Thea Dorn: Die unglückseligen Leser

Die Unglückseligen

Der Traum von der Unsterblichkeit ist fast so alt wie das Sterben selbst. Schließlich findet sich irgendeine Vorstellung des ewigen Lebens in so ziemlich jedem Mythos und jeder Weltreligion. So ganz ist die Sehnsucht nach der Unendlichkeit nie ganz verklungen, egal wie rational die Menschheit geworden ist. Das Irrationale überdauert in den verschiedensten Formen: In der Esoterik, in Verschwörungstheorien oder in Katzenvideos. Doch zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen scheint ein Zeitpunkt gekommen zu sein, an dem die unbegrenzte Verlängerung des Lebens nicht als der Traum eines Wahnsinnigen erscheint. Vor allem im Hort des technologischen Irrationalismus „Sillicon Valley“ sind Wissenschaftler emsig dabei, einer der letzten Geheimnisse auf die Spur zu kommen. Dort wo Apple regelmäßig zur heiligen Produktmesse lädt und Google an der Weltherrschaft tüftelt, könnte sich die gewaltigste Veränderung in der Menschheitsgeschichte anbahnen. Doch was bedeutet das für eine Gesellschaft? Thea Dorn lädt in ihrem neuesten Roman „Die Unglückseligen“ zum Nachdenken ein. Eine Einladung, die man ausschlagen sollte.

Johann Wilhelm Ritter lebt. Das mag die meisten nun nicht allzu sehr schockieren, da kaum noch einer weiß, wer dieser Ritter eigentlich war. Der 1776 in Schlesien geborene Physiker ist einer von vielen wichtigen Vergessenen. Er entdeckte nicht nur die UV-Strahlung, sondern erfand auch den ersten Akku. Das brachte ihm die Bewunderung seiner Zeitgenossen ein – und das waren so namhafte wie die Humboldts oder Goethe – aber der Ruhm sollte nicht ewig währen. Vielleicht liegt das daran, dass er bereits im Alter von 33 Jahren (ein Alter, das günstiger Weise mit dem berühmtesten sterblichen Unsterblichen verknüpft ist) gestorben ist. Er hatte keine Zeit, seinen Nachruhm zu lancieren. Vielleicht aber auch daran, dass es bis zu dem ersten funktionsfähigen Akku noch etwas dauern sollte. Sein umfangreiches Interesse für das Phänomen nahm jedoch eine bitterkomische Wendung: Um die Wirkung von Elektrizität auf den Menschen zu untersuchen, setzte er sich regelmäßig selbst unter Strom. Er sollte bald herausfinden, dass dies nicht besonders gesundheitsförderlich ist.

Ach, Ritter. Sehnst dich nach dem Tod und fürchtest den Teufel.

Dies ist der Punkt, an dem Thea Dorn ansetzt. In ihrer Fiktion hat Ritter überlebt. Über verworrene Pfade ist er mittlerweile in den USA angelangt, wo er als Eintüter an der Supermarktkasse arbeitet. Dort trifft er an einem schicksalshaften Tag die Molekularbiologin Johanna Mawet, die nicht im „Sillicon Valley“, sondern in einer fiktiven Stadt namens Dark Harbor (vermutlich an Maines Küste gelegen) forscht. Die beiden geraten aneinander und verbinden ihre Schicksale miteinander. Johanna – ganz die Forscherin – ist freilich fasziniert von so einem obskuren Fall. Es braucht zwar einige Zeit, bis sie seiner Geschichte Glauben schenkt bzw. das Unfassbare der Unsterblichkeit als Faktum akzeptieren kann, doch schließlich könnte er sogar ein wichtiger Schlüssel für ihre Forschung sein. Johannas Verhältnis zu Ritter verändert sich über den Roman und dadurch setzt der Text eine wichtige Pointe: Während die deutsche Wissenschaftlerin zunächst Ritters Geheimnis noch auf dem Wege der DNA-Tests auf die Spur kommen möchte, erweist sich dies irgendwann als Irrtum. Deshalb versucht sie es anders: Immer besessener von der Idee, das Rätsel doch noch lösen zu können, lässt sie sich ebenso auf galvanische Selbstversuche ein. Wochen und Monate lässt sie sich von Ritter foltern, nur um am Ende kränker zu sein als vorher. Es ist die stärkste Episode des Romans: Der wissenschaftliche Wille kippt in einen irrationalen Fanatismus.

Kein Klingen von Sphären hört ihr mehr, nur eines Uhrwerks Rattern und Klappern, und seid’s erst zufrieden, wenn ihr selbst das noch zum Verstummen gebracht.

