Thomas Hettches „Unsere leeren Herzen“: „So schönes Wetter, und – ich noch dabei“

Gibt es eine allgemeine, zeitlose Funktion der Literatur? Die Antwort auf diese Frage lauter ganz klar: Jein! Literatur, wie sie aus dem westlichen Verständnis kommt, hat sich schon immer mit den Gesellschaften, derer sie entspringt, verändert. Mal neigt sie sich ins politische Engagement, mal zieht sie sich in den Ästhetizismus zurück, mal wird sie gar von Ideologien gekapert. Literatur ließe sich anders auch schwer denken – auch wenn die Poststrukturalisten gelehrt haben, den Autor hinter dem Text verschwinden zu lassen, können (und wollen) auch sie nicht die menschliche und damit gesellschaftliche Hand hinter dem Text leugnen. Auf der anderen Seite hat die Literatur auch immer eine, unveränderliche Aufgabe übernommen: Unsere leeren Herzen (und Köpfe) zu füllen. Darüber, was es heißt, im 21. Jahrhundert Literatur zu denken und vor allem sie gegen ihre Gegner zu verteidigen, hat Thomas Hettche nun einen grandiosen Essayband geschrieben.

„Die Frage des islamistischen Terrors lautet, ob die Versprechungen, die die Kirchen leerten, tatsächlich eingelöst sind.“ So heißt es zu Beginn in Hettches „Unsere leeren Herzen“. Islamistischer Terror? Kirchen? Das klingt zunächst nach einer gesellschaftspolitischen Debatte, die Hettche nicht scheut, wie er in „Die Liebe der Väter“ bewiesen hat. So formuliert er die Frage, die sich aus dem Terror ergibt: „Können wir unsere Gesellschaft tatsächlich weiter als säkulare denken?“ Nun könnte man einwenden, dass die Literatur von der Frage, ob eine Gesellschaft sich als säkular oder nicht säkular versteht, unberührt ist, schließlich gab und gibt es in beiden Zuständen Literatur und Kunst im Allgemeinen. Nicht so bei Hettche, der der Literatur einen Utopischen Charakter zuschreibt, in der sie sich mit der Religion trifft:

Das teilt die Kunst mit der Religion. Es färbt das weiße Blatt sich mit meinem Blut. Es gibt kein weißes Blatt, aber es gibt das Wunder der Verwandlung. […] Dabei ist das Wunder des weißen Blattes nicht die Schöpfung aus dem Nichts, sondern die Schöpfung in das Nichts eines utopischen Raums hinein.

Hettches These ist nicht ganz voraussetzungslos, denn „Unsere leeren Herzen“ findet nicht einfach eine positive Beschreibung dessen, was für den Autor Texte zu Literatur macht, sondern er wendet sich gegen ein raumgreifendes Literaturverständnis der Gegenwart. Dessen Inkarnation sieht er in Karl Ove Knausgard, dem norwegischen Erfolgsselbstdarsteller: „Meines Erachtens, erklärt Karl Ove Knausgard, leben wir in einer vollständig fiktionalisierten Welt, in der alles in Erzählung verwandelt wird. In einer derartigen Umgebung ist es nicht länger Aufgabe des Schriftstellers, weitere Geschichten zu erfinden.“ Das Leben in der „vollständig fiktionalisierten Welt“, so die These, bringt die Literatur schließlich in die Lage, sich an historisch verbürgte Fakten zu halten. In die gleiche Richtung argumentiert auch ein anderer Shootingstar, Édouard Louis, der behauptet, die Literatur gewinne nur dann an Subversion, wenn sie sich der Fiktion (was für den Autor nichts anderes als die Lüge ist) verschließen würde, die von Politikern, Geheimdiensten und anderen dunklen Mächten in die Welt gesetzt wird.

Es gibt kein weißes Blatt. Niemals. Unser Schmerz ist immer schon da.

Der simple Schluss der Autoren der „Neuen Aufrichtigkeit“, wie man nun langsam beginnt, diesen literarischen Trend zu nennen, besteht also darin zu sagen: Die Welt ist schon voller Fiktion (also: Lüge), deswegen halten wir uns an die Wahrheit (was nicht verstanden wird als Wahrhaftigkeit). Um im Vokabular von Thomas Hettche zu bleiben, könnte man behaupten, man hat es hier mit einer völlig säkularisierten Literatur zu tun, die jede Hoffnung auf Transzendenz in der Literatur verloren hat bzw. sich ihr entgegenstellt. Stattdessen wird ein reiner Abbildungscharakter postuliert, der ins Chronistische mündet und auf nichts mehr außerhalb oder besser: oberhalb des Textes verweist. Dieser Auffassung stellt „Unsere leere Herzen“ daher den Begriff des Wunders entgegen, das in einer „Verwandlung“ bestünde: „Alle heiligen Texte aller Kulturen gleichen sich darin, die Unendlichkeit der Schöpfung eben nicht in einem unendlichen, sondern in einem strikt begrenzten Korpus von Sätzen abbilden zu wollen.“

Wie leer, dachte ich, unsere Herzen sind!

