Witsch dürfte begossen in die Wäsche geschaut haben, als der Börsenverein in ihrem Fall schwarzen Rauch aufstiegen ließ. Und so machte der Verlag das einzig konsequente: Er präsentierte über Facebook und Twitter die wortwörtlichen leeren Hände. Das kann mal passieren, ist in diesem Fall aber ärgerlich, weil sie einen Roman im Petto gehabt hätten, der in diese Hände gehörte: »Otto« von Dana von Suffrin. Weiterlesen

Harald Jähners „Wolfszeit“: „Werden die Deutschen wieder frech?“

Die deutsche Gesellschaft entdeckt gerade ihre Vergangenheit neu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Serie, ein Spielfilm, ein Roman den Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts richtet. Das nimmt dann mal so schlimme Züge wie bei „Stella“ oder „Werk ohne Autor“ an, mal geht es so biedermeierlich zu wie bei den „Kudamm“-Staffeln oder „Babylon Berlin“. Gerade die Weimarer Zeit wird gerne als die zentrale Chiffre für Krisenzeiten und gleichzeitige ekstatische gesellschaftliche Zustände herbeizitiert. Dagegen galt die BRD bislang als Insel der seligen Stabilität. Ein Bild, das nach und nach revidiert wird. Weiterlesen

Die Topographie der Heimatlosigkeit: Jana Hensels „Keinland“

Vor gut zwei Monaten führte der Streit um die ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ zu einem Aufflammen der Debatte um den auch hierzulande erstarkenden Antisemitismus. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen Jahre hat sich immer wieder mit dem Thema ‚Alltags’-Antisemitismus, der oft in einer ‚Das wird man doch wohl wieder sagen dürfen’-Manier daherkommt, auseinandergesetzt. Ein literarisches Beispiel ist Mirna Funks großartiger Debütroman „Winternähe“ (2015), in dem sich die Protagonistin Lola vor lauter Antisemitismus schließlich nach Tel Aviv absetzt. Auch in Jana Hensels Debüt „Keinland“ steht das deutsch-jüdische Verhältnis im Zentrum: ein „Liebesroman“ ohne Happy End. Weiterlesen

Zwischen Brooklyn und Berlin: Deborah Feldmans „Überbitten“

Als „Unorthodox“ im vergangenen Jahr im Secession Verlag erschien, konnte Feldman auch hierzulande, wo sie mittlerweile lebt, eine große Leserschaft und die Kritik mit ihrem Bericht über die Kindheit, Jugend und den Ausstieg aus der ultraorthodoxen, chassidischen Satmar-Gemeinde begeistern. Seitdem ist sie als regelmäßiger Gast in Fernsehtalkshows zu sehen. Wer wissen will, was alles zwischen der Abkehr von ihrer Gemeinde im Jahr 2010 und dem Auftritt bei Markus Lanz passierte, kann nun in Feldmans neuem Buch „Überbitten“ nachlesen, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen und sich selbst zu finden. Weiterlesen

Saul Bellows „Herzog“: „His happiness was painful.“

Bellow-Herzog

Die Ich-Erzählung ist gegenwärtig die dominante Erzählperspektive in der deutschsprachigen Literatur. Sie verspricht Unmittelbarkeit, versucht erst gar nicht so etwas wie Objektivität vorzugaukeln und hat die Allmacht des auktorialen Erzählers des 19. und 20. Jahrhundert verloren. In ihr lassen sich innere Vorgänge nicht mehr ohne weiteres von äußeren trennen, jede Wahrnehmung ist vom Ich bestimmt. Auch wenn der Ich-Erzähler nicht exklusiv der Autobiographie vorbehalten ist, birgt er immer die Versprechung auf eine Instanz, die für das Erzählte einsteht, zur Not auch mit dem Leben. Welch Irrsinn! Wer heute noch mal Saul Bellows „Herzog“ liest, kann die Dominanz des Ichs nur bedauern. Weiterlesen

Eine Festung im Krieg: Franziska Greisings „Am Leben“

Ein Schloss in Südfrankreich am Fuße der Pyrenäen aus dem frühen 16. Jahrhundert, kleine Türme überragen die massive Anlage, die von Außen mit seinen Zinnen und dem Eingangstor wie eine Festung wirkt: das ist Château de la Hille. Während ‚La Hille‘ heute ein Bed&Breakfast-Hotel beherbergt, war das Anwesen zwischen 1941 und 1943 tatsächlich eine Festung unter Schweizer Leitung, die Kindern und Jugendlichen aus Deutschland und Österreich mit jüdischer Herkunft Schutz bot. Knapp fünfhundert Seiten stark ist Franziska Greisings Roman „Am Leben“, der von eben jenem Chateau de la Hille, seinen Bewohnern und deren Geschichte während des Zweiten Weltkriegs erzählt. Weiterlesen

Ich, Ingeborg: Hans Weigels „Unvollendete Symphonie“

Hans Weigel gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Wiener Nachkriegs-Literaturbetrieb. Seine literarische Tafelrunde im Café Raimund ist legendär. Hier versammelten sich spätere Größen wie Milo Dor, Reinhard Federmann, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, um von den vielfältigen Verbindungen Weigels zu profitieren, der ihre Texte an Verleger und Zeitungsredaktionen vermittelte. Der Literaturmanager Weigel, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft im März 1938 ins Schweizer Exil ging, kehrte bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach Kriegsende, in seine Heimatstadt Wien zurück. 1951 veröffentlicht er den Roman „Unvollendete Symphonie“, in dem er die Jahre nach der Rückkehr nach Österreich thematisiert. Aufsehen erregte nicht die literarische Qualität des Textes, sondern seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann, die er in seinem Roman ebenfalls verarbeitet.

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Über Auschwitz schreiben: Martin Amis‘ „Interessengebiet“

„Ein Schriftsteller kann nur über das schreiben, was er kennt.“ – Mit seinem Roman „Interessengebiet“, der aus drei verschiedenen Ich-Perspektiven über die Geschehnisse in Auschwitz zwischen 1942 und 1943 erzählt, bringt Martin Amis neuen Schwung in die Debatte. Amis (Jahrgang 1949) ist englischer Bestseller-Autor, der sein Wissen über die Shoah aus Geschichtsbüchern bezieht. Detailliert beschreibt er Sinneseindrücke, Alltägliches und ungeheuerliche Verbrechen im polnischen ‚Interessengebiet‘ in einem sarkastisch-zynischem Ton. Ein Tabubruch? Weiterlesen

Thomas Manns böser Zwilling: Maxim Billers „Im Kopf von Bruno Schulz“

Im April 2016 erscheint der neue Roman „Biografie“ von Maxim Biller bei Kiepenheuer & Witsch. Seit seiner letzten literarischen Publikation, dem schmalen Novellenbändchen „Im Kopf von Bruno Schulz“ aus dem Jahr 2013, steht Biller seit einigen Monaten vor allem durch seine launigen Auftritte im Literarischen Quartett im Fokus des Literaturbetriebs und wird dafür gleichermaßen gelobt und angefeindet. Dabei gerät sein eigenes literarisches Werk immer weiter aus dem Blickfeld – vollig zu Unrecht, wie sich an der Bruno Schulz-Novelle zeigen lässt. Weiterlesen