Tex Rubinowitz‘ „Lass mich nicht allein mit ihr“: Meta!

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Die Schriftstellerei ist ein schizophrenes Gewerbe. Autoren denken sich Erzähler aus, die wiederum über Figuren sprechen. Der Autor kann in seinen eigenen Romanen vorkommen oder auch völlig abwesend sein, es gibt einen privaten Autor und einen öffentlichen. Seine Texte sind immer selbstbestimmt und gleichzeitig durchdrungen von Fremdzitaten, darüber hinaus darf auch der Einfluss Zweiter und Dritter – wie der von Lektoren – nicht unterschätzt werden. Kurzum: der Autor ist eine Matroschka-Puppe, unter dem einen Figürchen wartet immer noch ein weiteres. Dass das so ist, ist keine rasante Neuigkeit. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entdeckte die Postmoderne die Lust gerade an dieser Konstellation herumzuprobieren und schrieb Literatur, die die literarische Form selbst zum Thema hatte. Zwar wurde dieser literarische Spieltrieb mittlerweile von der neuen Sehnsucht nach authentischen, lebensnahen Stoffen abgelöst, hin und wieder räuspert sich die Postmoderne jedoch noch einmal – in Tex Rubinowitz‘ Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“ zum Beispiel, in dem das Verwirrspiel um Identitäten zum müden Witz verkommt.

Der psychologischen Struktur eines Schriftstellers entsprechend kommt der Ich-Erzähler in Rubinowitz‘ Roman als ein Doppelter zur Welt: „Als ich etwa sieben Jahre alt war, hat man mir einen vermeintlichen Tumor aus dem Leib operiert.“ Der vermeintliche Tumor stellt sich jedoch als etwas anderes hinaus: „Die Ärzte schlossen daraus, dass meine Mutter, ohne dass sie es wusste, mit Zwillingen schwanger gewesen war und ich im Mutterleib meinen eigenen Zwilling verschluckt haben musste.“ Durch die Einverleibung des Zwillings macht den Erzähler selbst zum eigenen Zwilling. Tex Rubinowitz heißt der Autor, Tex Rubinowitz heißt der Erzähler, doch genauso wie im echten Leben das nur ein Künstlername ist, heißt auch der Roman-Rubinowitz eigentlich anders, nur nicht so wie im echten Leben.

Mein Lektor fragte mich, ob ich wisse, warum sich meine Bücher nicht verkaufen würden.

Dass der Text mit der Kindheit anfängt, ist fast schon etwas bieder, denn was folgt ist ein andauerndes (Selbst)gespräch, das sich jedem Willen zur Organisation verweigert. Der Ich-Erzähler leidet am eigenen Misserfolg und versucht mit seinem Lektor ein Thema zu finden, das ihm liegt. Jeder Versuch, aus der eigenen Sauce herauszukommen (zum Beispiel ein längerer Aufenthalt in London) fruchtet nicht. Eine Geschichte über eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn verliert sich im Unbedeutenden. Das, was eigentlich vor dem Text steht – die Wahl eines Themas, Sujets etc. – wird von Rubinowitz in den Textmittelpunkt gestellt: „Wenn er es mal etwas direkter sagen dürfe: Ich hätte nichts zu erzählen.“

Tex wollte mal einen Tag alleine sein, nur für sich die Stadt erkunden, und ich versteh das.

Ein Problem, das der Erzähler mit der Welt hat, ist seine überbordende, manisch-thomas-mellische Selbstbezogenheit. Wer sich im literarischen ständig verdoppelt, sieht sich irgendwann auch überall gespiegelt:

Ich hatte einen Roman geschrieben, „Der Donnerclown“ heißt er. Alle Rezensenten haben ihn gehasst („… alles ist unsortiert durch- und nebeneinander: eine grob zusammengezimmerte Posse, kapriziöseste Ego-Theater, eine krachlederne Literaturbetriebskomödie…“, so Iris Radisch in der „Zeit“, allerdings über ein Buch von Martin Walser, aber sie meinte mich, das war mir sofort klar).

Das Resultat ist eine Welt, die von ihrer medialen Repräsentation nicht mehr zu trennen ist. Der Text ruft eine ganze Zahl von bekannten Persönlichkeiten auf, die der Erzähler persönlich kennt, zu kennen meint oder selbst wiederum nur über die Medien beobachtet und dreht damit das Verdoppelungsrad noch einmal weiter: „Und dann eine Papierschnüfflerin, wie Daniel Kehlmann in meiner Geschichte, der nur schreiben kann, wenn er am Waschpulver riecht.“ Der echte Daniel Kehlmann kommt in einem Text vor, in dem ein Text mit Daniel Kehlmann vorkommt.

Das bekannte englische Sprichwort „An apple each day keeps the doctor away“ könnte man fortsetzen mit: aber nur, wenn man genau zielt.

Man kann dem Autor eine gewisse humoristische Treffsicherheit nicht absprechen, mit dem er seinen von narzisstischen Kränkungen geprägten Erzähler durch die Welt stapfen lässt („Ich bin der wütendste Mann der Welt, in der Hand eine spitze Gabel, in einer Suppenwelt.“), insgesamt ist „Lass mich nicht allein mit ihr“ jedoch eine müde Veranstaltung. Das Spiel der Identitäten ist in den letzten fünfzig Jahren zigmal durchgekaut worden und Tex Rubinowitz gelingt es nicht, diesem Spiel eine neue Dimension hinzuzufügen. Auch wenn im Kern des Romans natürlich die existenziellen Themen der eigenen Entfremdung im Verdopplungsprozess der Literatur im Zentrum steht („Es kam aber nichts, wenn ich, egal welches Ich von uns beiden, nicht mal wusste, wo ich überhaupt war.“) ist „Lass mich nicht allein mit ihr“ in seiner vermeintlich unorthodoxen Schreibweise schrecklich konventionell und verwechselt Exzentrik mit Zotigkeit.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.

3 Kommentare

    • Zumindest in dem Sinne voller Fallen, als dass man dieses Spiel heute nicht mehr wie vor zwanzig-dreißig Jahren betreiben kann, dafür ist man mittlerweile weiter. Aber klar, eigene Meinung bilden lohnt immer.

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