Schlagwort: Weimarer Republik

Gabriele Tergits „Etwas Seltenes überhaupt“: „Wunderbar, nicht?“

Ähnlich wie Irmgard Keun oder Vicky Baum musste Gabriele Tergit erst in Vergessenheit geraten, um schließlich wiederentdeckt werden zu können. Tergit, die eigentlich Elise Reifenberg hieß, gehörte zu ihrer Zeit zur Berliner intellektuellen High Society. Sie publizierte im Berliner Tageblatt, das zum damals einflussreichen Mosse-Verlag gehörte, sie war bekannt mit den Größen der deutschsprachigen Literatur. Der Weg ins Exil war schließlich nicht nur ihrem kritischen Geist, sondern auch ihren Judentum geschuldet, das sie über Umwege nach Israel, dann schließlich nach London führte. Trotz einiger Besuche ist Tergit nach dem Krieg nie wieder in Deutschland heimisch geworden. Nun bemüht sich der Schöffling & Co. Verlag zumindest darum, dass ihr Werk wieder einen Platz in Deutschland findet. Weiterlesen

Vom Kampf gegen die Väter: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Eine junge Frau beendet die Schule. Sie beschließt, ihr Elternhaus zu verlassen und in einer anderen Stadt zu studieren – sie möchte Architektin werden. Was im Jahr 2017 wie selbstverständlich klingt, war es vor knapp 100 Jahren, im Herbst 1921, noch lange nicht. Hier entschieden nicht die Abiturientin für sich selbst, sondern ihre Eltern über die Zukunft der Tochter. In ihrem Debütroman „Blaupause“ erzählt Theresia Enzensberger, ihres Zeichens bislang selbst vor allem Tochter, nämlich von niemand geringerem als Hans Magnus Enzensberger, von einer jungen Frau, die am legendären Bauhaus in den 1920ern Architektur studiert. Weiterlesen

Alfred Kerr: Der Kritiker als Überkünstler

Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 hatte die deutsche Literaturkritik ihren Großmeister in Marcel Reich-Ranicki, heute sitzt Maxim Biller im neu aufgelegten Literarischen Quartett und polarisiert – doch wer war vor einhundert Jahren der umstrittendste Literaturkritiker seiner Zeit? Die Antwort ist einfach: Alfred Kerr. Der 1867 in Breslau geborene Alfred Kempner, der seit seinem 20. Lebensjahr unter dem Pseudonym veröffentlichte und 1909 vollends seinen Geburtsnamen ablegte, um ihn in Kerr zu ändern, publizierte rund vierzig Jahre lang vornehmlich Theaterkritiken in den bedeutendesten Feuilletons im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Zunächst war „Der Tag“, ab 1919 das „Berliner Tageblatt“ sein Auftraggeber. Er schrieb nicht nur jährlich mehrere Dutzend Theaterkritiken, sondern entwickelte auch eine Poetologie der Kritik. Weiterlesen