Theo Thijssens »Ein Junge wie Kees«: Klassenkampf als Rührstück

Theo Thijssen ist ein niederländisches Phänomen und ein europäischer Unbekannter. Soweit unbekannt, dass es beispielsweise keinen deutsch- und französischsprachigen Wikipedia-Artikel zu dem Mann gibt, was schließlich die international anerkannte Fame-Währung schlechthin ist. In Amsterdam hingegen, wo Thijssen geboren und gestorben ist, gibt es Schulen, Museen, Straßen, die dem Autor der Jahrhundertwende gewidmet sind. In den Niederlanden ein Riese, in Europa ein Zwerg? Der Wallstein Verlag möchte das nun ändern und brachte im letzten Jahr Thijssens bekanntestes Buch in deutscher Übersetzung raus: »Ein Junge wie Kees«. Kann dieser Roman der Anfang eines Klassikerexportes sein?

»Ein Junge wie Kees« (im Original »Kees de jongen«, hier nun in der Übersetzung von Rolf Erdorf, im Original 1923 erschienen) ist das Buch eines Schriftstellers wie das eines Politikers. Dass Thijssen Sozialdemokrat war, merkt man diesem Roman an, denn wie viele andere Texte der Zeit ist dieser sozial engagiert und wirft ein Licht auf das Milieu der Arbeiterklasse. In diesem findet sich auch der Protagonist Kees Bakels wieder, der mit seiner Familie im Amsterdamer Joordan-Viertel aufwächst, das heute gentrifizierte Grachtenträume wahr werden lässt, im frühen 20. Jahrhundert jedoch Heimat für das Proletariat war.

›Ja, Rosa Oberbeck, dieser Kees bin ich.‹

Kees geht zur Schule und wenn Kees nicht in der Schule ist, muss er häufig im Geschäft der Eltern aushelfen oder auf seine zwei jüngeren Geschwister aufpassen. Die Familie ist arm und darüber hinaus von einem gesundheitlich angegriffenen Vater betroffen, der – den Rollenbildern der Zeit entsprechend – die Hauptlast des finanziellen Überlebens trägt. Kees hat es also nicht leicht, was der Erzähler doppelt unterstreicht: »Wie viele Hemmnisse hatte er nicht schon erfahren, als er auf die Abendschule kommen sollte.«

Viele Leute scheinen Kees Bakels überhaupt nicht gekannt zu haben, was eigentlich kaum zu verstehen ist.

Das Leben des Kees kann also einigermaßen verdrießlich sein, weswegen sich der Junge regelmäßig in seine eigene Phantasie flüchtet. Er stellt sich selbst als großen Sportler vor, imaginiert, wie er eine Frau vor einer herannahenden Kutsche rettet. Ständig stolpert er von einer Tagträumerei in die nächste: »In den darauffolgenden Tagen war Kees erfüllt von einer neuen Idee. Er wollt einen Verein gründen, einen Verein von Jungen, die Französisch gelernt hatten.«

Und plötzlich, da hatte die Tollheit auch ihn zu fassen.

Und damit wäre auch schon eine zentrale Wesensart von Kees benannt: Auf Missstände reagiert dieser Junge mit Harmonisierungsversuchen anstatt Rebellion. Die von Thijssen entworfene literarische Figur ist strebsam, hoffnungsvoll und auf unwahrscheinliche Weise brav. Bis auf ein paar Ausrutscher, z.B. wenn er sich ein wenig zu sehr am Geraufe auf dem Schulhof beteiligt, ist dieser Junge auf fast schon unsympathische Weise brav. Nur zuletzt, wenn das Schicksal es wirklich knüppelhart mit der Familie meint, schleicht sich Weltmüdigkeit in die Beschreibungen des Kees: »Er hatte ein Gefühl, als wäre es nicht sein eigenes Zuhause, das er betrat …«

Er konnte jetzt laufen, wie er wollte, und er entschied sich für den guten alten Schwimmbadschritt.

Wenn man sich fragt, warum es dieser Roman nie über die Sprachgrenzen geschafft hat, dann liegt es vielleicht auch daran, dass es sich bei »Ein Junge wie Kees« um einen ganz und gar harmlosen, sich jeglicher Radikalität verweigernden Text handelt. Thijssens Roman ist ein Rührstück, das soziale Ungerechtigkeit durch empathische Einfühlung versucht aufzulösen, statt dessen Grundlagen in Frage zu stellen. Das wäre noch kein Kritikpunkt für einen Text, der hundert Jahre alt ist, wäre er nicht schon im zeitlichen Kontext von so viel radikalerer, mutigerer Literatur umzingelt.

›Unser Kees, was?‹

Man möchte einen Roman wie »Ein Junge wie Kees« eigentlich mögen, denn sein Projekt, die Geschichte eines ganz außergewöhnlich-gewöhnlichen Jungen zu erzählen, hat nichts als Sympathie verdient. Doch in seinem Versuch, die soziale Frage in einem traurigen Kinderblick aufzulösen, erweist sich der Text als zu – so viel Kampfbegriff darf sein – bürgerlich, um tatsächlich subversive Kraft zu entfalten.