Thomas Hettche: Pfaueninsel

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Berlin baut seine Schlösser wieder auf. Zum Produkt jener Nostalgie gehört nicht nur das umstrittene Stadtschloss im Zentrum der Hauptstadt, sondern auch das königliche Refugium der Preußen auf der Pfaueninsel inmitten der Havel, welches Thomas Hettche in seinem gleichnamigen Roman wieder auferstehen lässt. Er erzählt von den Bewohnern und den Veränderungen auf der Insel zwischen 1810 und 1880, die der Leser in erlebter Rede durch die Figur des kleinwüchsigen Schlossfräuleins Maria Dorothea Strakon wahrnimmt und in deren Lebensgeschichte sich das Jahrhundert verdichtet: „Die Insel und sie, das wußte sie, waren eins.“ 

Bereits im ersten Kapitel klingt an, dass hier nicht der Erzähler, sondern die Figuren selbst in romantischer Façon einer märchenhaften Vorstellung von Aristokratie nachhängen, in der neben König und Königin, Prinz und Prinzessin auch Narren, Zwerge und Riesen zum Hof gehören. Im Märchenton wird das Ereignis geschildert, welches als traumatischer Initiationsmoment den allgegenwärtigen Ästhetikdiskurs des Romans begründet: Die Königin (gemeint ist Luise von Preußen, die erste Frau von Friedrich Wilhelm III.) entdeckt, als sie beim Spiel im Schlossgarten einen abtrünnigen Ball im Unterholz sucht, den kleinwüchsigen Bruder Marias, Christian, und beschimpft ihn als Monster. In der Beziehung zu ihrem Bruder Christian und dem gestörten Liebesverhältnis zu dem Hofgärtnersohn Gustav manifestiert sich die Unsicherheit, die das Wort „Monster“ auslöst und die Maria zeitlebens nicht abschließend überwinden kann. Sie fühlt sich nicht als Mensch, sondern als Ding oder als Tier, ganz im Sinne der Märchensemantik, von der sie umgeben ist.

Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt.

Der ideale, magisch-märchenhafte Hofstaat, der von der Königsfamilie angestrebt wird, wird künstlich erzeugt, in dem die „Sammlung von Naturmerkwürdigkeiten“ ständig erweitert wird. Neben den kleinwüchsigen Geschwistern bringt man im Verlauf des Romans den Riesen Carl, den von den Sandwich-Inseln stammenden und tattoowierten Harry sowie wilde Tiere und exotische Pflanzen aller Kontinente auf die Pfaueninsel, die gegen Ende des Jahrhundert zu einer Art Zoo mutiert, der regelmäßig Besucher aus Berlin empfängt.

Die Tragik der Geschichte der Maria Strakon begründet sich in der Unvereinbarkeit von märchenhaftem Anspruch und  Realität. Neben den exotischen Tieren, die reihenweise verenden, manifestiert sich die Dichotomie in der Sexualität der Figuren. Das inzestuöse Verhältnis zwischen Christian und seiner Schwester wird von Erzähler und Bewohnern der Insel kommentarlos akzeptiert (beide sind durch ihre Kleinwüchsigkeit märchenhafte Wesen), während die Beziehung zwischen dem normalgroßen Gustav und Maria von Beginn an zum Scheitern bestimmt ist. Als das Schlossfräulein schwanger wird, kann die Illusion der glücklichen Liebe und der bevorstehenden Hochzeit zwischen „Zwergin“ und jungem Mann zunächst aufrecht erhalten werden, bis Gustav unausweichlicherweise die Beherrschung verliert, Christian von einem Balkon stürzt und Maria schließlich nach der Geburt das Kind nimmt. Sie bleibt allein auf der Pfaueninsel zurück, die langsam selbst verendet und zum Ende des Romans – und des Jahrhunderts – nur noch Mythos ist.

Nicht nur im Erzählten, sondern auch im Akt des Erzählens liegt die Magie von Hettches Romans begründet. Das epische Präteritum der erlebten Rede ist durchzogen von Präsenspassagen, in dem der Erzähler seine Aufgabe, das Wiedergeben der Geschichte und der Zeit, reflektiert und den Rezipienten mit einem kollektiven „wir“ inkludiert. Eingeschobene Sätze wie „Dabei sind wir es, die sie [die Königin] mit allem was uns jedes Wort durch den Kopf jagt, anhaucht, während wir sie betrachten, und das Wort dabei tonlos vor uns hin murmeln.“ oder „Jenes Wort, mit dem diese Geschichte damals begann und dem wir gefolgt sind zu ihr und in dem wir sie begafft haben, ebenso, wie wir in dem Wort Königin jene junge Frau mit den flackernden Wangen begafft haben, die nun schon über ein Vierteljahrhundert tot war.“ zeugen von der poetologischen Dimension des Romans.

Durchzogen ist Hettches Text von intertextuellen Verweisen, die sich an den kanonischen Texten der Berliner Autoren des 19. Jahrhunderts orientieren. Die expositorische Beschreibung der Pfaueninsel als zeitloser Raum erinnert an Theodor Fontanes Schilderung des Stechlin-Sees in seinem gleichnamigen Roman bzw. in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Adalbert von Chamissos Peter Schlemihl begegnet dem Leser und Maria Strakon als Mann von Welt, der den Tabak nach Preußen bringt.

Wir sagen: Die Zeit vergeht. Dabei sind wir es, die verschwinden. Und sie? Ist vielleicht nur so etwas wie eine Temperatur der Dinge, eine Färbung, die alles durchdringt, ein Schleier, der alles bedeckt, alles, von dem man sagt, daß es einmal war. Und in Wirklichkeit ist alles noch da, und auch wir sind alle noch da, nur nicht im Jetzt, sondern zugedeckt von ihr, der Zeit, im Setzkasten der Ewigkeit.

Thomas Hettches Pfaueninsel: ein magisches Buch!