Schlagwort: USA

Heimat Babylon: Aura Xilonens „Gringo Champ“

Die soziokulturellen Konzepte von Heimat und Leitkultur scheinen überholt. Zu konformistisch, zu konservativ kommen die Begriffe daher, haben in den letzten Monaten einen faden, völkischen Beigeschmack entwickelt. Unlängst erschienene und viel diskutierte Bücher wie Max Czolleks „Desintegriert euch!“ oder der Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“, der gleich nach dem Erscheinen vergriffen war, zeugen davon. Was literarisch erwachsen kann, zeigt ausgerechnet eine junge Mexikanerin in ihrem Debütroman, der nun in einer sensationellen deutschsprachigen Übersetzung von Susanne Lange bei Hanser erschienen ist. Weiterlesen

Matthew Weiners „Heather, the Totality“: Mad Men

E s gibt viele Faktoren, an denen man die heutige Bedeutung von Literatur messen kann: Verkaufszahlen, mediales Interesse, Verankerung im Alltag. Vielleicht lässt sich aber auch über den Umstand, wer zum Schreiben kommt, Rückschlüsse darauf ziehen, welche Bedeutung Literatur heute noch hat. Matthew Weiner hat an zwei ganz großen Serienhits mitgewirkt – die „Sopranos“ und „Mad Men“. Auch wenn er noch an anderen Projekten gearbeitet hat, werden diese zwei Namen wohl immer mit ihm verknüpft bleiben, prägten sie die zeitgenössische Serienkultur wie kaum andere Serien. Als Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber wird er dabei ein bisschen was verdient haben. Geld war es also nicht, wenn es im Literaturbetrieb denn welches zu holen gäbe, das ihn dazu bewogen hat, nun mit „Heather, the Totality“ seinen Debütroman vorzulegen. Nach der Lektüre weiß man mit Sicherheit: Das Talent war es aber auch nicht. Weiterlesen

Kevin Kuhns „Liv“: So nah und doch so fern

Es ist der kollektive Traum einer Generation: Immer mehr junge Menschen brechen nach der Schule, der Ausbildung oder dem Studium auf, um auf Weltreise zu gehen. Ob Backpacking durch Südostasien oder Work-and-Travel in Australien und Neuseeland – was verspricht, besonders exotisch zu sein, haben schon Abertausende erlebt. Die Routen sind mehr oder minder vorgegeben, alle besuchen die gleichen Partyhostels, den gleichen vermeintlich abgelegenen Wasserfall: Die abenteuerliche Weltreise hat immer schon jemand vorher erlebt, bereits ein Selfie auf Instagram, Facebook oder einem Travelblog gepostet. Auch die titelgebende Protagonistin von Kevin Kuhn macht sich auf den Weg, um die Welt zu bereisen. Für „Liv“ gibt es jedoch kein Zurück. Weiterlesen

Colson Whiteheads „Underground Railroad“: A Streetcar Named Despair

Der amerikanische Mythos verläuft auf der Schiene. Als die Unabhängigkeit der 13 Kolonien gesichert war, fand der US-Amerikaner sich plötzlich in einem riesigen Land wieder, das es zu unterwerfen galt. So machten sich die Siedlertrecks auf gen Westen, auf der Suche nach dem Glück. Doch einen inneren Zusammenhang konnte die junge Nation nur dann entwickeln, wenn der Weg von Küste zu Küste kein Lebensalter dauerte. Mit der Eisenbahn schien ein Weg gefunden, die unendlichen Weiten des mittleren Westen zu überbrücken; darüber hinaus ist sie eins der prägnantesten Motive des amerikanischen Mythos – verkörpert sie doch technischen Fortschritt mit ungezügelter Kraft und Aufbruchsstimmung. Auch wenn sich die USA längst von ihrem Schienennetz verabschiedet haben und aufs Flugzeug umgestiegen sind – die Eisenbahn lebt im kulturellen Gedächtnis weiter. Was die Zeit kaum überdauert hat, ist die Erinnerung an ein anderes Schienensystem, ein Netzwerk im Untergrund, organisiert von jenen, die im amerikanischen Narrativ lange nicht vorkamen: die Underground Railroad, von der Colson Whitehead in seinem vielgerühmten Roman erzählt. Weiterlesen

Nathan Hills „Geister“: Im postfaktischen Zeitalter

Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst der Postfaktizität. Spätestens als Angela Merkel es in die Öffentlichkeit trug, war das Gespenst nicht mehr loszuwerden. Nun geistert es in den Redaktionen der hiesigen Medien herum und durch die öffentlichen Diskussionen. Für die Politik und die Medien ist der Eintritt in das postfaktische Zeitalter ein Segen, schließlich entlastet das einen von der schwierigen Aufgabe nachdenken zu müssen. Die postfaktischen Postfaktiker gehen davon aus, dass es seit der Aufklärung einen kontinuierlichen gesellschaftlichen Zustand der rationalen Weltsicht gab, der nun plötzlich abgebrochen ist. Wer alleine durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts schaut, dem werden freilich viele Beispiele einfallen, in denen sich ganze Bevölkerungen durch krude Weltanschauung und emotionale Aufladung haben hysterisieren lassen. Aber das ist dann auch schon wieder postfaktisch. Postfaktisch geht es auch in Nathan Hills „Geister“ zu, dessen Roman daher zur Literatur der Stunde werden könnte, würde Hill nicht zu viel versuchen und zu wenig erreichen. Weiterlesen

