Schlagwort: Tod

Hakan Tezkans „Den Kern schluckt man nicht“: Wie der Vater, so der Sohn?

Der Text, mit dem Hakan Tezkan im Jahr 2015 beim 23. open mike antrat, war mit „Wolf“ übertitelt. Gewonnen haben damals andere, aber entmutigen ließ Tezkan, der am Deutschen Literaturinstitut studierte, sich davon nicht. Nun veröffentlicht er, knapp zweieinhalb Jahre nach seiner Lesung im Heimathafen Neukölln, seinen nur knapp über 100 Seiten kurzen Debütroman „Den Kern schluckt man nicht“ im Elif Verlag. Weiterlesen

Im tiefen, dunklen Wald: Jovana Reisingers „Still halten“

Er ist der ultimative Sehnsuchtsort der Deutschen: der Wald. Spätestens seit der Romantik und den Grimmschen Märchen weiß jedes Kind, das im Dickicht Gefahren in Form von bösen Wölfen und noch böseren Hexen lauern. Gleichzeitig aber ist dieses Archaische, dieses Gegenbild zur vom Menschen geprägten, kultivierten Landschaft zum überhöhten Ideal geworden, das bei der Reichsgründung 1871, so zeigt sich am Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, zum Symbol nationaler Identität erklärt wurde, das die Nazis dankend für ihre Propaganda nutzten. In Jovana Reisingers literarischem Debüt ist der Wald nicht Sehnsuchtsort, sondern gefürchteter Schreckensraum. Dennoch läuft der Roman zielstrebig auf eben jenen zu. In „Still halten“ erobert die Natur die Topographie zurück. Weiterlesen

Kerstin Preiwuß’ „Nach Onkalo“: Es war einmal ein Muttersöhnchen

Während der eine Teil der diesjährigen Longlistromane von großen historischen Ereignissen erzählen – man denke da an den Schiffbruch in Franzobels „Floß der Medusa“ oder Zaimoglus Reformationsroman „Evangelio“ –, schlagen andere Romane eher die leiseren Töne an, erzählen die Geschichten einfacher Leute, die keine Helden sind, wie Julia Wolfs Walter Nowak oder Ingo Schulzes Peter Holtz. Zu letzterer Kategorie gehört auch „Nach Onkalo“. In ihrem zweiten Roman erzählt Kerstin Preiwuß von den großen Themen des Lebens in einem kleinbürgerlichen Milieu: dem Tod und dem Weiterleben. Weiterlesen

Hass, Hass, Hass: Nele Pollatscheks „Das Unglück anderer Leute“

Als sich Elke Heidenreich im SRF Literaturclub Ende August über Michelle Steinbecks Debüt „Mein Vater war an Land ein Mann und im Wasser ein Walfisch“, das es auf die diesjährige Longlist zum deutschen Buchpreis geschafft hatte, ausließ und bei der Autorin Geisteskrankheiten und Sozialstörungen diagnostizierte, wies die in dieser Sendung selbst leicht verwirrt wirkende Kritikerin auf ein anderes Buch hin, das ihrer Ansicht nach das gelungene Debüt einer jungen Autorin verkörpert: „Ich lese gerade ein Buch von Nele Pollatschek, das ist auch eine 25-jährige Autorin, das Buch heißt „Das Unglück anderer Leute“: was für eine Kraft, was für eine Sprache.“ Damit beweist Heidenreich nur ein weiteres Mal, dass man auf ihr Urteil nicht vertrauen kann. Weiterlesen

Thea Dorn: Die unglückseligen Leser

Der Traum von der Unsterblichkeit ist fast so alt wie das Sterben selbst. Schließlich findet sich irgendeine Vorstellung des ewigen Lebens in so ziemlich jedem Mythos und jeder Weltreligion. So ganz ist die Sehnsucht nach der Unendlichkeit nie ganz verklungen, egal wie rational die Menschheit geworden ist. Das Irrationale überdauert in den verschiedensten Formen: In der Esoterik, in Verschwörungstheorien oder in Katzenvideos. Doch zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen scheint ein Zeitpunkt gekommen zu sein, an dem die unbegrenzte Verlängerung des Lebens nicht als der Traum eines Wahnsinnigen erscheint. Vor allem im Hort des technologischen Irrationalismus „Sillicon Valley“ sind Wissenschaftler emsig dabei, einer der letzten Geheimnisse auf die Spur zu kommen. Dort wo Apple regelmäßig zur heiligen Produktmesse lädt und Google an der Weltherrschaft tüftelt, könnte sich die gewaltigste Veränderung in der Menschheitsgeschichte anbahnen. Doch was bedeutet das für eine Gesellschaft? Thea Dorn lädt in ihrem neuesten Roman „Die Unglückseligen“ zum Nachdenken ein. Eine Einladung, die man ausschlagen sollte. Weiterlesen

Zurück zur (Ur-)Sprache: Marjana Gaponenkos „Wer ist Martha?“

Der Moment, in dem Luca Lewadski im Alter von 96 Jahren erfährt, dass ein Karzinom in seiner Lunge gefunden wurde und seine Tage gezählt sind, eröffnet den zweiten Roman von Marjana Gaponenko. Die ersten vier Phasen des Sterbens sind jedoch schnell überwunden: Lewadski akzeptiert sein Schicksal und beschließt, die letzten Tage seines langen Lebens in Luxus zu schwelgen und in die Stadt seiner Kindheit zurückzukehren. „Wer ist Martha?“ ist nichts für Handlungsversessene, dieser Roman lebt von Dialogen, Symbolen und Metaphern. Der Protagonist von Gaponenkos Roman ist nicht Lewadski, sondern die Sprache. Weiterlesen

Die neue Wörtlichkeit: Kai Weyands „Applaus für Bronikowski“

Kai Weyands Roman Applaus für Bronikowski ist eine der Überraschungen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015, der in den Kritiken bislang vor allem Zustimmung und Applaus erhält.
Das mag vor allem daran liegen, dass sich der Roman inhaltlich und formal deutlich unter den anderen Kandidaten heraussticht: der quantitativ gesehen eher zu den kürzeren Einreichungen gehörende Text ist nicht in einzelne Kapitel untergliedert, sondern über einhundertachtundachtzig Seiten fortlaufend und nur durch Absätze unterbrochen, sein markantestes Merkmal ist sein Humor, eine einzige Figur steht klar im Fokus der Erzählung.
Applaus für Bronikowski ist eine leichte, kurzweilige Lektüre, die ihre Tiefe nicht über eine metasprachliche Poetizität, sondern über die existenzielle Thematik entwickelt.  Weiterlesen