Schlagwort: Zweiter Weltkrieg

Norbert Scheuers »Winterbienen«: Bienenstich

Nazis und Zombies, Nazis und Dinosaurier, Nazis und Aliens – wenn es um den Spieltrieb geht, verspürt vor allem das Trash-Segment des Hollywoodkinos eine große Lust daran, alles Mögliche auf Nazis oder Nazis auf absurde Dinge loszulassen. In der Kategorie der »Was wäre wenn«-Geschichtsschreibung rangiert der Nationalsozialismus immer noch an erster Stelle, was auch den anhaltenden Erfolg der Serienadaption »The Man in the High Castle« erklärt. Nazis sind also vielseitig einsetzbar: Da liegt es auf der Hand, einen Roman zu schreiben, der die beiden deutschen Lieblingsthemen verbindet – Nazis und Bienen. Weiterlesen

Jiří Weils »Mendelssohn auf dem Dach«: Die entkernte Stadt

Die Liste der vergessenen europäischen Schriftsteller ist Legion. Dass sich der tschechische Schriftsteller Jiří Weil auf dieser Liste wiederfindet, hat sicherlich mit seinem widerständigen Geist zu tun, aber auch damit, dass er als jüdischer Schriftsteller im Realsozialismus unter ständiger Bedrohung stand. So passt es, dass im Nachwort zu »Mendelssohn auf dem Dach« die Anekdote erzählt wird, wie Klaus Wagenbach auf seinen Kafka-Recherchen nach Prag kam und Hilfe von einem netten unscheinbaren Herrn bekam, ohne damals zu wissen, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Später sollte sich rausstellen: Es war Jiří Weil. Folgerichtig bemüht sich der Wagenbach Verlag nun, Weil wieder ins kulturelle Gedächtnis zurückzubringen und publiziert mit »Mendelssohn auf dem Dach« einen vergessenen Roman über ein Prag unter nationalsozialistischer Besatzung. Weiterlesen

Harald Jähners „Wolfszeit“: „Werden die Deutschen wieder frech?“

Die deutsche Gesellschaft entdeckt gerade ihre Vergangenheit neu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Serie, ein Spielfilm, ein Roman den Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts richtet. Das nimmt dann mal so schlimme Züge wie bei „Stella“ oder „Werk ohne Autor“ an, mal geht es so biedermeierlich zu wie bei den „Kudamm“-Staffeln oder „Babylon Berlin“. Gerade die Weimarer Zeit wird gerne als die zentrale Chiffre für Krisenzeiten und gleichzeitige ekstatische gesellschaftliche Zustände herbeizitiert. Dagegen galt die BRD bislang als Insel der seligen Stabilität. Ein Bild, das nach und nach revidiert wird. Weiterlesen

Steffen Menschings „Schermanns Augen“: In diesem Lager ist das 20. Jahrhundert inhaftiert

Das Projekt, das 20. Jahrhundert zu erzählen, war auch immer ein Projekt, Räume zu erzählen. Die krisengeschüttelte Gesellschaft der Jahrhundertwende war eine Gesellschaft des Sanatoriums, das wie im „Zauberberg“ in Agonie liegend, der sicheren Katastrophe entgegensah. Die Poststrukturalisten, allen voran Michel Foucault, erkannten dann das Gefängnis als den zentralen Ort, an dem die Repressions- und Disziplinarkräfte einer modernen Gesellschaft offenbar werden. Ein weiterer zentraler Ort des 20. Jahrhundert ist das Lager, das seine Verwandtschaft zum Gefängnis aufweist, aber eine ganz eigene Erzähltradition begründete. In diese Erzähltradition stellt sich nun auch Steffen Menschings „Schermanns Augen“. Weiterlesen

Dichtung oder Wahrheit? Franziska Hausers „Die Gewitterschwimmerin“

Die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis barg kaum Überraschungen. Selten nominierte die Jury so viele Bücher aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage, selten hatten so viele der zwanzig Romane von der Kritik so viele Vorschusslorbeeren geerntet: Gleich zwei der nominierten Bücher standen bereits auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse, Arno Geiger und Angelika Klüssendorf gehörten zu den Feuilletonlieblingen der vergangenen Monate.
Eines der wenigen Longlistbücher, die zum Zeitpunkt der Nominierung zwar schon erschienen waren, aber kaum Beachtung fanden, ist Franziska Hausers Familiensaga „Die Gewitterschwimmerin“. Gehört der Roman wirklich zu den besten Büchern des Jahres? Weiterlesen

