Schlagwort: Subjekt

Michael Krügers „Das Irrenhaus“: Leben am Fensterbrett

Als psychologische Kränkung bezeichnet Sigmund Freud den Umstand, dass nur ein Teil des menschlichen Seelenapparats von einem rationalen, reflektierten Bewusstsein gesteuert ist. Vielmehr sei er beeinflusst von Triebhaftigkeit und Unbewusstem, was das „Ich“ zu der Einsicht kommen lässt, „nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein“. Damit stand das Subjekt zur Disposition, das sich aus der Tradition der Aufklärung als rationales Wesen herausgebildet hatte. Bei dem „Ich“-Erzähler in Michael Krügers neuen Roman „Das Irrenhaus“ steht die Sache noch komplizierter: Zwar ist er faktisch Herr im eigenen Haus, das weiß dort nur niemand. Und dann ist in diesem Haus auch noch so viel anderes präsent, das sich seiner bemächtigt. „Das Irrenhaus“ ist ein mal witziger, mal melancholischer Text über ein Subjekt in der Krise und die Durchlässigkeit, die Menschen zum Schreiben befähigt. Weiterlesen

Anja Kümmels „V“: Orpheus dreht sich nicht um

Wie die Digitalisierung unseres Alltags die Ästhetik und Bildsprache der verschiedenen Kunstrichtungen beeinflusst, ist eine Diskussion die erst langsam so richtig in Fahrt gekommen ist. In den letzten Jahren haben sich viele Filme mit dem Thema beschäftigt: von Michael Manns „Blackhat“, über die neusten James Bond-Filme bis hin zu „Jurassic World“ finden sich viele kluge und weniger kluge Reflexionen darüber, wie man das Unsichtbare darstellbar macht. Denn eine Welt, in der die großen Raubüberfälle sich nicht mehr in maskierten Bankplünderungen, sondern in wenigen Hackerclicks manifestieren, muss unweigerlich eine ganz neue Formsprache produzieren. Konsum, politische Ereignisse, Kriminalität, Kommunikation und Kriegsführung wandern (zu Teilen) immer mehr in den Bereich des Digitalen und damit ins Nichtdarstellbare ab. Die Literatur hat zum Nichtsichtbaren freilich ein anderes Verhältnis, ihre Kernaufgabe ist die Sichtbarmachung der Welt. Damit könnte das alte Medium Buch die Antwort auf die ästhetischen Herausforderungen der Zukunft darstellen. Denn fest steht: dort, wo sich das Äußerliche unsichtbar macht, werden allegorische Formen umso wichtiger, die die Dinge aus den Schatten zurückholen. Weiterlesen