Schlagwort: Soziologie

Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“: Verbrechen und Strafe

Die französische Soziologie und Philosophie sind sicherlich diejenigen auf dem Kontinent mit der breitesten Strahlkraft. Ihre Hochzeit hatten die französischen Theoretiker in den 60er und 70ern; nun, da die Grandseigneurs mittlerweile abgetreten sind, treten ihre Schüler aus deren Schatten. Allen voran ein gewisser Didier Eribon, der bei Pierre Bourdieu in die Lehre ging und in Frankreich schon länger als öffentlicher Intellektueller präsent ist. In Deutschland sorgte er mit dem Überraschungshit „Rückkehr nach Reims“ für Aufsehen. Gleichsam eifrig, aber hierzulande noch nicht ganz so bekannt ist Geoffroy de Lagasnerie, der sich in der Foucaultschen Tradition mit dem Wesen der Justiz und der Strafe auseinandersetzt. Und dann ist da Édouard Louis. Er ist der jüngste der drei und derjenige, der sich der Literatur zugewandt hat. 2015 kam in der deutschen Übersetzung sein Debütroman „Das Ende von Eddy“. Nun führt er mit „Im Herzen der Gewalt“ seine Auseinandersetzung mit den großen Theorielinien der französischen Soziologie weiter. Weiterlesen

Jörg Späters „Siegfried Kracauer“: Ein vergessener Mann

In dem Moment als die Literaturwissenschaft die weibliche Literatur der Weimarer Republik und ihre Protagonistinnen wie Irmgard Keun, Vicky Baum oder Marieluise Fleißer wiederentdeckte, entdeckte sie auch Siegfried Kracauer für sich neu. Er hatte den zentralen Text zu dem Milieu geschrieben, das die Autorinnen immer wieder beschrieben: die Angestellten. Dass Kracauer überhaupt wiederentdeckt werden muss, scheint befremdlich. Doch Kracauer war ein höchstintelligenter Hansdampf in allen Gassen, was für die Rezeption immer eine Schwierigkeit darstellt. Wer fühlt sich für ihn zuständig? Die Literaturwissenschaften? Die Filmwissenschaften? Die Soziologie? Kracauer bespielte alle diese Felder, meist immer mit Bravour. Diesem „vergessenen Mann“, wie er sich selbst bezeichnen sollte, widmet Jörg Später nun die erste umfassende Biographie und gibt einen Eindruck von einem Epochenumbruch und einem, der diesen wie kaum ein anderer zu beschreiben wusste. Weiterlesen