Schlagwort: Sowjetunion

Michail Bulgakows „Die weiße Garde“: Die Epochen-Turbine

Es gibt eine Handvoll Romane, die das Tor zur Moderne ganz weit aufgerissen haben: Romane wie „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin, „Ulysses“ von Joyce oder „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf. Sie alle eint, dass sie die Art, wie Gesellschaften ihre Realität wahrnehmen grundsätzlich in Frage stellen, dass sie Abbildbarkeit anders denken und dass sie sich von einem Erzähler verabschieden, der von der kühlen Distanz seines auktorialen Feldherrenhügels aus erzählt. Zwar entwickeln sich neue Literaturformen nie über Nacht und Ansätze dieser Verschiebungen lassen sich immer schon früher entdecken, dennoch strahlen diese Romane etwas Epochemachendes aus. Weiterlesen

Steffen Menschings „Schermanns Augen“: In diesem Lager ist das 20. Jahrhundert inhaftiert

Das Projekt, das 20. Jahrhundert zu erzählen, war auch immer ein Projekt, Räume zu erzählen. Die krisengeschüttelte Gesellschaft der Jahrhundertwende war eine Gesellschaft des Sanatoriums, das wie im „Zauberberg“ in Agonie liegend, der sicheren Katastrophe entgegensah. Die Poststrukturalisten, allen voran Michel Foucault, erkannten dann das Gefängnis als den zentralen Ort, an dem die Repressions- und Disziplinarkräfte einer modernen Gesellschaft offenbar werden. Ein weiterer zentraler Ort des 20. Jahrhundert ist das Lager, das seine Verwandtschaft zum Gefängnis aufweist, aber eine ganz eigene Erzähltradition begründete. In diese Erzähltradition stellt sich nun auch Steffen Menschings „Schermanns Augen“. Weiterlesen

Matthias Senkels „Dunkle Zahlen“: Rohstoff Literatur

Als Übersetzer wird im Normalfall jemand bezeichnet, der ein Werk von einer Sprache in die andere überträgt. Nimmt man den Begriff des „Übersetzens“ jedoch ernster, eröffnen sich plötzlich ganz andere Dimensionen. Ist nicht der Autor auch ein Übersetzer? Denn was tut er anderes, als den aufregenden Mix aus Welt, Imagination und Erfahrung in Literatur zu übersetzen? Auch der Begriff der Metapher bezeichnet im Wortsinn eine „Übertragung“. Als dieses muss man Literatur verstehen – als Brücke zwischen Leser und einer Erfahrung, die ihm im besten Fall fremd ist und ihn in einen neuen Zustand versetzt. Daher ist es nur konsequent, dass Matthias Senkel in seinem neuen Roman „Dunkle Zahlen“ als Übersetzer auftritt. Weiterlesen

Boris Sawinkows: „Das schwarze Pferd“: Die Mitte verloren

Die Sowjetunion hat zahlreiche Künstlerbiographien verschlungen. Die bekanntesten sind die Solschenizyns, Isaak Babels oder Boris Pasternaks – manche von ihnen wurden ermordet, andere eingekerkert oder in die Verstummung getrieben. Sie alle eint, nicht auf der verordneten ästhetischen Linien zu wirken, ihr Vergehen war poetische Dissidenz. Einer der in Deutschland unbekannteren war Boris Sawinkow. Sein Schicksal besiegelte sich in dem Moment, als er entschied, Anhänger der Kerenski-Regierung zu werden, jenem Übergangsregime, das zwischen Zarismus und Kommunismus die Hoffnung auf demokratische Reformen in Russland weckte. Seine Gegnerschaft zum Kommunismus machte ihn, nachdem die Bolschewiki im Bürgerkrieg obsiegten, zum Staatsfeind. Seine Haft sollte er lebend nicht verlassen. Nun erscheint sein Werk in deutscher Übersetzung im Galiani Verlag. Weiterlesen

Julian Barnes‘ „The Noise of Time“: Uhrwerk Literatur

Am Anfang von Julian Barnes‘ neuen Roman heißt es: „What did a name matter? He had been born in St. Petersburg, started growing up in Petrograd, finished growing up in Leningrad. Or St. Leningsburg, as he sometimes liked to call it. What did a name matter?“ Die Gleichgültigkeit gegenüber Namen ist insofern beachtlich, weil „The Noise of Time“ mit einem ganz konkreten Namen verbunden ist: dem russischen Komponisten Schostakowitsch. Diesem erging es schlimm unter dem sowjetischen Regime, wenn auch nicht ganz so schlimm wie vielen anderen. Julian Barnes macht aus seiner konkreten Biographie eine Parabel auf Künstlerschaft im Angesicht von totalitären Regimen, derer Beispiele es viele gab. In diesem Sinne: What did a name matter? Weiterlesen

Ismail Kadares „Die Dämmerung der Steppengötter“: In der Höhle des Parteilöwens

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Der Staat Albanien spielt in der Weltgeschichte nur eine marginale Rolle. Jahrhundertelang war Albanien Teil des Osmanischen Reiches, im 20. Jahrhundert war es eingekeilt zwischen Groß- und Mittelmächten, schließlich errichtete der kommunistische Diktator Enver Hoxha eine stalinistische Herrschaft und trieb das kleine Land mehr und mehr in die Isolation. So wenig wie Albanien politisch Aufmerksamkeit geschenkt wurde, so wenig ist auch über dessen Kulturlandschaft bekannt. Eine der wenigen literarischen Leuchttürme, die aus dem Balkanstaat herausragen, ist Ismail Kadare. Kadare ist keineswegs unumstritten, sein literarisches Werk ist gleichzeitig kanonisch und trotzdem immer wieder vergessen worden. Der S. Fischer-Verlag hat nun seinen 1978 erschienen Roman „Die Dämmerung der Steppengötter“ wieder aufgelegt. Im literarischen Quartett rühmte Maxim Biller das Buch vor allem für seine melodische Sprache und den in ihm präsenten Weltschmerz, der nicht pessimistisch sei. Tatsächlich ist Kadares Roman ein Text über einen Außenseiter, der sich nicht einfügen will. Weiterlesen

Isaak Babel: Pogrom ist ein russisches Wort

Um die Jahrhundertwende schien es für einen Moment so, als wäre das Judentum in Mitteleuropa angekommen. In England, Frankreich, Deutschland und Österreich war die jüdische Bevölkerung ein elementarer Teil des bürgerlichen Lebens und die Geistesgrößen der Zeit hatten nicht selten einen jüdischen Hintergrund. Schreckensnachrichten kamen hingegen aus dem Osten: Im zaristischen Russland kam es immer wieder zu tödlichen Übergriffen auf die jüdischen Gemeinden – das Wort „Pogrom“ (russisch für „Verwüstung“ oder „Zerstörung“) war geboren. Dass ein paar Jahrzehnte später die Deutschen das osteuropäische Judentum fast vollständig auslöschen sollten, ist eine der bitteren historischen Volten, die die Geschichte schreiben sollte. Als 1917 die erklärt atheistischen Bolschewiki das Ruder in Russland übernahmen, verhieß das keine Verbesserung für die praktizierenden Juden. Zwei Jahre später versuchten die Machthaber in Moskau die Weltrevolution nach Polen zu tragen, die Leidtragenden waren wieder sie. Aus den Verheerungen des Kommunismus ist der Welt ein Zeugnis erhalten geblieben, Isaak Babels „Budjonnys Reiterarmee“, das von seiner erschreckenden Eindrücklichkeit nichts verloren hat. Weiterlesen