Schlagwort: Wien

Klaus Modicks „Keyserlings Geheimnis“: Jahrhundertaktuelle Literatur

Manche germanistischen Gemeinplätze stimmen dann doch: Wenn ein Schriftsteller einen anderen Schriftsteller porträtiert, weist der ausgestreckte Zeigefinger auch immer auf ihn zurück. Derjenige, der Spiel vielleicht am besten beherrschte, war Thomas Mann, der einfach so oft über Goethe geschrieben hat, bis Deutschland endlich begriff, dass es in Thomas Mann wohl Goethes rechtmäßigen Wiedergänger erkennen musste. Klaus Modick ist nicht Thomas Mann und Eduard von Keyserling ist nicht Goethe, dennoch wird man auch bei der Lektüre von Modicks neustem Roman „Keyserlings Geheimnis“ das Gefühl nicht los, dass hier jemand auf den Schultern des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schriftsteller seine eigene Ästhetik verteidigen möchte. Weiterlesen

Elias Hirschls „Hundert schwarze Nähmaschinen“: Dinner for one

Nerdig sein ist cool geworden. Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „Silicon Valley“ haben den Nerd, Freak oder Geek als gesellschaftlichen Typus in die Mitte gebracht. Der Erfolg dieser Trendbewegung zeigt sich daran, dass sich junge, hübsche, hippe Menschen plötzlich das Gesicht mit übergroßen Brillen verbauen oder Nintendo-Controller zu Halsketten umfunktionieren. Das könnte Anlass zu großer Freude sein, wenn es denn bedeuten würde, dass diejenigen, die schon immer im Abseits standen, nun auch in die Mitte der Gesellschaft genommen würden. Stattdessen hat sich jedoch die Mitte einfach nur die Ästhetik des Nerdigen angeeignet, so wie sie sich turnusmäßig immer wieder Elemente von Subkulturen aneignet, um frisches Blut zu saugen. Aus dem gleichen Grund liegen in H&M-Läden T-Shirts von Metalbands rum und DocMartens sind zu Modeaccessoires geworden. Weiterlesen

Im tiefen, dunklen Wald: Jovana Reisingers „Still halten“

Er ist der ultimative Sehnsuchtsort der Deutschen: der Wald. Spätestens seit der Romantik und den Grimmschen Märchen weiß jedes Kind, das im Dickicht Gefahren in Form von bösen Wölfen und noch böseren Hexen lauern. Gleichzeitig aber ist dieses Archaische, dieses Gegenbild zur vom Menschen geprägten, kultivierten Landschaft zum überhöhten Ideal geworden, das bei der Reichsgründung 1871, so zeigt sich am Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, zum Symbol nationaler Identität erklärt wurde, das die Nazis dankend für ihre Propaganda nutzten. In Jovana Reisingers literarischem Debüt ist der Wald nicht Sehnsuchtsort, sondern gefürchteter Schreckensraum. Dennoch läuft der Roman zielstrebig auf eben jenen zu. In „Still halten“ erobert die Natur die Topographie zurück. Weiterlesen

Mohn und Gedächtnis: Böttigers Doppelbiographie über Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Es ist die vielleicht bedeutendste, die vielleicht tragischste und die vielleicht schönste Beziehung der Literaturgeschichte: Im Frühling 1948 lernen sich die 22-jährige Ingeborg Bachmann und der 27-jährige Paul Antschel, der unter dem Pseudonym Paul Celan Gedichte veröffentlicht, in Wien kennen. Sie verleben sechs gemeinsame Wochen, bis Celan nach Paris weiterzieht. Spätestens seit der Veröffentlichung des Briefwechsels der beiden Schreibenden, die ohne Zweifel zu den wichtigsten lyrischen Stimmen des 20. Jahrhunderts zählen, ist das Ausmaß jener Beziehung auch für Nicht-Literaturwissenschaftler, die sich bereits zuvor mit dem evidenten Verbindungen im Werk beschäftigten, deutlich. Helmut Böttiger, der bereits vor einigen Jahren eine umfassende Monographie zur Geschichte der Gruppe 47 veröffentlichte, hat in seinem neuen Buch die Beziehung von Bachmann und Celan zu ordnen, zu analysieren, zu fassen versucht. Weiterlesen

Verliebt, verlobt, verfeindet: Robert Prossers „Phantome“

Das 20. Jahrhundert ist als das Jahrhundert der Gewalt in die Geschichtsbücher eingegangen. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg – die Literatur hat seit jeher an der Aufarbeitung der Schreckensjahre teil. Einen der letzten Kriege des vergangenen Jahrhunderts thematisiert die deutschsprachige Literatur jedoch bislang vergleichsweise selten: die Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren. Der Österreicher Robert Prosser hat sich in seinem auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stehenden Roman „Phantome“ nun dem Thema angenommen: Ein Roman, der heute im Angesicht der Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen Osten an erschreckender Aktualität gewinnt. Weiterlesen

David Vogels „Eine Ehe in Wien“: Mit dem Schlimmsten rechnen

David Vogels Leben war immer ein Leben am Rande des Unglücks. Der Vater starb früh, viele Umzüge führten ihn schließlich kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien, wo er nach Kriegsausbruch interniert wurde. Eine Tuberkuloseerkrankung führte ihn in den Zwanzigern nach Palästina, wo er tragischerweise nicht geblieben ist, sondern nach Europa zurückkehrte. Dort endete sein Weg schließlich in Auschwitz und mit ihm für viele Jahre die Aufmerksamkeit für sein Werk. Seine Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten mag ein Grund für den Schatten sein, der sich über sein Werk gelegt hat, der andere sicher der Umstand, dass er seine Texte im Hebräischen schrieb. Das unterschied ihn von den allermeisten jüdischen Wiener Schriftstellern seiner Zeit und machte ihn zu einem Begründer einer modernen hebräischen Literatur, die ihre Wurzeln jedoch noch fest in Europa hatte. Das lässt sich nun in einer Neuauflage von Vogels großen Roman „Eine Ehe in Wien“ nachlesen. Weiterlesen

