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Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“: Die überglückliche Gesellschaft

Eine der Lesefreuden historischer Science-Fiction-Literatur besteht darin zu entdecken, wie man sich früher das Leben in der Zukunft vorgestellt hat. Vieles, was damals als vage Zukunftsvision entworfen wurde, wirkt mittlerweile naiv bis befremdlich. Auch so bei Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“, allerdings aus einem anderen Grund. Als der Roman 1955 im polnischen Original erschien, musste der Realsozialismus schon einige Schläge ins Kontor hinnehmen. Zwei Jahre zuvor war der Übervater der UdSSR Josef Stalin gestorben, mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im Zuge des Aufstand des 17. Junis hatte die Schutzmacht der DDR deutlich gemacht, wie zukünftig Brüderlichkeit unter Bruderstaaten aussehen sollte. Für viele war das Jahr 1953 eine Zäsur, der Traum vom gerechten Leben war schon wieder ausgeträumt. Nicht so in Stanislaw Lems „Gast im Weltraum“, in dem der Weltkommunismus den Menschen alles bietet – nur nicht das Unbekannte. Weiterlesen

Stanislaw Lems „Die Astronauten“: Untergang eines Planeten

Das Jahr 2003 war aufregend: Im März begann die Koalition der Willigen den Dritten Golfkrieg, der schlussendlich in der Besetzung des Iraks resultierte, Arnold Schwarzenegger wurde Gouverneur von Kalifornien, der dritte „Herr der Ringe“-Film erschien in den Kinos und das Weichtier des Jahres war die bauchige Windelschnecke. Der polnische Autor Stanislaw Lem feierte in diesem Jahr seinen 82. Geburtstag. Rund fünfzig Jahre früher hatte er sich schon mal Gedanken gemacht, wie 2003 aussehen könnte. „Die Astronauten“ erzählt von einer kommunistischen Weltgesellschaft, die sich mit dem Klimawandel und seinen Folgen herumschlägt und dabei eine hundertjährige Flaschenpost aus dem All mit bedrohlicher Botschaft entdeckt. Höchste Zeit, dem Absender einen Besuch abzustatten. Weiterlesen

Stanislaw Lems „Solaris“: Wissen als Mystik

Hollywood hat in den letzten Jahren den Weltraum für sich wiederentdeckt. In „Interstellar“ als optimistischer Blick in eine mögliche Zukunft der Menschheit, in „Gravity“ als allumfassende Dunkelheit“ oder in „The Martian“ in Form einer Mars-Expedition als Mediengeschichte – in all diesen Filmen dient das Weltall als Reflexionsraum über die menschliche Kondition. Auch in den realsozialistischen Staaten Osteuropas hatte die Utopie der galaktischen Reise Hochkonjunktur. Der neue Mensch des Sozialismus war technologiegläubig und die Revolution machte jenseits der Erdatmosphäre nicht halt. Obgleich der 1921 geborene Stanislaw Lem rund vierzig Jahre seines Lebens in einem Polen unter sozialistischen Ägide verbracht hat, ist sein Werk nicht ohne weiteres in den Kanon der osteuropäischen Science-Fiction einzuordnen. Von den Verlagen immer wieder mit jenem Label behangen, hat er sich stets gegen diese Genreeinordnung gewehrt. Seine Texte sind so utopisch wie dystopisch, technikbegeistert wie technikkritisch, phantastisch und gleichzeitig an die großen philosophischen Traditionslinien gebunden – und immer noch atemberaubend. Weiterlesen