Tausendundeine Nacht in der Finanzkrise: Jonas Lüschers „Frühling der Barbaren“

luscher fruhling

Bereits 2013 erschien die schmale Debütnovelle von Jonas Lüscher, die es im Erscheinungsjahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Der in sieben Kapitel gegliederte Text ist die Geschichte einer Eskalation, die es in sich hat. Der Text thematisiert inhaltlich zeitgeschichtliche, aktuelle Themen wie die Finanzkrise und den arabischen Frühling, erzählt sie aber anhand traditionellen Ritus-Motiven in der Form einer klassischen Novelle.

Drei Erzählinstanzen sind in Frühling der Barbaren am Erzählakt beteiligt. In der Rahmenerzählung unterhalten sich das namenlose Ich und Preising, einem Schweizer Privatier, der einem weltmarktführenden Technologieunternehmen in dritter Generation vorsteht, aber im Grunde nur noch repräsentative Aufgaben übernimmt, auf ihrem Spaziergang durch den Park des Psychartriegeländes. Unvermittelt wird der Leser in das Gespräch geworfen, als Preising konstatiert, „du stellst die falschen Fragen“ und zum Beweis seine Geschichte aus seiner Perspektive erzählt, die als Binnenerzählung den Großteil der Novelle einnimmt. Sowohl in der Rahmen- als auch in der Binnenerzählung schaltet sich zwischenzeitlich immer wieder ein auktorialer, allwissender Erzähler ein, der das Erzählte kommentiert oder mit Hintergrundinformation anreichert.

Preising wird von seinem Geschäftsführer auf Geschäftsurlaub nach Tunesien geschickt wird, wo er einen Zulieferbetrieb besucht, persönlichen Kontakt zu dem Geschäftspartner knüpft und sich in einem seiner Ressorts erholen soll. Nach dem Besuch der Fabrik in Tunis, wo primär Kinder arbeiten, was Preising aber nach kurzer Abwägung nicht stört, wird er von Saida, der ältesten Tochter seines Geschäftspartners Slim Malouch, in das mitten in der Wüste gelegene Oasen-Luxusressort „thousand and one night“ gebracht. Auf der Taxifahrt passieren sie eine Unfallstelle, in der ein Touristenbus eine Kamelkarawane totgefahren hat, wobei hier nicht das Unglück des Kamelführers, der mit einem Mal seiner Existenz beraubt wurde, im Vordergrund steht, sondern die westlichen Touristen im Oasenhotel der Famile Malouch, die nun vergeblich auf ihren Wüstenausflug warten.
Spätestens hier ist klar: Preising ist kein Sympath. Als Figur verkörpert er den Blick auf die globalisierte Welt aus privilegierter Perspektive, die zirkuläre Selbstbezogenheit – so ist das Mitleid mit dem Kamelführer im Anblick des Unglücks bloßes Kalkül, um seine eigenen Gefühle zu thematisieren –, und das Abwägen zwischen „Gut“ und „Böse“ bei komplexen Zusammenhängen, die ihre Wurzel in der Globalisierung haben, zum eigenen Vorteil.

Preising hätte nur zu gerne abgelehnt, aber die Geschichte mit der Kinderarbeit war so einfach nicht. Er erinnerte sich an ein Abendessen mit Prodanovics literalem Unternehmerclub, anlässlich dessen ihm sein Tischnachbar erklärt hatte, wie schwierig es mit der Kinderarbeit sei. Viel schwieriger, als dies gemeinhin der Gutmensch gerne hätte, aber so einfach sei es eben nicht, und unter gewissen Umständen sei es vielleicht dann doch das kleinere Übel.

Außer Preising sind im Oasenressort eine Gruppe vornehmlich junger Engländer aus dem Londoner Finanzsektor einquartiert, die dort die Hochzeit von Marc und Kelly feiern. Unter ihnen Pippa, die Mutter des Bräutigams, und ihr Mann Sanford, bei denen Preising Anschluss findet.

Was auf einer englischen Hochzeit in der tunesischen Wüste noch fehle, sei doch ein Schweizer Geschäftsmann im Kostüm eines Südstaatenjunkers.

Sie feiern ein rauschendes Fest, irgendwo zwischen exotischem Wüstenkitsch – die Braut reitet auf dem Kamel, geführt von einem verkleideten Kamelführer zur Zeremonie, die in den aus Zement nachgebauten Ruinen eines antiken Amphietheaters stattfindet – und westlich-ritualisierter Feier: „Er bemerkte nämlich ganz richtig, dass sich das Fest in seiner weiteren Entwicklung nicht wesentlich von anderen Hochzeiten unterschied, bei denen er zu Gast gewesen war. Es wurde viel geredet, viel getrunken, viel getanzt.“
Nicht in der Nacht, sondern am nächsten Morgen wird die Katastrophe eingeleitet, als der britische Staatsbankrott gemeldet wird. Während die englischen Hochzeitsgäste noch ihren Rausch ausschlafen, ist Saida damit beschäftigt, die angefallene Rechnung zu begleichen, bevor die Konten nicht mehr gedeckt sind, doch alle englischen Kreditkarten sind bereits gesperrt. Kurzerhand sperrt die Managerin des Hotels den Spa-Bereich und tischt zum Frühstück lediglich Brot und Hummus auf. Auch das Handynetz versagt, weil der Roaming-Betreiber ein englischer und damit bankrotter Konzern ist.
Der Hotelname „thousand and one night“ bekommt so eine programmatische Bedeutung. Die Engländer versuchen hier, am Nicht-Ort in der Wüste, ihrem [nicht unbedingt physischen, aber in jedem Fall finanziellen und gesellschaftlichen] Tod zu entgehen.

