Schlagwort: Wende

Manja Präkels‘: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“: Der Kapitalismus trägt Springerstiefel

Mit langen, lustigen Titeln ist es so wie mit T-Shirt-Sprüchen. Zuerst huscht ein Grinsen ins Gesicht, doch je länger man draufschaut, desto tiefer sinken die Mundwinkel. Warum das so ist, das hat Daniel Kehlmann im ZEIT-Interview zuletzt gut auf den Punkt gebracht: „Der Witz ist da, man lacht, man hat ihn verarbeitet – aber dann bleibt er da. Weil der Mensch das T-Shirt ja immer noch trägt. Aber der Witz sollte nicht mehr im Raum sein, nachdem er gewirkt hat. Und deswegen sollte man keine lustigen T-Shirts tragen!“ Ähnlich verhält es sich mit dem Titel von Manja Präkels Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Hitler, das ist sowieso ein beliebtes Buzzword, mit dem man die Leute vom Hocker holt, und dazu noch Schnapskirschen, das ein versunkenes Wort aus Zeiten der Mettigel und Häkeldecken ist, bildet einen schönen Kontrast. Unterstützt vom prägnanten Verbrecher Verlags-Design, das den Kontrast im Rot der Schrift und Schwarz des Buches aufnimmt, ist der Witz im Raum. Und verlässt ihn nicht mehr. Weiterlesen

Gerhard Falkners „Apollokalypse“: „Georg Autenrieth, also ich“

Die Siebziger waren die liberalsten und offensten Jahre der BRD und gleichzeitig die gewalttätigsten der jüngeren deutschen Geschichte. Die größten Unruhen der Studentenrevolte waren vorüber, mit Willy Brandt und dann mit Helmut Schmidt waren nach rund dreißig Jahren CDU-Herrschaft Sozialdemokraten an den Hebeln der Macht. Außenpolitisch entspannte sich die Lage in Europa durch die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition. Die Siebziger waren aber auch Radikalenerlass, Vietnamkrieg und vor allem RAF. Auch wenn Gerhard Falkners sehr spätes Romandebüt hauptsächlich im Berlin der Achtziger und Neunziger spielt, sind diese Jahre die Keimzelle all dessen, was sich in „Apollokalypse“  vollzieht und Erklärungsmuster für den neologistischen Titel: gleich drei Seelen wohnen in Deutschlands Brust, die des Schönen, die des Verführerischen und die der Zerstörung. Weiterlesen

Juli Zehs „Unterleuten“: Die Hölle, das sind die anderen

Die Beziehung zwischen Berlin und Brandenburg war schon immer eine ganz besondere. Normalerweise interessiert sich das Zentrum nicht besonders für die Peripherie, solange sich das Umland – ganz im marxistischen Sinne – nur freigiebig vom Zentrum ausbeuten lässt. Anders hier. Die Mark Brandenburg hat die Hohenzollern groß gemacht, mit Berlin wurden nicht alle auf dem Preußenthron warm, zeitweise war Potsdam der politisch wichtigste Ort für das Königreich. Spätestens im 20. Jahrhundert schien sich dieses Zentrum-Peripherie-Gefüge zu normalisieren – bis zur Wende. Plötzlich strömten aus dem Westen Gutbetuchte in die Hauptstadt, die vor lauter Zuzug bald selbst schon wieder die Nase voll hatten, denn wer will schon da wohnen, wo alle wohnen. Und so suchten sie sich ein neues Ziel und fanden es im Brandenburger Speckgürtel. Seit dem versuchen sich Naturverliebte, Impfgegner und andere Wohlstandsverrückte in alternativen Lebensentwürfen und haben eine neue Form der Ausbeutung gefunden. Denn den politischen Ansichten der Neubewohner haben sich die Eingesessenen zu fügen. So könnte man die Geschichte erzählen. Oder ganz anders. Genau darum geht es Juli Zeh in ihrem neuen Roman „Unterleuten“. Weiterlesen

„Glückskind mit Vater“: Mein Name sei Boggosch

Christoph Hein ist der große Chronist des Umbruchs. Anders als Autoren wie Christa Wolf oder Jurek Becker schlug Heins literarische Stunde erst nach der Wende. Seit der Wiedervereinigung beschäftigt er sich immer wieder mit Strukturen gesellschaftlichen Wandels und den Konsequenzen für Biographien. Romane wie „Landnahme“ erzählen davon, wie eine Gesellschaft von der Wucht des Kapitalismus getroffen wird und dass die Zukunft den Opportunisten gehört. Der Vorwurf, der an viele Ost-Autoren immer wieder gerichtet wurde, sie hätten nach dem Ende der DDR ihr Thema verloren, trifft Christoph Hein nicht, denn er hat sehr wohl verstanden, dass das Ende des Realsozialismus Deutschland noch sehr lange beschäftigen wird; der grassierende Rechtsradikalismus in Sachsen und anderswo geben ihm Recht. Für seinen neusten Roman „Glückskind mit Vater“ spannt er den Bogen besonders weit und beschreibt das Schicksal einer Familie – vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in unsere Gegenwart. Weiterlesen

„89/90″ – Das Leben in der Nische

Kaum eine Diskussion innerhalb der deutschen Literatur ist so verbissen geführt worden wie jene um die literarische Verarbeitung der Wende. Es mag eine verworrene Ansicht sein, die davon ausgeht, jedes große Ereignis müsste seine literarische Entsprechung finden, doch der Deutsche wollte nach 1990 gefälligst seinen „Wenderoman“ aufgetischt bekommen. Als einer der Ersten wurde Günter Grass am Nasenring in die Manege gezerrt und schließlich für sein „Weites Feld“ ordentlich verprügelt. Danach haben sich dutzende Schriftsteller, bewusst oder unbewusst, West oder Ost, daran versucht – so richtig zufrieden war die deutsche Öffentlichkeit nie. 25 Jahre später, so würde man denken, ist die Sache gegessen. Doch dann kommt auf einmal Peter Richter mit seinem Roman „89/90“ um die Ecke und belehrt eines Besseren: Über die Wende kann höchst relevant und vor allem sehr unterhaltsam erzählt werden.

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