Thomas Lehrs „Schlafende Sonne“: Größenwahn und nackte Angst

Schlafende Sonne

Wer heute das Märkische Museum in Berlin besucht, dem präsentiert sich ein ganzer Gemischtwarenladen an Ausstellungsstücken. Das Stadtmuseum erinnert noch an Zeiten, als das Museum kein didaktisch durchgestylter Wissensvermittlungsort war, sondern auch immer Kuriositätenkabinett. Einer dieser Kuriositäten, die sich dem Besucher dort eröffnen, ist ein originales Kaiserpanorama – ein Beispiel für die neue Sucht am Sehen der Jahrhundertwende. Mit der Fotographie kam eine Vorstellung des realistischen Sehens auf, Dinge waren plötzlich abbildbar, bei denen die Malerei sich vorher nur annähern konnte. Damit verbunden war auch die Idee eines bruchlosen Sehens. Die Leute wollten getäuscht werden und nicht von einem Bilderrahmen darauf aufmerksam gemacht werden, es mit einem Bildausschnitt zu tun zu haben. Das Bild sollte in seiner Totalität erkennbar sein, möglichst realitätsnah. Irgendwann war zwar die Zeit des Panoramas auch wieder vorbei, spätestens mit dem Film, doch mit „Schlafende Sonne“ holt Thomas Lehr es noch einmal ins 21. Jahrhundert.

Dass Lehr es mit seinem neuen Roman auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat, mag trotz der großen Aufgabe, die dieser Roman dem Leser aufgibt, nicht verwundern, schließlich gibt die Jury jedes Jahr eigentlich mindestens einen großen Deutschlandroman aus. Dieses Jahr also Thomas Lehr, der sein megalomanisches Projekt gar auf drei Bände anlegt. „Schlafende Sonne“ ist der erste und der dreht sich – wie sich in diesem Roman vieles dreht – um eine deutsche Dreiecksbeziehung. Da ist Milena Sonntag, Künstlerin und DDR-Bürgerin, bis es keine DDR mehr gab. Da ist ihr Mann, Jonas, Physiker und wissenschaftlicher Sonnenanbeter. Und schließlich Rudolf, spiritus rector Milenas. Sie alle zirkulieren um den einen Tag, der diesen Roman zusammenhält: der 19. August, die Eröffnung einer Ausstellung Milenas, in der ihre wichtigsten Werke noch mal gezeigt werden – eine Deutschlandschau in einer Deutschlandschau.

Schon stehst du im ersten der neu erschaffenen Räume, wenn auch mit zittrigen Knien. Vor dir erscheint eine neue Schrift, auf einem nie zuvor erblickten Bild.

Das Kaiserpanorama, das im Text auch erwähnt wird, ist nicht nur historische Anekdote, sondern eine metaphorische Übertragung auf die Struktur dieses Romans. Denn dieser ist selbst Panorama, ein Panorama deutscher Geschichte. Je nachdem wie man den Roman zusammenfassen will, ist die Narration nur an einem Tag angesiedelt oder über hundert Jahre. Anders als das klassische Panorama, das den 360°-Blick ermöglicht, funktioniert dieser Text wie das angesprochene Kaiserpanorama: einzelne Bilder fügen sich zusammen, ohne dass sie sich zwangsweise auf eine Chronologie auffädeln ließen. Denn, so viel sei gesagt, „Schlafende Sonne“ nimmt nicht sonderlich viel Rücksicht auf seine Leserschaft, schlägt so viele Haken, dass es den einen oder anderen schon mal aus der Kurve schlagen lässt. Selbst als hartgesottenster Kulturmasochist muss man so viel Konfusion nicht auf kompletter Strecke durchgehenlassen. Ein Autor mit mehr Selbstkontrolle oder ein beherzter Lektor hätte mancher durchfabulierten Passage den Garaus machen können.

Weshalb scheine die Sonne in den vergangenen beiden Jahren wie eingeschlafen?

Doch in seinen (mehrheitlich) starken Teilen ist „Schlafende Sonne“ ein wilder Ritt durch ein ganzes Jahrhundert. Zuletzt gab es wieder einige DDR-Romane, in Lehrs Roman steckt auch einer. Erzählt wird von bleiernen Jahren in Dresden, der Wendezeit und Oppositionstreffen in der Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg. Doch der Text geht davon aus, dass sich die DDR nicht erzählen lässt, ohne auch den Ersten Weltkrieg zu erzählen, die Freiburger Studentenjahre sind unvollständig ohne die Zeit eines Wehrmachtssoldaten in Florenz. Konsequent zu Ende gedacht fällt „Schlafende Sonne“ damit natürlich über die eigenen Füße, denn gehört zur Geschichte der DDR nicht auch der chinesische Boxeraufstand, der Brand der Bibliothek von Alexandria oder die Krönung von Kamehameha I.?

Fing mich nicht dein Blick, so verfiel ich deinem schönen Satzbau.