Der Mensch wird zum Tier, wenn es um sein Erspartes geht.

Abgeschnitten von der Welt beschleunigt sich ab diesem Punkt die Eskalationsspirale. Die Engländer werden zu Barbaren, die den tunesischen Angestellten und Bademeister Rachid ertränken und danach zunächst ein Kamel und danach einen Hund schlachten. Nachdem sie die gesamte Anlage in Brand gesteckt haben, ziehen sie aus in Richtung Tunis, von woaus sie zurück nach England wollen. Zu diesem Zeitpunkt hat auch Saida ihr Hotel bereits verlassen, da sie als zur Oberschicht gehörende Tunesierin bereits gesucht wird: der zweite arabische Frühling ist ebenfalls ein Produkt der englischen Finanzkrise. Sie bringt Preising, den sie auf dem Weg einsammelt, in die Fabrik, wo sie und ihr Vater festgenommen werden und von wo aus Preising zurück nach Deutschland gebracht wird.

Lüschers Novelle endet so unvermittelt, wie sie beginnt. Am Ende steht rahmend der Vorwurf Preisings, die Initiationsmoment für die Binnenerzählung ist: das Ich stellt die falsche Frage. Ein wenig ratlos bleibt der Leser zurück, denn sowohl die Erzählsituation selbst als auch einzelne beiläufge Nebensätze oder Bemerkungen zeugen von der Unzuverlässigkeit der Erzählinstanzen: In der Rahmenhandlung befinden sich beide Figuren nicht als Gäste oder Flaneure, sondern als „Gefangene“ in einer Psychiatrie. Das Ich leidet an starken Depressionen, das Krankheitsbild Preisings ist noch ungeklärt. Der vermeintliche Wahnsinn der Figuren lässt demnach am fiktiven Wahrheitsgehalt des Erzählten zweifeln. Bemerkungen wie „so behauptete er zumindest“ oder „er war sich nicht mehr sicher“ verstärken den Verunsicherungseffekt.

In seiner Beschaffenheit ist Frühling der Barbaren der Prototyp einer Novelle par excellence, das verschiedene Ansätze und Charakteristika der Novellentheorie aufgreift: Lüschers Debüt ist eine Rahmenerzählung [Preising berichtet dem namenlosen Ich auf dem gemeinsamen Spaziergang von seiner Geschäftsreise nach Tunesien, welche die Binnenerzählung darstellt], die Goethe’sche „unerhörte Begebenheit“ könnte sowohl im Untergang Englands als auch in der barbarischen Eskalation am Ende des Romans gelesen werden, und das Heyse’sche Leitmotiv, welches die Novelle als Konstante durchzieht und strukturiert, ist das Kamel.

Lüschers Debütnovelle ist in vielerlei Hinsicht absolut lesenswert. Stilistisch versiert spielt der Autor mit literaturtheoretischen Überlegungen und aktualisiert damit eine so traditionelle Textform wie die Novelle mit sprachlichem Witz. Thematisch klingt hier bereits an, was vor allem die beiden Suhrkamp-Kandidaten der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises, Valerie Fritsch und Heinz Helle, um ein vielfaches weiterdenken: das Untergangsszenario einer Welt, wie wir sie kennen. Im Fall von Frühling der Barbaren endet „der Untergang Englands“ nicht in einer absoluten Apokalypse wie bei Heller oder Fritsch, Lüschers Finanzkrisen-Szenario ist bei weitem realistischer. Aber genau hier liegt vielleicht der Reiz.

3 Kommentare

  1. Die „Barbaren“ lese ich nun schon zum dritten Mal im Unterricht und bin von der NOvelle so begeistert wie Du. Und entdecke jedes Mal wieder etwas Neues. Ein ziemlich geniales Stück Literatur ist diese Novelle.
    Für mich beginnt die Barbarei schon weit vor den Ausschreitungen am Pool, ist nämlich – der vorangestellten Defintion Borkenaus folgend – in der beschriebenen Gesellschaft immer wieder sichtbar, z.B. in der Szene, als die kamele überfahren werden. Das Verhalten ALLER Figuren ist zutiefst unmenschlich, Werte der Hochkultur werden nicht mehr eingehalten, sondern sind – in verschiedenen Facetten – allein auf Egoismus und ökonomisches Denken ausgerichtet (Saida) oder gehen beim Zerdenken eines konkreten Lösungsansatzes (Preising) unter. Der einzige in dieser Szene, der sich nicht „barbarisch“ verhält, ist der Kameltreiber, der sich um seine Tiere kümmert, das eine von Qualen befreit, sich von den anderen der Reihe nach verabschiedet.
    So kritisert Lüscher auf ganz tolle, subtile Art unser von ökonomischen Vorstellungen geprägtes Leben und Denken, das letztendlich zur Katatstrophe, dem finanziellen Bankrott eines Landes, führen muss. Und dass die Geschichte im Hotel „1001 Nacht“ stattfindet und somit auf die Erzählungen Scheherazades verweist, die ihrem Mann, dem blutrünstigen König, solange jede Nacht ein Märchen erzählt, bis dieser von seiner Blutrünstigkeit geheilt ist, erklärt dann auch die „Unzuverlässigkeit der Erzählinstanzen“.
    Viele Grüße, Claudia

  2. Pingback: Jonas Lüschers „Kraft“: Akademische Kraftmeierei – Zeilensprünge.

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