„Verwandeln“ heißt in diesem Sinne vor allem: verdichten. Ein Stoff, der über literarische Mittel verdichtet ist, ist eben kein verlogener Text, sondern ein fiktionaler Text, der sich den Dingen des Lebens annimmt und ihn so transzendiert, dass er über denjenigen hinaus verweist, der ihn verschriftlicht hat. Die „Unendlichkeit der Schöpfung“ im Knausgardschen Sinne zu beschreiben, hieße jeden Kieselstein zu kartographieren und archivieren. Sie im Sinne der Literatur zu fassen, heißt eine Form, eine Verdichtungsmetaphorik zu finden, in der jeder Kieselstein drinsteckt, ohne dass er genannt werden müsste. Dass dieses Grundverständnis von Literatur verlorengegangen ist, sieht der Text in einer Haltung des Lesers begründet: „Es gibt eine tiefe Sehnsucht der Leser nach Entlastung, Entlastung von Kunstfertigkeit, Klugheit, Differenzierung und Reflexion, auch von Bildung, und zwar sowohl von der, die man hat, wie auch von jener, die einem fehlt.“

Die Literaturgeschichte ist eine Geschichte der Zwecke, die man in die Literatur einträgt.

Nun könnte man den Eindruck bekommen, so sehr wie sich „Unsere leere Herzen“ gegen die Literatur der „Neuen Aufrichtigkeit“ wendet, die das nackte, authentische Leben in die Literatur zurückholen will, Hettche schlüge eine Rückkehr zur postmodernen Spielart der Literatur vor, in dessen absurdesten Höhepunkten Literatur nur noch Sprache und keine Welt mehr war. Stattdessen aber sucht er einen dritten Weg, denn: „Die längste Zeit, wir sind dabei es zu vergessen, war die Welt Natur und Natur ist sprachlos.“ Anders als die Moderne, die die Welt erst im Wort entstehen sieht, plädiert der Text hier – im Sinne seines religiösen Untertons – für eine Demut vor der Natur, der Welt, der unsere Sprache Schnuppe ist, die vor der Sprache existierte und auch nach der Sprache weiterexistieren wird. Stattdessen – denn weder ist der Mensch die Welt, wie bei Knausgard, noch hat der Mensch die Welt durch seinen Wahrnehmungsapparat erst erschaffen – ist der Mensch der Welt in einem Modus der Bewunderung verbunden: „Daß es aber diese Welt gleichwohl auch ohne uns gibt, ja, daß es uns selbst ohne uns geben kann, sinnvergessen, gequält, dumpf, naturhaft, ermöglicht erst das Ethos der Literatur.“ Niemand hat diese Haltung zur Welt prägnanter formuliert als Wilhelm Raabe: „So schönes Wetter, und – ich noch dabei […]“

Literatur, wie ich sie verstehe, ist der Raum der Freiheit der Sprache.

So soll diese Demut am Ende nichts anderes lehren als von sich selbst abzusehen: „Literatur, die diese Bezeichnung verdient, verweist uns immer auf etwas außerhalb der story, auf etwas außerhalb unserer selbst.“ Literatur im besten Sinne ist immer mitten drin und gleichzeitig außerhalb, sie kennt die Distanz des bewundernden Beobachters und verweigert sich der vulgären Nähe des narzisstischen Selbstbetrachters. Wenn Hettche also fragt „Können wir unsere Gesellschaft tatsächlich weiter als säkulare denken?“, müsste man vielleicht weiterfragen, ob man die Literatur säkular denken kann, was wiederum zu der Folgefrage führt, ob man in einer säkularen Gesellschaft Literatur nicht-säkular denken kann. So wird manch ein Leser sich an Hettches religiöser Ereiferung stören. Wer jedoch die Literatur als Wunder erhalten möchte, der findet in „Unsere leeren Herzen“ nicht weniger als Erleuchtung.


Wir danken KiWi für das Rezensionsexemplar.