Schlagwort: Suhrkamp

Ulrich Holbeins „Knallmasse“: Per Identitätskrise durch die Galaxie

Holbein_Knallmasse

Die ZEIT nannte ihn „Dandy mit Adorno-Ohren“, die taz einen „Einsiedler im prallen Leben“, er sich selbst „Mutter Theresa“ – Ulrich Holbein ist eine der ungewöhnlichsten Figuren im deutschen Literaturbetrieb. Sein Werk wurde immer mit den Größten verglichen, mal Arno Schmidt, mal Jean Paul. Seine ersten Texte sind bei Suhrkamp erschienen, seit der Entzweiung mäandert das Werk Holbeins durch die deutsche Verlagsgeschichte. Nun ist der Autor im homunculus Verlag angekommen, was wie die perfekte Ehe wirkt. Mit „Knallmasse“ wurde dort ein früher Roman Holbeins wiederaufgelegt, in schönem neuen Gewand. Weiterlesen

Jörg Magenaus „Martin Walser“: „Was ihm zustößt, beantwortet er mit Literatur.“

Walter Jens, Siegfried Lenz, Günter Grass oder Marcel Reich-Ranicki – mit dem Tod der großen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit scheint endgültig eine Literaturepoche zu enden, die die BRD wie keine andere geprägt hat. Mit Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser sind der Literatur nur noch zwei zentrale Gestalten dieser Zeit und der wichtigen Gruppe 47 verblieben. Während Enzensberger immer mal wieder von sich reden macht, wenn er zum Beispiel in der FAZ empfiehlt, das Smartphone wegzuwerfen, hat sich Martin Walser, seit dem Eklat um seine Rede in der Frankfurter Paulskirche, weitgehend ins Private zurückgezogen. Das scheint verständlich, denn Walser focht seine Konflikte im Rampenlicht aus. Der Autor vom Bodensee war in der öffentlichen Wahrnehmung erst als Kommunist, dann als Antisemit verschrien, womit ihn die zwei schwersten Vorwürfe trafen, die in Deutschland überhaupt erhoben werden können. Deswegen lässt sich an seinem Leben auch eine Geschichte der Bundesrepublik im pars pro toto erzählen, denn Martin Walser war ein ständiger Begleiter der großen Konfliktlinien dieses Landes. Weiterlesen

Andreas Maiers „Der Kreis“: „Haus. Stille. Gardinen. Ich.“

Im schnelllebigen Literaturbetrieb ist Andreas Maier eine echte Konstante. Während ein Debüt das nächste Debüt jagt, Autoren mal Historienromane, mal Science-Fiction-Dystopien veröffentlichen, schreibt Maier mit mönchischer Gelassenheit seit Jahren an seiner autobiographischen Romanreihe oder wie er es nennt: der Ortsumgehung. In den letzten Bänden ging es um die geistige Vermessung des Elternhauses, Onkel J., den romantischen Ersterlebnissen und der Aneignung einer eigenen Sprache, geschult an der Bravo. So wie sich das Leben beim Aufwachsen immer weiter öffnet, entfaltet sich auch Maiers Romanzyklus: von der kleinsten Einheit des Hauses, dem Zimmer, bis nun mittlerweile zum Kreis. In diesem neusten Band erwacht im Ich der Schriftsteller. Weiterlesen

Emma Braslavsky: Literatur ist eine Art, mit einem Tier umzugehen

Die Welt hält keine Geheimnisse mehr bereit. Jeder Winkel ist entdeckt, feinsäuberlich kartographiert und von einem Nationalstaat beansprucht. Mit Google Maps, Earth und Street View kann man mit ein paar Klicks überall sein, ohne den Sessel verlassen zu müssen. Bevor man einen Ort mit den eigenen Füßen betritt, ist man medial schon hundertmal dort gewesen. Oder doch nicht? In Emma Braslavskys „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“, ihrem ersten Roman im Suhrkamp Verlag, wird eine bislang völlig unbekannte Insel entdeckt und löst damit einen weltumspannenden Hype aus. Sie wird zum Objekt der Begierde einer ganzen Reihe von Gruppen, die alle das gleiche Ziel haben: die Verbesserung der Welt. Emma Braslavsky stellt mit ihrem Roman die wichtigen Fragen unserer Zeit: Wie kann die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden, welcher Weg führt dort hin und zu welchem Preis kommt das ständige Engagement? Weiterlesen

Walker Percys „Der Kinogeher“: Die traurigen Automaten-Menschen

Auf die Frage, wieso der moderne Mensch so traurig ist, haben verschiedene Denkschulen, Ideologien und Disziplinen unterschiedliche Antworten gefunden: der Marxist ruft „Entfremdung“ und meint damit, die Arbeitskraft für fremde Zwecke verdingen zu müssen, die wilden Wiener der Jahrhundertwende proklamierten die Sprachkrise und Sigmund Freud saß daneben und stellte die psychologische Kränkung fest, die bekannterweise darin bestünde, „nicht mehr Herr im eigenen Hause“ zu sein. Der moderne Mensch bewegt sich – so die These – in dem schnell mal als zynisch abgetanen Paradox, einen immer (zumindest für einige) steigenden Lebensstandard zu produzieren und gleichzeitig immer trauriger zu werden. Diese Traurigkeit besteht darin, sich nicht mehr zu sich und seiner Umgebung in Bezug setzen zu können und Fremder im eigenen Leben zu sein. Die immer stärker werdende Sehnsucht nach dem Authentischen ist ein Symptom dieses Phantomschmerzes der Gegenwart. Das Narrativ vom traurigen Menschen der Moderne ist, wie sich zeigt, alt und traditionsreich. Einer der wichtigen Wegpunkte dieses Narrativs ist ganz sicher Walker Percys „Der Kinogeher“, das in den Achtzigern von Peter Handke ins Deutsche übertragen und vom Suhrkamp-Verlag neu aufgelegt wurde. Weiterlesen

