Schlagwort: Zweiter Weltkrieg

Steffen Menschings „Schermanns Augen“: In diesem Lager ist das 20. Jahrhundert inhaftiert

Das Projekt, das 20. Jahrhundert zu erzählen, war auch immer ein Projekt, Räume zu erzählen. Die krisengeschüttelte Gesellschaft der Jahrhundertwende war eine Gesellschaft des Sanatoriums, das wie im „Zauberberg“ in Agonie liegend, der sicheren Katastrophe entgegensah. Die Poststrukturalisten, allen voran Michel Foucault, erkannten dann das Gefängnis als den zentralen Ort, an dem die Repressions- und Disziplinarkräfte einer modernen Gesellschaft offenbar werden. Ein weiterer zentraler Ort des 20. Jahrhundert ist das Lager, das seine Verwandtschaft zum Gefängnis aufweist, aber eine ganz eigene Erzähltradition begründete. In diese Erzähltradition stellt sich nun auch Steffen Menschings „Schermanns Augen“. Weiterlesen

Dichtung oder Wahrheit? Franziska Hausers „Die Gewitterschwimmerin“

Die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis barg kaum Überraschungen. Selten nominierte die Jury so viele Bücher aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage, selten hatten so viele der zwanzig Romane von der Kritik so viele Vorschusslorbeeren geerntet: Gleich zwei der nominierten Bücher standen bereits auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse, Arno Geiger und Angelika Klüssendorf gehörten zu den Feuilletonlieblingen der vergangenen Monate.
Eines der wenigen Longlistbücher, die zum Zeitpunkt der Nominierung zwar schon erschienen waren, aber kaum Beachtung fanden, ist Franziska Hausers Familiensaga „Die Gewitterschwimmerin“. Gehört der Roman wirklich zu den besten Büchern des Jahres? Weiterlesen

Marina Perezaguas „Hiroshima“: Little Boy, Little Girl

Perezagua-Hiroshima

Der 6. August 1945, an dem „Little Boy“ in die Welt kam, veränderte den Lauf der Geschichte: Die erste militärisch eingesetzte Atombombe, die ein Flieger der US Air Force über Hiroshima abwarf, beendete nicht nur den vorangegangen atomaren Rüstungswettlauf zwischen Nazi-Deutschland und den Alliierten, sondern schlug ein neues, trauriges Kapitel der Kriegsführung auf. „Hiroshima“, der Debütroman der spanischen Autorin Marina Perezagua, erzählt die Geschichte einer Überlebenden. Weiterlesen

Michael Chabons „Moonglow“: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Paratext

Chabon-Moonglow

Michael Chabon ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Der amerikanische Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Vertretern seines Landes. Sein jüngstes Werk „Moonglow“ erschien 2016 im englischen Original und wird Anfang März in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch verfügbar sein. Chabon schildere darin, so sein deutscher Verlag in der Ankündigung, „Episoden aus der Lebensgeschichte seines Großvaters“. Ein autobiographischer Roman – oder doch nicht? Weiterlesen

Arno Geigers „Unter der Drachenwand“: Stell dir vor, es ist Krieg und einer macht Pause

Die Literatur über den Zweiten Weltkrieg ist in der Regel eine Literatur der Front oder des Lagers. Die Pole sind Stalingrad und Auschwitz, während Oer-Erkenschwick selten als Schauplatz gewählt wird. Der Grund dafür ist naheliegend: Wo sonst sollte der Horror der nationalsozialistischen Herrschaft erkundet werden, wenn nicht da, wo dieser sich in Krieg und Vernichtung manifestiert? Die Leerstelle, die diese Literatur gelassen hat, hat am prominentesten W. G. Sebald beklagt, der der Nachkriegsliteratur das Versäumnis vorwarf, den Bombenkrieg nicht thematisiert zu haben. Viel wurde diskutiert, ob die These überhaupt zutreffend sei – sicher ist, dass der Mensch an der Heimatfront der Literatur eher fremd ist. In diese Lücke stößt unter anderen Arno Geiger mit seinem neusten Roman „Unter der Drachenwand“, der die Frage umkreist, was mit einem Soldat passiert, wenn der Krieg eine kurze Pause macht. Weiterlesen

Die Leiche im Keller: Birgit Müller-Wielands „Flugschnee“

Sitzt da etwa ein Peter Weiss-Liebhaber in der diesjährigen Jury des Deutschen Buchpreises? Gleich zwei der Romane der Longlist weisen eklatante intertextuelle Bezüge zum  epischen Jahrhundertwerk des deutsch-schwedischen Schriftstellers auf. Während der Verweis bei Franzobels „Das Floß der Medusa“ indirekt ist – sowohl die „Ästhetik des Widerstands“ als auch dieser Roman beziehen sich auf das gleichnamige Gemälde von Théodore Géricault –, verweist Birgit Müller-Wieland in ihrem neuen Roman „Flugschnee“ gleich mehrfach und alles andere als subtil auf das Hauptwerk von Peter Weiss. Weiterlesen

