Thomas Manns böser Zwilling: Maxim Billers „Im Kopf von Bruno Schulz“

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Im April 2016 erscheint der neue Roman „Biografie“ von Maxim Biller bei Kiepenheuer & Witsch. Seit seiner letzten literarischen Publikation, dem schmalen Novellenbändchen „Im Kopf von Bruno Schulz“ aus dem Jahr 2013, steht Biller seit einigen Monaten vor allem durch seine launigen Auftritte im Literarischen Quartett im Fokus des Literaturbetriebs und wird dafür gleichermaßen gelobt und angefeindet. Dabei gerät sein eigenes literarisches Werk immer weiter aus dem Blickfeld – vollig zu Unrecht, wie sich an der Bruno Schulz-Novelle zeigen lässt.

In der dritten Folge des Literarischen Quartetts, die am Freitag Abend im ZDF ausgestrahlt wurde, warf Christine Westermann Maxim Biller im Streitgespräch vor, er inszeniere sich lieber selbst anstatt die zu besprechenden Bücher ins Zentrum des Zuschauerinteresses zu rücken. Tatsächlich ist Biller der einzige Teilnehmer der monatlichen Podiumsdiskussion, der mit kontroversen Thesen – einer Mischung aus absoluter Subjektivität und versierter objektiven Literaturkritik – für Stimmung sorgt. In der vorangegangenen November-Ausgabe des Quartetts eskalierte die Situation bislang am stärksten, als Volker Weidermann von der neuen Familienbiografie der Manns schwärmte und Biller seiner Thomas-Mann-Abneigung freien Lauf ließ. Dabei muss dem dauernervösen Gastgeber Weidermann durchaus bewusst gewesen sein, dass er mit den Manns genau diese Reaktion bei Biller hervorrufen würde. Nicht zuletzt verkündete Biller im Interview mit Alan Posener für die WELT bereits, er wolle Thomas Mann zerstören, im New Yorker verglich er Mann mit dem Ober-Antisemiten Richard Wagner und auch in seinem letzten Buch, Im Kopf von Bruno Schulz kommt Thomas Mann nicht gut weg.

Die nur knapp siebzig Seiten umfassende Novelle, die mit originalen Zeichnungen von Bruno Schulz aus dessen Nachlass angereichert ist, folgt den klassischen Gattungsformalitäten. Sie erzählt geschlossen von den Ereignissen eines Tages im Leben des galizisch-jüdischen Schriftstellers und ist binär strukturiert: Im Rahmenteil wird Schulz in seinem kleinen, im Keller gelegenen Arbeitszimmer beschrieben, der einen Brief zu verfassen versucht, der wiederum im Binnenteil wiedergegeben wird. Schulz wendet sich an Thomas Mann, weil er sich von ihm Hilfestellung für eine deutschsprachige Publikation erhofft. Um ihn von seinem Talent zu überzeugen, verfasst er keinen klassischen Bittbrief, sondern vielmehr eine Geschichte, in dessen Zentrum Schulz vor einem vermeintlichen Doppelgänger Thomas Manns warnt, der in Drohobycz aufgetaucht ist und die Bewohner des galizischen Dorfs ausspioniert und terrorisiert. In der Doppelgängerfigur lässt sich das „seltsame, unerhörte Ereignis“ lesen, das novellencharakteristisch ist.

Keiner hier denkt und benimmt sich, wie er sollte.

So unerhört und fantastisch das alles scheinen mag: Biller nimmt hier Bezug auf den 1892 geborenen Schriftsteller Bruno Schulz, der hauptberuflich als Kunstlehrer arbeitete und sich mit seinen surrealistischen Zimtläden und Das Sanatorium zur Sanduhr ein schmales, aber immer wieder intertextuell anzitiertes Denkmal schuf. Der Großteil des Nachlasses von Schulz, der im November 1942 im Drohobyczer Ghetto ermordet wurde, gilt als verschollen, genau wie die umfassenden Korrespondenzen. Den Brief an Thomas Mann soll es wirklich gegeben haben, und geantwortet hat er wohl auch – nur die Inhalte sind nicht bekannt.

Mit dieser historischen Legitimation nähert sich Biller kunstvoll einem melancholischen Bruno Schulz und seinem Leben in der galizischen Provinz, die auch die Zimtläden maßgeblich bestimmt. Der narrative, surrealistische und metaphernreiche Ton und die in binären Oppositionen organisierte Struktur wird im Rahmen imitiert, und auch einzelne Motive aus dem literarischen Werk von Schulz werden verarbeitet und weitergedacht. So schreibt der Schulz von Biller seinen Brief an Thomas Mann am Schreibtisch seines Vaters, der sich im Kellerraum befindet – in den Zimtläden ist der Vater für das von seiner Kindheit berichtende Ich zentral und wird durch Krankheit, zunehmenden Wahnsinn und Isolation bei Bruno Schulz zur Personifikation der Literatur selbst. Der Raum des Vaters in den Zimtläden ist der Dachboden – nun befindet sich Schulz mit dem Schreibtisch des Vaters im Keller. Und mit diesem buchstäblichen „Abstieg“ nicht genug, gleich auf der zweiten Seite von Billers Novelle stößt sich Schulz am Schreibtisch und damit an der Vatergeneration, an der (literarischen) Tradition – an der Vergangenheit.