Ela Angerers „Und die Nacht prahlt mit Kometen“: Literatur auf Krücken

Die Wiener Schriftstellerin Ela Angerer hatte mit ihrem Debütroman „Als ich 21 war“ für Aufsehen gesorgt: eine frische, unverbrauchte Stimme schrieb über das Heranwachsen im Schatten der Eltern, im Wohlstandsmilieu, als junge Frau. Das Feuilleton war damals fast durchgehend begeistert. Der Erfolg hat Angerer in den Aufbau Verlag gespült, bei dem nun ihr zweiter Roman „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ erschienen ist. Die Themen sind dieselben geblieben, mit einem entscheidenden Unterschied: dieser zweite Roman wird nicht als autobiographisch beworben. Die große Frage ist nun also: schafft Angerer den Sprung aus dem eigenen Leben? Sie schafft es nicht. Dieser Roman ist eine Katastrophe, bei der man sich fragen muss, wie der Text durch die Qualitätskontrolle eines großen, angesehenen Hauses gelangt ist. Ein literarischer Fahrversuch außerhalb der autobiographischen Komfortzone, der mit 200 km/h vor die Wand gefahren wurde. Ein Schadensbericht. Weiterlesen

Klaus Nüchterns „Kontintent Doderer“: Ein verspäteter Autor

Mit „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ ist Karl Ignatz Hennetmairs ein wahrer Husarenstreich gelungen. Ein Jahr machte sich Bernhards enger Freund jeden Abend Notizen über den Tag, den er mit Österreichs begabtesten Grantlers verbrachte. Das mag ethisch zwar zweifelhaft sein, denn Bernhard sagte er davon nichts, doch es ist der Grund, wieso der Nachwelt eine ganz besonders aufschlussreiche Anekdote überliefert ist: Hennetmair und Bernhard sitzen im Jahr 1966 vor dem Fernseher und schauen die Nachrichten. Plötzlich springt Bernhard auf, klatscht in die Hände und ruft: „Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komm ich.“ Grund seiner Freude war makabererweise der Tod Heimito von Doderers. So viele diese kleine Szene über Bernhard verraten mag, noch viel mehr offenbart sie über die österreichische Nachkriegsliteratur. Denn tatsächlich schien bis zu seinem Tod kein Weg an Doderer vorbeizuführen – er war der letzte übriggebliebene Großschriftsteller der Vorkriegszeit. Damit es soweit kommen konnte, brauchte Doderer mehr Glück als er vielleicht verdiente, der deutschsprachigen Literatur wären sonst jedoch brillante Texte entgangen. Heimito von Doderers Werk ist ausufernd, weswegen die Bezeichnung „Kontinent“ keinesfalls übertrieben scheint. Diesen Kontinent entdeckt Klaus Nüchtern, der an die Bernhard-Anekdote erinnert, in seinem neuen Buch für den Leser neu. Weiterlesen

Ich, Ingeborg: Hans Weigels „Unvollendete Symphonie“

Hans Weigel gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Wiener Nachkriegs-Literaturbetrieb. Seine literarische Tafelrunde im Café Raimund ist legendär. Hier versammelten sich spätere Größen wie Milo Dor, Reinhard Federmann, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, um von den vielfältigen Verbindungen Weigels zu profitieren, der ihre Texte an Verleger und Zeitungsredaktionen vermittelte. Der Literaturmanager Weigel, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft im März 1938 ins Schweizer Exil ging, kehrte bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach Kriegsende, in seine Heimatstadt Wien zurück. 1951 veröffentlicht er den Roman „Unvollendete Symphonie“, in dem er die Jahre nach der Rückkehr nach Österreich thematisiert. Aufsehen erregte nicht die literarische Qualität des Textes, sondern seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann, die er in seinem Roman ebenfalls verarbeitet.

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Thomas Glavinics „Der Jonas-Komplex“: Ich ohne Gewähr

Im Wintersemester 1959/60 war eine österreichische Schriftstellerin nach Frankfurt gekommen und erklärte dem aufmerksamen Publikum: „Die erste Veränderung, die das Ich erfahren hat, ist, daß es sich nicht mehr in der Geschichte aufhält, sondern daß sich neuerdings die Geschichte im Ich aufhält. Das heißt: nur so lange daß Ich selber unbefragt blieb, solange man ihm zutraute, daß es seine Geschichte zu erzählen verstünde, war auch die Geschichte von ihm garantiert und war es selbst als Person mitgarantiert. Seit daß Ich aufgelöst wird, sind Ich und Geschichte, Ich und Erzählung es nicht mehr.“ Die Rede ist natürlich von Ingeborg Bachmann, die in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung unter dem Titel „Das schreibende ich“ Überlegungen zum Ich in der Literatur anstellte. Sie behauptete, dass in der Moderne die lang geglaubte Sicherheit im Umgang mit der Ich-Erzählung verloren gegangen ist. Das sprechende Ich offenbart sich als Konstruktion, dessen Motive unklar sind, in das jeweils andere Erwartungen hineingelegt werden und dessen Gesagtes daher immer kritisch hinterfragt werden muss: „Ich“ zu sagen verlor die Selbstverständlichkeit. Weiterlesen