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Thomas Glavinics „Der Jonas-Komplex“: Ich ohne Gewähr

Im Wintersemester 1959/60 war eine österreichische Schriftstellerin nach Frankfurt gekommen und erklärte dem aufmerksamen Publikum: „Die erste Veränderung, die das Ich erfahren hat, ist, daß es sich nicht mehr in der Geschichte aufhält, sondern daß sich neuerdings die Geschichte im Ich aufhält. Das heißt: nur so lange daß Ich selber unbefragt blieb, solange man ihm zutraute, daß es seine Geschichte zu erzählen verstünde, war auch die Geschichte von ihm garantiert und war es selbst als Person mitgarantiert. Seit daß Ich aufgelöst wird, sind Ich und Geschichte, Ich und Erzählung es nicht mehr.“ Die Rede ist natürlich von Ingeborg Bachmann, die in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung unter dem Titel „Das schreibende ich“ Überlegungen zum Ich in der Literatur anstellte. Sie behauptete, dass in der Moderne die lang geglaubte Sicherheit im Umgang mit der Ich-Erzählung verloren gegangen ist. Das sprechende Ich offenbart sich als Konstruktion, dessen Motive unklar sind, in das jeweils andere Erwartungen hineingelegt werden und dessen Gesagtes daher immer kritisch hinterfragt werden muss: „Ich“ zu sagen verlor die Selbstverständlichkeit. Weiterlesen