Der Doppelgänger von Thomas Mann, den Billers Schulz im Brief an den Schriftsteller erfindet, ist ein Spion, der im galizischen Drohobycz die jüdische Mehrheit beobachtet und in dem, was Bruno Schulz als einen Traum schildert, die Gaskammern und die Judenvernichtung des Zweiten Weltkriegs unter der deutschen Besatzung in eben jenem Landstrich vorwegnimmt und der alle zum Opfer fallen, die Bruno Schulz kennt, nur er selbst nicht, er darf erst sterben, wenn er sein ‚Werk‘ vollendet hat. An dieser Stelle spiegelt sich die poetologische Angst vor dem Schreiben und dem Schreibprozess selbst, die den fiktiven Schulz beim Verfassen des Briefes an Mann quält, und vielleicht auch den Autoren und Publizisten Biller.

Doch damit nicht genug, die Doppelgängerfigur wird selbst gedoppelt: An einer anderen Stelle ist die Rede davon, dass eine Bekannte einen Mann bei Prostituierten gesehen hat, der so ausgesehen habe wie Schulz, er müsse wohl ein Doppelgänger gewesen sein – der Leser erfährt jedoch implizit, dass es durchaus Schulz selbst war. Doppelgänger und „Original“ sind im Fall des fiktiven Freiers Bruno Schulz die gleiche Person; der Rückschluss, es müsse sich um einen Doppelgänger handeln, zeugt von der Unglaublichkeit der Wahrheit.
Handelt es sich beim Doppelgänger von Thomas Mann nicht um einen Doppelgänger, sondern um einen grausamen Antisemiten? Billers narratologisch ausgesprochen kunstvoll strukturierte Novelle lässt diesen Interpretationsraum in jedem Fall zu.

Auch wenn man Kritik an Billers Rolle als Provokateur des Literarischen Quartetts üben möchte – er ist ein großartiger Schriftsteller. Im Kopf von Bruno Schulz ist ein glänzendes Beispiel dafür. Und am Ende muss wohl jeder Leser selbst abwägen, wie man Thomas Mann und die Rolle, die ihm vom Literaturbetrieb zugesprochen wird, sehen möchte. In einem Brief an Bruder Heinrich bemerkt er jedenfalls über den Bruder seiner späteren Frau Katia:

Ich hatte ihn schon auf dem Balle flüchtig kennen gelernt: ein höchst erfreulicher junger Mensch, soignirt, unterrichtet, liebenswürdig, mit norddeutschen Formen. Kein Gedanke an Judenthum kommt auf, diesen Leuten gegenüber.

[Brief von Th. Mann an H. Mann vom 27.02.1904, Quelle: Thomas Mann, Heinrich Mann: Briefwechsel 1900-1949, hrsg. u. mit einem Nachwort von Ulrich Dietzel. Aufbau, Berlin und Weimar 1977, S. 36]

4 Kommentare

  1. Ich habe noch nichts von Biller gelesen, finde ihn so lächerlich im Literarischen Quartett, bin noch nicht sicher, ob ich mich überwinden kann. Ganz seltsamer Typ. Aber ja, Stimmung macht er.

    • Da muss ich protestieren. Maxim Biller provoziert und polemisiert im LitQuartett, ich persönlich finde das allemale besser als das gefühlskitschige Gequatsche von der Westermann, das weder Hand noch Fuß hat, und Weidermann hat zwar Ahnung, ist gänzlich ungeeignet fürs Fernsehen, weil man ihm bei jedem Satz anmerkt, dass er Panik hat, etwas Falsches zu sagen.
      Ich habe fast alle Bücher von Biller gelesen und finde den Großteil wunderbar. Auch hier provoziert er, wo er kann. „Die Tochter“ oder „Der gebrauchte Jude“ würden da wahrscheinlich dein Bild von ihm aus dem LitQuartett bestätigen, aber „Im Kopf von Bruno Schulz“ ist, gleichsam ob man mit dem Werk von Bruno Schulz vertraut ist, wirklich ein großartiger Text, den, wie ich glaube, auch Biller-Skeptiker mögen müssen, weil er einfach so gut geschrieben ist. Liebe Grüße!

      • Ich bin echt kein Freund von Weichspülerei, aber dieses auf Kommando arschlochhafte das finde ich so derart daneben. Puh das würde mich echt Überwindung kosten, aber vielleicht gebe ich ihm mal eine Chance. Immerhin hat er am Schluß ein tolles Buch empfohlen. Vielleicht würde ja manches besser werden, wenn er mal den Stock aus dem Hintern nimmt. Das passiert mir echt nicht oft, aber bei dem Typen stellen sich mir die Nackenhaare hoch … Und ich gebe Dir Recht, die anderen beiden fand ich nicht viel besser. OK – let’s agree to disagree 😉

  2. Pingback: Daddy Issues: Maxim Billers „Biografie“ – Zeilensprünge.

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