Claude Simons „Das Pferd“: Lob der kleinen Form

Simon-Das-Pferd

Lange Zeit war ein ungeschriebenes Gesetz in der deutschen, vielleicht internationalen Verlagslandschaft: Bitte nicht zu lang! Romane, die eine bestimmte Seitenanzahl überschritten, galten als unverkäuflich. Zwischen Arbeit, Glotze und sich Anschreien haben die Leute keine Zeit, Tausendwälzer mit sich durch den Alltag zu schleppen. Doch die Zeiten scheinen sich in den letzten Jahren gewaltig zu ändern. Parallel mit dem (neuerlichen) Aufstieg der Serienkultur ist die epische Länge in der Gegenwartsliteratur der heißeste Scheiß. An die Literatur wird eine Erwartungshaltung herangetragen, die sich auch im Serienkonsum wiederfindet: Ein Sog muss sich einstellen, nur wer durch die Seiten fliegt, hat die höchste Stufe des Lesens erreicht. Der neue Leser möchte sich von Literatur in die Schwachsinnigkeit quatschen lassen, bis ein Zustand der ekstatischen Besinnungslosigkeit erreicht wird, anders kann man sich die Erfolge von Knausgård oder Yanagihara nicht erklären. In diesem kulturellen Umfeld liest sich das nun erstmals in Buchform publizierte „Das Pferd“ wie ein Loblied auf die kleine Form. Weiterlesen

Wurzellos: Natascha Wodins „Sie kam aus Mariupol“

Wodin: Sie kam aus Mariupol

Texte zwischen Fiktion und autobiographischem Schreiben haben Konjunktur. Nachdem Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und von vielen schon als sicherer Gewinner gehandelt wurde, wurde Natascha Wodin mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: „Dieses Buch trägt auch ausdrücklich nicht die Bezeichnung Roman. Doch an der Grenze von Fiktion und Nichtfiktion, wo es angesiedelt ist, betreibt es autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben auf der Grundlage von Lidias Tagebüchern. In diesem genreüberschreitenden Sinn ist es unerhört zeitgenössisch.“ Zeitgenössisch – ja, sicher. Aber wie ist es um den literarischen Wert dieses Textes bestellt? Weiterlesen

Louis-Ferdinand Célines „Von einem Schloß zum andern“: Einer flog übers Kuckucksnest

Louis-Ferdinand Célines Roman „Bis ans Ende der Nacht“ ist eine der wenigen, wirklich wichtigen Wegmarken der Weltliteratur. Kaum jemand hat es wie Céline verstanden, die Schrecken der Moderne so einzufangen, der Dialektik des Fortschritts eine literarische Form zu geben. Sein Meisterwerk katapultierte ihn in eine Liga mit Balzac, Flaubert und Proust – doch Céline war ein verstörter und verstörender Geist. Seine Radikalisierung hin zur antisemitischen Rechten blieb für seinen Nachruhm nicht folgenlos. Während des Zweiten Weltkriegs sympathisierte der Autor mit dem französischen Vichy-Regime, an dessen Seite er die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs verbrachte. Über diese letzten Tage schrieb Céline unter anderem seinen autobiographischen Roman „Von einem Schloß zum andern“ – ein bizarres Schreckensschauspiel und die Demolierung eines Jahrhunderttalents.


Es ist eine der obskureren Randgeschichten des Zweiten Weltkriegs: Als 1944 das bislang besetzte Frankreich von den Alliierten befreit wurde, flüchtete die Vichy-Regierung nach Sigmaringen, um dort eine Exilregierung zu bilden. Untergebracht im Hohenzollernschloss (und damit Familiensitz des einflussreichsten deutschen Adelsgeschlechts) saßen nun Marschall Petain und sein Premierminister Laval als Herren ohne Untertanen in Deutschland und mussten dabei zusehen, wie die alliierten Streitkräfte immer näherrückten. Unter ihnen befand sich auch Louis-Ferdinand Céline, der das merkwürdige Treiben als Burgarzt mitverfolgte. Mittlerweile völlig abgewirtschaftet, hatte er für sich und alle anderen nur noch Spott übrig.

Offen gesagt, hier, unter uns – ich ende noch schlimmer als ich angefangen habe …

Seiner Biographie folgend ist auch die Erzählsituation in „Von einem Schloss zum andern“ angelegt. Céline erzählt aus den letzten Tagen des Krieges, die er im Hohenzollernschloss verbringt und seiner beruflichen Ausbildung gemäß als Arzt für das leibliche Wohl der illustren Gesellschaft zuständig ist. Der Autor ist sich seiner schwierigen Stellung bewusst, selbst führende Leute des Vichy-Regimes haben schon von ihm Abstand genommen, im Nachkriegs-Frankreich wird ihm als Kollaborateur kein gemäßer Platz eingeräumt: „Ich habe nur eins voraus!… für die Franzuskis das Kreuz genommen zu haben, ich hätte ganze Mauern voll Plakate verdient, weil ich der vollkommene Verräter bin, der Judenzerfleischer, Verschacherer der Maginotlinie, und Indochinas und Siziliens …“

Genug gebabbelt!