Marina Perezaguas „Hiroshima“: Little Boy, Little Girl

Perezagua-Hiroshima

Der 6. August 1945, an dem „Little Boy“ in die Welt kam, veränderte den Lauf der Geschichte: Die erste militärisch eingesetzte Atombombe, die ein Flieger der US Air Force über Hiroshima abwarf, beendete nicht nur den vorangegangen atomaren Rüstungswettlauf zwischen Nazi-Deutschland und den Alliierten, sondern schlug ein neues, trauriges Kapitel der Kriegsführung auf. „Hiroshima“, der Debütroman der spanischen Autorin Marina Perezagua, erzählt die Geschichte einer Überlebenden. Weiterlesen

Michael Chabons „Moonglow“: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Paratext

Chabon-Moonglow

Michael Chabon ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Der amerikanische Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Vertretern seines Landes. Sein jüngstes Werk „Moonglow“ erschien 2016 im englischen Original und wird Anfang März in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch verfügbar sein. Chabon schildere darin, so sein deutscher Verlag in der Ankündigung, „Episoden aus der Lebensgeschichte seines Großvaters“. Ein autobiographischer Roman – oder doch nicht? Weiterlesen

Arno Geigers „Unter der Drachenwand“: Stell dir vor, es ist Krieg und einer macht Pause

Die Literatur über den Zweiten Weltkrieg ist in der Regel eine Literatur der Front oder des Lagers. Die Pole sind Stalingrad und Auschwitz, während Oer-Erkenschwick selten als Schauplatz gewählt wird. Der Grund dafür ist naheliegend: Wo sonst sollte der Horror der nationalsozialistischen Herrschaft erkundet werden, wenn nicht da, wo dieser sich in Krieg und Vernichtung manifestiert? Die Leerstelle, die diese Literatur gelassen hat, hat am prominentesten W. G. Sebald beklagt, der der Nachkriegsliteratur das Versäumnis vorwarf, den Bombenkrieg nicht thematisiert zu haben. Viel wurde diskutiert, ob die These überhaupt zutreffend sei – sicher ist, dass der Mensch an der Heimatfront der Literatur eher fremd ist. In diese Lücke stößt unter anderen Arno Geiger mit seinem neusten Roman „Unter der Drachenwand“, der die Frage umkreist, was mit einem Soldat passiert, wenn der Krieg eine kurze Pause macht. Weiterlesen

Die Leiche im Keller: Birgit Müller-Wielands „Flugschnee“

Sitzt da etwa ein Peter Weiss-Liebhaber in der diesjährigen Jury des Deutschen Buchpreises? Gleich zwei der Romane der Longlist weisen eklatante intertextuelle Bezüge zum  epischen Jahrhundertwerk des deutsch-schwedischen Schriftstellers auf. Während der Verweis bei Franzobels „Das Floß der Medusa“ indirekt ist – sowohl die „Ästhetik des Widerstands“ als auch dieser Roman beziehen sich auf das gleichnamige Gemälde von Théodore Géricault –, verweist Birgit Müller-Wieland in ihrem neuen Roman „Flugschnee“ gleich mehrfach und alles andere als subtil auf das Hauptwerk von Peter Weiss. Weiterlesen

Claude Simons „Das Pferd“: Lob der kleinen Form

Simon-Das-Pferd

Lange Zeit war ein ungeschriebenes Gesetz in der deutschen, vielleicht internationalen Verlagslandschaft: Bitte nicht zu lang! Romane, die eine bestimmte Seitenanzahl überschritten, galten als unverkäuflich. Zwischen Arbeit, Glotze und sich Anschreien haben die Leute keine Zeit, Tausendwälzer mit sich durch den Alltag zu schleppen. Doch die Zeiten scheinen sich in den letzten Jahren gewaltig zu ändern. Parallel mit dem (neuerlichen) Aufstieg der Serienkultur ist die epische Länge in der Gegenwartsliteratur der heißeste Scheiß. An die Literatur wird eine Erwartungshaltung herangetragen, die sich auch im Serienkonsum wiederfindet: Ein Sog muss sich einstellen, nur wer durch die Seiten fliegt, hat die höchste Stufe des Lesens erreicht. Der neue Leser möchte sich von Literatur in die Schwachsinnigkeit quatschen lassen, bis ein Zustand der ekstatischen Besinnungslosigkeit erreicht wird, anders kann man sich die Erfolge von Knausgård oder Yanagihara nicht erklären. In diesem kulturellen Umfeld liest sich das nun erstmals in Buchform publizierte „Das Pferd“ wie ein Loblied auf die kleine Form. Weiterlesen