Deutschlandpanorama soll es sein, aber nicht Weltpanorama. Dafür betreibt Lehr einigen Aufwand, nicht nur erzählerisch. Dem Text ist ein historisches Prinzip untergeschoben, auf den der Titel schon Bezug nimmt. Die Sonne ist nicht nur Fixpunkt von dem Astrophysikers Jonas und irgendwie auch ganz Deutschlands (z.B. in Form des Sonnenkults der Nationalsozialisten), sondern auch bildgebend dafür, wie sich im Roman Geschichte abspielt: Ähnlich wie unsere Sonne als kosmisches Gebilde kann sich die Menschheitsgeschichte sehr ruhig verhalten und dann plötzlich explodieren (bei der Sonne nennt man solche plötzlichen Ausstöße „Sonneneruption“ oder „Flares“):

Die Woge der Entfesselung, die Energie der gesellschaftlichen Triebkräfte wird ihn emportragen auf den (prekären) Sonnenthron des Staatspräsidenten der UdSSR, auf das (geschundene) Podest des Friedensnobelpreisträgers, auf den (heimtückischen) Olymp der historischen Persönlichkeiten. Und ebendort tritt jener Moment der Blendung ein, der beginnenden Ohnmacht, des Kontrollverlusts, ein Prozess, der unseren Forscher nach Metaphern suchen lässt, aus denen er Thesen, Aufsatztitel, Überschriften zu internationalen Konferenzen machen könnte. Der Schlaf der Sonne (dein Bild, Milena) könnte ein Jahrzehnt umfassen, ein Jahr oder eine Nacht. Es genügte aber schon eine historische Minute, um die chaotische Kraft zu wecken.

Diese historischen Flares, das sind im Roman alle Ereignisse geschichtlicher Relevanz, die plötzlich da zu sein scheinen: der Mauerfall, der Erste Weltkrieg. Dabei leugnet der Text freilich nicht, dass alle diese Ereignisse einen Verlauf haben, der sich lange vorher andeutet, doch im Auge derer, in dessen Gegenwart sie passieren, scheint Zeitgeschichte tatsächlich eine schlafende Sonne zu sein, die plötzlich von Ahnungen aus der Lethargie gerissen wird: „Wie fühlst du dich? Wie Gagarin, sagte ich beim zweiten Nachfragen, ohne recht zu begreifen, weshalb. Aus der Welt genommen, hochgeschossen in die Umlaufbahn. Im Bewusstsein einer aktuellen großen Erregung der Menschheit, die man aber nicht direkt sehen und auf der eigenen Haut noch nicht spüren konnte.“ „Schlafende Sonne“ ist damit kein unpolitischer Roman, doch liegt ihm Kontingenz als historische Kategorie sichtlich nahe.

Wie du auf die Sonne verfallen bist, auf ihre glühende, schier maßlose Physik.

Das hat – wie bereits erwähnt – Konsequenzen auf die Struktur des Romans. Denn wieso sollte man einem kontingenten historischen Verlauf literarische Chronologie aufzwingen? So springt „Schlafende Sonne“ lustig hin und her, erzählt mal aus der Studentenzeit von Jonas in Freiburg („Ganz allein bist du aufgebrochen, ein junger Mann mit wissenschaftlicher Neugierde, ein regelrechter Graswurzel-Aragon-Gödel-mein-Göttle-Einstein-Hobbit-Skywalker […]“), mal aus Milenas DDR-Jahren und dann von Rudolf („Der Agent aus der Zukunft, mein philosophischer Lehrer Rudolf […]“) . Ganz zum Schluss wird noch ein Kabinettstücken zwischen Kaiser Wilhelm Zwo und Adjutanten aufgeführt, nur weil man es kann. Zwischendurch werden dem Leser in Großbuchstaben Begriffe entgegengeschrien, die sich auf irgendeiner Weise in der deutschen Geschichte festgesetzt haben – ob nun VERDUN oder UMWELTPLAKETTE, SIEGFRIEDLINIE oder DOSENPFAND.

Es ist die Zeit der hysterischen Männer, die sich von elektrischen Maschinen bedroht, von magnetischen Suffragetten kastriert, von homosexuellen jüdischen Sozialisten-Bankiers untergraben fühlten.

Schlägt man das Buch dann schließlich zu, weiß man nicht so recht, ob einem Thomas Lehrs Größenwahnsinn sympathisch oder unangenehm sein soll. Sein Mut, episch zu werden und gleichzeitig keinen Pageturner vorzulegen, sondern dem Leser vor den Kopf zu stoßen, ist  angenehm; dass es dann wieder mal die große deutsche Erzählung werden muss, ist arg provinziell – obgleich derlei Bedenken vielleicht selbst wieder provinziell sind, in anderen Ländern hätte man diese Schwierigkeiten nicht. Thomas Lehr ist ein großartiger Schriftsteller, das beweist er auch in „Schlafende Sonne“ und dafür hat sich die Lektüre schon gelohnt, auch für jene, für die es gerne eine Nummer kleiner hätte ausfallen können.


Wir danken Hanser für das Rezensionsexemplar.