Céline nimmt die Rolle des Parias an und wendet sie gegen seine Widersacher: „Aber ich habe vielleicht keinen Grund, mich zu beklagen … denn ich lebe noch … und jeden Tag verliere ich Feinde!“ Der Wille zum Überleben ist überhaupt das einzige, was diese totgeweihte Gesellschaft noch zusammenhält und auch dieses Vorhaben scheint bedroht. Célines Blick auf seine Umwelt ist, wie auch in „Bis ans Ende der Nacht“, der eines Arztes: alles fault, verwest, steht nur noch mit einem Bein im Diesseits. Politisch, so könnte man behaupten, ist der Schriftsteller am Nullpunkt angekommen: seine antisemitischen und rassistischen Ausfälle hat er zwar nicht hinter sich gelassen, aber zumindest kennt er keine Verbündeten mehr – Deutsche, Franzosen beider Seiten, alles der gleiche Auswurf: „Pißkrüstchen- und Hostienfresser, immer wieder sieht man sie sybillenhaft, immer wieder tauchen sie auf, von Jahrhundert zu Jahrhundert…. Kontinuität der Staatsgewalt!“

„Oh, Sie übertreiben, Céline! Sie übertreiben immer!… alles!“

Seinem Gemüt nach wird in „Von einem Schloss zu andern“ auch nichts mehr erzählt. Der Text ist eine Aneinanderreihung von wüsten Beschimpfungen, Vulgaritäten und Pöbelein. Céline geriert sich hier als Größenwahnsinniger, der von seiner historischen Rolle als Lichtgestalt überzeugt ist: „ich bin der Mann in Europa, der am meisten recht hat! und der freiwilligste! fünfzig Nobelpreise stünden mir zu!“ Wenn der Text überhaupt noch etwas darstellen will, dann die Atmosphäre von Tagen einer Zäsur. Historische, wenn auch abgründige, aber dennoch historische Gestalten schrumpfen in diesem Text zu Witzfiguren zusammen, deren einstiges Bedrohungspotential in einer morbiden Komik endet. Währenddessen schildert der Erzähler immer wieder die dröhnenden Fluggeräusche der Royal Air Force, die das vermeintlich tausendjährige Rauch in Schutt und Asche legt.

Entschuldigen Sie, daß ich so viel von mir spreche … ich trete die Sache breit … sind’s die Verdrießlichkeiten? …. Sie haben auch welche! diese Literaten sind entsetzlich! so geknickt von ihrem Ichichismus!

So könnte man „Von einem Schloss zum andern“ auch als Abschied vom Erzählen verstehen, denn in einer Welt, die in Flammen steht, gibt es nichts mehr zu erzählen: „Ah, ich machte mir nichts vor, wir waren wirklich da! im Bahnhof…. Aber in einem ‚nichtvorhandenen‘! wir hielten: man war da! ein Pfahl… aber kein Ulm mehr!…. ein Schild ULM…. Das war alles!“ Von der Welt, die Céline kannte, sind nur noch leere Bezeichnungen übrig geblieben, das, was sie einstmals benannten, liegt in Trümmern. Louis-Ferdinane Céline bleibt von einer Radikalität beseelt, die ihn einst in den literarischen Olymp katapultierte und immer noch aufregende Früchte trägt. Doch leider ist „Von einem Schloss zum andern“ auch ein Zeugnis von einer Selbstdemontage, einem Feldzug gegen die ganze Welt und gegen sich selbst, vor den Augen der Welt. Davon in diesem Roman Zeuge zu werden, ist ein zweifelhaftes, ein morbides Vergnügen.

Philip Roths & Ewan McGregors „American Pastoral“: Die naive Nation

Philip Roths „American Pastoral“ gehört zu den bedeutenden Klassikern der modernen amerikanischen Literatur. Wie bei jedem Klassiker gibt es auf der einen Seite die Sehnsucht nach einer Verfilmung und auf der anderen Seite die Behauptung der Unverfilmbarkeit. Nun hat es Ewan McGregor gewagt und scheint damit – wie der Großteil der Kritiken glauben machen will – auf die Nase gefallen zu sein. Dabei stand die Produktion von Beginn an unter keinem guten Stern. Kurz vor den Dreharbeiten sprang der eigentlich vorgesehene Regisseur ab, womit McGregor in die Situation kam, sich bei seinem Regiedebut gleich mit Philip Roth zu messen. Tatsächlich ist die Verfilmung allenfalls Anlass, den Roth-Text noch einmal aufzuschlagen; das ist dann aber in jedem Fall ein Ereignis. Weiterlesen