Schlagwort: Suhrkamp Verlag

Jörg Späters „Siegfried Kracauer“: Ein vergessener Mann

In dem Moment als die Literaturwissenschaft die weibliche Literatur der Weimarer Republik und ihre Protagonistinnen wie Irmgard Keun, Vicky Baum oder Marieluise Fleißer wiederentdeckte, entdeckte sie auch Siegfried Kracauer für sich neu. Er hatte den zentralen Text zu dem Milieu geschrieben, das die Autorinnen immer wieder beschrieben: die Angestellten. Dass Kracauer überhaupt wiederentdeckt werden muss, scheint befremdlich. Doch Kracauer war ein höchstintelligenter Hansdampf in allen Gassen, was für die Rezeption immer eine Schwierigkeit darstellt. Wer fühlt sich für ihn zuständig? Die Literaturwissenschaften? Die Filmwissenschaften? Die Soziologie? Kracauer bespielte alle diese Felder, meist immer mit Bravour. Diesem „vergessenen Mann“, wie er sich selbst bezeichnen sollte, widmet Jörg Später nun die erste umfassende Biographie und gibt einen Eindruck von einem Epochenumbruch und einem, der diesen wie kaum ein anderer zu beschreiben wusste. Weiterlesen

Jan-Werner Müller: „Was ist Populismus?“ Zu viel!

Der US-amerikanische Vorwahlkampf hatte dieses Jahr beinahe zwei Sensationen zu bieten: Neben einem wildgewordenen Reality-TV-Star, der seinen Namen gerne auf möglichst große Gebäude pflastert und schließlich republikanischer Präsidentschaftskandidat wurde, brachte auf der politischen Gegenseite ein 75-jähriger Senator aus Vermont die demokratische Führung in Unruhe. Der eigentlich parteiunabhängige Bernie Sanders schaffte etwas, was seiner Rivalin Hillary Clinton bis heute nicht zu gelingen scheint: junge Wähler mit einem sozialen Programm wieder für die Politik zu gewinnen. Sanders überforderte die komplette politische Berichterstattung. So sah sich der konservative Fox-Moderator Bill O’Reilly gemüßigt, Sanders als die linke Entsprechung von Trump zu bezeichnen und beide in den gleichen Populismus-Topf zu werfen. Mittlerweile ist alles als populistisch, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – von der griechischen Syriza-Bewegung über Spaniens Podemos, die AfD und Orbáns Fidesz-Partei –, womit die Unterschiede verschwimmen. Zeit für eine Theorie des Populismus, was sich auch der in Princeton lehrende Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller gedacht hat und mit „Was ist Populismus?“ ein Essay vorlegt. Weiterlesen

Peter Suhrkamp/Annemarie Seidel: Der schlichte Ostfriese

Der Begriff „Suhrkamp“ hat eine merkwürdige Unverhältnismäßigkeit produziert: Wer heute „Suhrkamp“ sagt, denkt zunächst „Unseld“. Das mag daran liegen, dass Siegfried Unseld in einer neuentstandenen Medienumwelt es besonders verstand, sich in Szene zu setzen oder aber, dass der Verlag erst unter seiner Regentschaft zu einer Kulturinstitution von Weltruhm geworden ist. Logischer wäre freilich bei Suhrkamp zunächst an Suhrkamp zu denken, an eben Peter Suhrkamp, Gründer des Verlags. Als Leiter des in Deutschland verbliebenen Teil des S. Fischer-Verlags – nachdem Bermann Fischer aufgrund der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten ins Exil gehen musste – baute er seine Hausmacht aus, die er schließlich ausspielte, als nach dem Krieg zwischen Suhrkamp und Fischer Lizenz-Streitigkeiten ausbrachen. Mit Brecht und Hesse hatte Peter Suhrkamp ein echtes Pfund für den Start gewinnen können; die zwei Autoren ebneten den Weg für eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. Trotz des allzu hell strahlenden Unseld-Sterns möchte das Berliner Verlagshaus das Andenken Suhrkamps hochhalten. Wie mit dem nun erschienen Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau Annemarie Seidel. Weiterlesen