„Die kleinste Einheit ist der Schlag“: Katharina Winklers „Blauschmuck“

„Beruhend auf einer wahren Geschichte“: diese Bemerkung wird derzeit zahlreichen Filmen und Texten rechtfertigend – oder als Versprechen? – zur Seite gestellt. Viele aktuelle Kinotrailer eröffnen oder schließen mit diesem Satz, er ist Ausdruck eines Authentizitäts- oder Wirklichkeitsanspruches, der in narrativen Medien en vouge zu sein scheint. Auch Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ wird der Satz „Nach einer wahren Lebensgeschichte“ vorangestellt, auch dieses Buch wird vom Verlag mit seinem Wirklichkeitsanspruch beworben. In diesem Fall ist die Vorbemerkung jedoch gerechtfertigt, da die Geschichte der jungen Türkin Filiz, die der Roman erzählt, für jeden Leser schier unglaublich scheint und mahnend über den Text hinaus wirkt. Weiterlesen

Zurück zur (Ur-)Sprache: Marjana Gaponenkos „Wer ist Martha?“

Der Moment, in dem Luca Lewadski im Alter von 96 Jahren erfährt, dass ein Karzinom in seiner Lunge gefunden wurde und seine Tage gezählt sind, eröffnet den zweiten Roman von Marjana Gaponenko. Die ersten vier Phasen des Sterbens sind jedoch schnell überwunden: Lewadski akzeptiert sein Schicksal und beschließt, die letzten Tage seines langen Lebens in Luxus zu schwelgen und in die Stadt seiner Kindheit zurückzukehren. „Wer ist Martha?“ ist nichts für Handlungsversessene, dieser Roman lebt von Dialogen, Symbolen und Metaphern. Der Protagonist von Gaponenkos Roman ist nicht Lewadski, sondern die Sprache. Weiterlesen

Hilfe, wir leben noch! Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“

Das dystopische Szenario einer postapokalyptischen Welt ohne Menschen ist ein Topos, der in den letzten Jahren vor allem zahlreiche Popcorn-Hollywood-Filme hervorbrachte: man denke da an die Eiszeit in Day after tomorrow, I am legend nach dem gleichnamigen Roman von Richard Matheson mit Will Smith in der Hauptrolle und zahlreiche Zombiefilme.

In der deutschsprachigen Belletristik scheint sich das dystopische Endzeit-Genre nun einer neuen literarischen Beliebtheit zu erfreuen. Neben dem brillianten Erstling „Winters Garten“ von Valerie Fritsch, das den Vorabend des Weltuntergangs imaginiert, ist Heinz Helles Roman Eigentlich müssten wir tanzen der zweite apokalyptische Text aus dem Hause Suhrkamp auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Hier haben fünf Jugendfreunde den Untergang der menschlichen Zivilisation zufällig überlebt, als sie sich auf Wochenendurlaub in einer abgelegenen Hütte in den Alpen befinden. Helle erzählt in neunundsechzig Kurzkapiteln von ihrer gemeinsamen Wanderung durch die verwüstete Landschaft zwischen Deutschland und Österreich in einer „aus den Fugen geratenen Welt“.  Weiterlesen

Bis uns der Himmel auf den Kopf fällt: Valerie Fritschs „Winters Garten“

„Winters Garten“ ist das in diesem Jahr erschienene Debüt der Österreicherin Valerie Fritsch, das bereits im März erschein, aber spätestens seit dem Antritt beim Wettlesen des diesjährigen Bachmann-Preises in Klagenfurt und nun auch mit der Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis Aufmerksamkeit erfährt, und das völlig zu Recht. Auf einhundertvierundfünfzig Seiten beweist die 26-Jährige ihr Können. Erzählt wird die Geschichte von Anton Winter und dem utopischen Garten seiner Kindheit, den er irgendwann zugunsten der Stadt verließ, um mit seiner Geliebten und der Familie seines Bruders im Angesicht des drohenden Weltuntergangs in jenen Garten zurückzukehren. Fritschs erster Text ist komplex und metasprachlich strukturiert, ohne konstruiert zu wirken, ihr Ton ist poetisch, die Metaphern sind fulminant.

Weiterlesen

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Und einmal, als ich meine Träume erwähnte, sagte er mir, dass es ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch der Samen- und Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu werden, macht was mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder Kugeln, die dich trefen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen. Und später, wie liebevoll behütet sie auch heranwachsen mögen, haben sie panische Angst davor, gekränkt, geschlagen oder erschossen zu werden. Jedenfalls im Unterbewusstsein, in den Träumen. Eigentlich logisch, oder?

Ob das wirklich logisch ist, wird aktuell wissenschaftlich geklärt. Den Erfolg – um nicht zu sagen Hype – von bzw. um Ralf Rothmanns Im Frühling sterben, das nicht nur in sämtlichen Feuilletons und auf vielen Blogs gelobt wurde, sondern es selbst ins ARD Nachtmagazin schaffte, liegt in jener Thematik begründet, das die Deutschen umzutreiben scheint: Das Schweigen der Kriegsgeneration und den psychologischen Auswirkungen auf die Nachfolgenden. Dabei ist Rothmanns Roman stilistisch ein bloß durchschnittliches Stück LiteraturWeiterlesen