Johannes Wilhelm Ritter war Romantiker und in diesem Gestus ist auch der Text konzipiert. Thea Dorn hat viel Freude daran, sich an den meta- und intertextuellen Spielchen der romantischen Literatur zu beteiligen. Der normale Textfluss wird immer wieder durch Einsprengsel unterbrochen, ob nun in Form von Comic-Sprechblasen oder der Figurenrede einer Fledermaus, was wiederum klassisch romantisch ist. Doch derjenige, der sich am penetrantesten immer wieder in den Text schiebt, ist ein alter Bekannter der deutschen Literatur: der Teufel. Thea Dorns großes Thema sind die Deutschen als Kulturvolk, was liege da näher, als sich dem Faust-Stoff zu widmen. Dorns Teufel kommentiert immer wieder das Geschehen, macht sich lustig oder verwirrt. Er greift aber auch ganz handfest in die Handlung ein, denn schon bald wird dem Leser eröffnet, dass der hundertste Faustische Pakt in der deutschen Literatur der eigentlich Grund für Ritters Langlebigkeit ist: Unsterblichkeit als Produkt von Dämonie.

„Dass“, sagte Johanna mit einer Stimme, die herüberklang aus längst vergangener Zeit, „dass all Ihre Absonderlichkeiten eine einzige, schlichte Erklärung haben: Sie stehen mit dem Teufel im Bunde.“

Mit der Verschränkung der Gegenwart und Romantik geht es der Autorin sicher darum, einerseits zu zeigen, wie alt der Traum der Langlebigkeit ist, andererseits aber auch, dass sich grundlegende Konstellationen nicht verändert haben. Die technische Machbarkeit entlässt den Menschen nicht aus der Pflicht, über die Folgen nachzudenken, die eine solch grundlegende Innovation haben könnte.  Leider belässt es Dorn nicht bei dieser grundlegenden Konstellation, sondern möchte sich dem Thema Unsterblichkeit von jeder erdenklichen Seite nähern. Soviel Ehrgeiz imponiert wenn es gelingt, doch hier fällt es der Schriftstellerin auf die Füße. Neben der Frage, ob der Mensch alles tun sollte, was technisch machbar ist und wie viel Irrationalismus in unserer technologischen Zeit steckt, rattert der Roman die Themenkomplexe der Theodizee, der Abtreibung, der persönlichen Verlusterfahrung, der Verbindung von Technik und Mensch (wie bei Androiden) und viele mehr ab. So wird aus einem Roman eine Dozentur zwischen Buchdeckeln, die vor allem das eigene Wissen ausstellen möchte.

Verehrter Leser, ich kapitulier: Das Kapitel ist und bleibet ein Ragout.

Die Lektüre wird immer dort am unangenehmsten, wo die Autorin ihre Humorkompetenz überschätzt. Sie ignoriert die Inkohärenz, dass Ritter zwar nie tot war, trotzdem aber noch wie ein Mann aus dem 19. Jahrhundert spricht, um eine sehr fade Komik zu erzeugen. Wenn Ritter einen Donut ist klingt das dann so: „Ohne die Waffe aus der Hand zu legen, entnahm der Ritter der Schachtel den letzten Teigkringel. Zucker und Fett zerschmolzen auf seiner Zunge. O süße Henkersmahlzeit! Schöne Unbekannte.“ Und wenn Johanna herausfindet, dass der zweihundert Jahre alte Wissenschaftler mit Novalis bekannt war, reagiert sie wenig kreativ: „Der mit der blauen Blume? Mit dem sie uns im Deutschunterricht gequält haben?“. So viel harmloser Lehrerhumor, der sich eben nur darauf stützt, zu wissen, wer Novalis war, stellt am Ende auch nur die eigene Gelehrsamkeit aus.

Woher nur hatte sie den festen Glauben genommen, das Geheimnis der Natur ließe sich mit Vernunft allein gründen?

„Die Unglückseligen“ ist insgesamt ein sehr müdes und narzisstisches Projekt. Thea Dorn stellt nämlich nicht nur angelesenes Wissen aus oder erzählt flaue Witze, sondern nimmt den Roman auch zum Anlass, zu beweisen, wie viele deutsche Mundarten sie imitieren kann. So gleitet das Buch teilweise ins schlesische, teilweise ins schwäbische ab. Das ist alles ganz nett, aber häufig dann nicht zielführend. Am Ende kann der Vorwurf nicht sein, dass „Die Unglückseligen“ ein kluges Buch ist, sondern vielmehr, dass die Autorin vor lauter Besoffenheit vom bildungsbürgerlichen Fleiß den Roman kilometerweit aus den Augen verliert.


Wir danken dem Knaus-Verlag für das Rezensionsexemplar.