Schlagwort: Thomas Bernhard

Ulrike Mosers „Schwindsucht“: Die Krankheit mit den vielen Namen

Krankheiten gibt es viele. Manche sind so alltäglich, dass sie vom Menschen stoisch ertragen werden, andere sind so besonders und selten, dass sie kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Und dann gibt es Krankheiten, die so verheerend sind und Gesellschaften radikal prägen, dass sie zu einem Zeitzeichen werden. Einst war es die Pest, die ganze Landstriche leerfegte, jüngst war es HIV, der Virus, der zu einem Umschlagpunkt einer sich sexuell-befreienden Gesellschaft gedeutet wurde. Krankheiten prägen den Menschen nicht nur auf basale Weise in seiner körperlichen Verfasstheit, sie prägen auch wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken, wie Ulrike Moser in ihrem Buch „Schwindsucht“ darzustellen versucht. Weiterlesen

Elias Hirschls „Hundert schwarze Nähmaschinen“: Dinner for one

Nerdig sein ist cool geworden. Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „Silicon Valley“ haben den Nerd, Freak oder Geek als gesellschaftlichen Typus in die Mitte gebracht. Der Erfolg dieser Trendbewegung zeigt sich daran, dass sich junge, hübsche, hippe Menschen plötzlich das Gesicht mit übergroßen Brillen verbauen oder Nintendo-Controller zu Halsketten umfunktionieren. Das könnte Anlass zu großer Freude sein, wenn es denn bedeuten würde, dass diejenigen, die schon immer im Abseits standen, nun auch in die Mitte der Gesellschaft genommen würden. Stattdessen hat sich jedoch die Mitte einfach nur die Ästhetik des Nerdigen angeeignet, so wie sie sich turnusmäßig immer wieder Elemente von Subkulturen aneignet, um frisches Blut zu saugen. Aus dem gleichen Grund liegen in H&M-Läden T-Shirts von Metalbands rum und DocMartens sind zu Modeaccessoires geworden. Weiterlesen

Manfred Mittermayer: Das Unglück der Quellen

Über Thomas Bernhard zu schreiben bedeutet auch immer gegen Thomas Bernhard zu schreiben. Neben seinem umfassenden Dramen- und Romanwerk umfasst der Kosmos des Österreichers auch seine fünfbändige Autobiographie. Daneben stehen schmalere Publikationen wie „Meine Preise“, Stunden an Fernsehinterviewmaterial und öffentliche Debattenbeiträge. Obwohl er sich auf seinen Bauernhöfen und Landgütern immer erdverwachsen und provinziell gezeigt hat, hat Thomas Bernhard den Umgang mit modernen Medien zur Meisterschaft gebracht. Nicht nur, aber auch war er eine feinjustierte Skandalmaschine. In der Weise, wie Bernhard alle Fäden der Kontrolle über sein öffentlichen Bild in der Hand hielt, ist jeder Versuch, ein Gegennarrativ zu finden, ein kühnes Vorhaben. Weiterlesen