Wolfgang Koeppens „Amerikafahrt“: Republikanische Pracht

Die Geschichte Wolfgang Koeppens ist die des Verstummens. Der Autor aus Greifswald galt unter seinen Zeitgenossen als einer der avanciertesten Nachkriegsschriftsteller, obgleich sein literarischer Werdegang schon in der Weimarer Republik begann. Mit Marcel Reich-Ranicki hatte Koeppen einen wortmächtigen Fürsprecher an seiner Seite; eine Verbindung, die in der Nachbetrachtung unterschiedlich bewertet wurde. Während die einen Reich-Ranicki für seine Errungenschaften um Koeppen preisen, haben andere dem Großkritiker stets vorgehalten, das Verstummen des Autors mit seinem ständigen Drängen auf den nächsten großen Roman noch befördert zu haben. Wer es mit einfachen psychologischen Schlüssen hält, könnte vermuten, der Grund für Koeppens spätere Konzentration auf Reiseberichte ist genau in diesem Spannungsverhältnis erwachsen: die Reise als Flucht vor einem Kulturbetrieb, der ständig Erwartungen an einen Autoren herantrug, die dieser nicht mehr erfüllen konnte oder wollte. Einer der Texte dieser Zeit ist Koeppens „Amerikafahrt“, die Reise eines Enthusiasten. Weiterlesen

Jan-Werner Müller: „Was ist Populismus?“ Zu viel!

Der US-amerikanische Vorwahlkampf hatte dieses Jahr beinahe zwei Sensationen zu bieten: Neben einem wildgewordenen Reality-TV-Star, der seinen Namen gerne auf möglichst große Gebäude pflastert und schließlich republikanischer Präsidentschaftskandidat wurde, brachte auf der politischen Gegenseite ein 75-jähriger Senator aus Vermont die demokratische Führung in Unruhe. Der eigentlich parteiunabhängige Bernie Sanders schaffte etwas, was seiner Rivalin Hillary Clinton bis heute nicht zu gelingen scheint: junge Wähler mit einem sozialen Programm wieder für die Politik zu gewinnen. Sanders überforderte die komplette politische Berichterstattung. So sah sich der konservative Fox-Moderator Bill O’Reilly gemüßigt, Sanders als die linke Entsprechung von Trump zu bezeichnen und beide in den gleichen Populismus-Topf zu werfen. Mittlerweile ist alles als populistisch, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – von der griechischen Syriza-Bewegung über Spaniens Podemos, die AfD und Orbáns Fidesz-Partei –, womit die Unterschiede verschwimmen. Zeit für eine Theorie des Populismus, was sich auch der in Princeton lehrende Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller gedacht hat und mit „Was ist Populismus?“ ein Essay vorlegt. Weiterlesen

Matthias Engels‘ „Wilde & Hamsun“: Kaffeefahrt durch die Weltgeschichte

Im Jahr 1884 kam eine internationale Delegation nach Washington D.C., um ein dringliches Thema zu besprechen: Ein neuer, vereinheitlichter Nullmeridian sollte bestimmt werden, diejenige senkrechte Linie, die zum Bezugspunkt für alle Längengrade wird und zur Bestimmung der Weltzeit dient. Schnell ist man sich einig, der Nullmeridian sollte auf neutralem Grund und möglichst an einem der großen Observatorien verlaufen. Doch was ist im Jahre 1884 schon neutraler Grund, wo doch die Hälfte der Welt zum Commonwealth gehörte. Nach einigem diplomatischen Gerangel einigte man sich schließlich darauf, dass der Nullmeridian so gelegt werden würde, dass er die Londoner Sternwarte Greenwich kreuzen würde. Die Entscheidung hatte am Ende wenig mit Wissenschaft, viel mehr mit nationaler Geltungssucht und Pragmatik zu tun. Doch die Geschichte der Washingtoner Konferenz zeigt auch: So willkürlich wie die Menschheit die Erde eingeteilt hat, so willkürlich lassen sich auch Episoden aus dem Weltverlauf herausgreifen, am Ende hängt doch alles irgendwie miteinander zusammen. So geschehen in Matthias Engels‘ Roman „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“, eine Geschichte des Scheiterns, in allen Belangen. Weiterlesen

Bücher befreien: Deborah Feldmans „Unorthodox“

If I can make it there, I’ll make it anywhere – New York City an der Ostküste der USA verkörpert seit je her kosmopolitische Werte wie Selbstverwirklichung, Freiheit und Weltoffenheit. Ganz New York City? Nein, im Süden des Stadtteils Williamsburg in Brooklyn der frühen 1990er Jahre gelten andere Gesetze als im Rest der Stadt. Hier wohnt eine Gemeide von ultraorthodoxen, chassidischen Juden, in die Deborah Feldman hineingeboren wurde. „Unorthodox“ ist eine ‚autobiografische Erzählung‘, die bereits 2012 in den USA erschien und zum Bestseller wurde, vom Aufwachsen und Alltag in der chassidischen Satmar-Gemeinde erzählt und nun im Secessions-Verlag erstmalig in deutscher Übersetzung erschien. Weiterlesen