Thomas Melles „Die Welt im Rücken“: Schonungslos geirrt

Thomas Melle Die Welt im Rücken

Mal wieder ist es nicht der große Favorit geworden. Nachdem 2015 aufgrund der Aktualität Jenny Erpendeck mit ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ bei den Buchmachern ganz oben stand, schien für viele dieses Jahr fast schon beschlossene Sache, dass Thomas Melle mit „Die Welt im Rücken“ den Deutschen Buchpreis abräumen würde. Schließlich ist es doch Bodo Kirchhoff geworden. Für die Literatur ist das eine gute Nachricht, denn der Umgang mit Melles Text ist symptomatisch für die deutschsprachige Rezeption und ihre Ich-Sucht. Die Fiktion gilt nicht mehr viel, authentisch muss es sein. Dabei ist „Die Welt im Rücken“ ein faszinierender Text, aber kein Roman.

Das Wort „schonungslos“ ist wohl einer der häufigsten gebrauchten Begriffe in Verbindung mit „Die Welt im Rücken“. Gemeint ist damit die Ehrlichkeit und Offenheit, mit der Melle von seiner Krankheit spricht und sich noch am größten Tiefpunkt schildert. In der letzten Folge des „Literarischen Quartetts“ ging einiges drunter und drüber, doch es gab einen entscheidenden und sehr wichtigen Einwand vom diesmal eingeladenen Thomas Glavinic. Als auch Volker Weidermann dazu anhob, den Text für seine Offenheit zu loben, wendete Glavinic ein, dass „Offenheit“ keine literarische Kategorie sei. Recht hat er. Mit Kritierien wie Schonungslosigkeit und Ehrlichkeit kann man vieles bewerten, aber keine Literatur. Und Schonungslosigkeit ist nicht mal per se eine Tugend, auch Donald Trump ist schonungslos. Damit gerade die erzählende Literatur zu belasten, erscheint absurd, ist sie doch aus der Möglichkeit der Lüge geboren. Deswegen ist die geeignete Beschreibung auch nicht die Wahrheit, sondern Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit ist jedoch nicht an authentische Erlebnisse gebunden, gerade die wildesten Erfindungen sind häufig die wahrhaftigsten.

Der Kranke ist, genau wie der Terrorist, aus der Ordnung der Gesellschaft gefallen, gefallen in einen feindlichen Abgrund des Unverständnisses.

Worin besteht also diese „Schonungslosigkeit“ bei Melle? Der Autor beschreibt in „Die Welt im Rücken“ die letzten zwei Jahrzehnte mit seiner manisch-depressiven Krankheit, die gerne auch als bipolare Störung beschrieben wird, was der Autor jedoch ablehnt: „Allein das Wort: bipolar. Das ist einer jener Begriffe, die andere Begriffe verdrängen, da sie der Sache angeblich gerechter würden, indem sie der Benennung das diskriminierende Element nähmen.“ Das besondere dieser Krankheit, wie der Autor sie erlebt, sind die abwechselnden Intervalle, in denen sich die depressiven und manischen Phasen vollziehen. Die Manie erzeugt ein Gefühl der Unbesiegbarkeit, scheinbar ist alles möglich und vor allem dreht sich alles um ihn. Die Depression legt hingegen alles lahm. So geht das hin und her, bis ein Zustand des völligen Kontrollverlusts erreicht ist, der nur noch die Einweisung in eine Klinik zulässt – ein Bereich, in dem der Mensch auf sein Wesentliches beschränkt ist: „Die Grenze ist überschritten, die Türen schließen sich. Hier hilft kein Foucault, kein Durchbuchstabieren der diskursiven bis handfesten Machtverhältnisse und Ausschlussmechanismen: Theorie und Geschichte des Wahnsinns gehen keinen mehr etwas an.“

Ursachen, Ursachen, Ursachen. Nimm zehn Therapeuten, und du hast hundert Ursachen.

„Die Welt im Rücken“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich über seine Manie in der Kulturgeschichte der letzten zwanzig Jahre einschreibt. Melle geht durch die Welt und sieht sich ständig angesprochen. Der Autor kann den Fernseher nicht fünf Minuten laufen lassen, ohne dass er sich selbst darin vorkommen sieht, was das ein oder andere mal – an solchen Stellen ist Melle angenehm selbstironisch – kurios für ihn und seine Umwelt wird: „Meine Mutter erlitt einen halben Nervenzusammenbruch, als ich ihr weismachen wollte, dass der Schlagersänger Patrick Lindner in einer Talkshow mit seinem adoptierten Sohn eigentlich mich meinte.“ Realität hat in solchen Phasen einen brüchigen Status, Melle imaginiert mit Madonna geschlafen zu haben, schreibt Autoren wie Juli Zeh wirre Nachrichten, überzieht ganz Deutschland mit einem Netz, das immer wieder auf ihn zurückführt.

Nichts heißt mehr, was es heißt, und alles heißt trotzdem immer auch „ich“.

Auch wenn in vielen Besprechungen sehr richtig darauf hingewiesen wurde, dass es Melle nicht darum geht, das alte Klischee vom wahnsinnigen Genie wiederaufleben zu lassen, kann man seiner Existenz, wie er sie schildert, einen literarischen Charakter nicht absprechen. Melles hier sprachgewordenes Ich ist das Nadelöhr, durch das die gesamte Wirklichkeit hindurchgeht, was einen einzigen Mensch nur überfordern kann. Die Manie, sich als Dreh- und Angelpunkt der Welt zu sehen und Realität als formbare Masse zu begreifen, ist natürlich ein literarischer Zugang zur Welt: „Ich stand mit allem und allen im Dialog, zumindest in meinem Kopf. Diese ‚Kopfdialoge‘ waren schon immer Bestandteil meiner Gedankenwelt gewesen.“ Die Pointe bei Melle ist jedoch, dass daraus nichts Großes entsteht, sondern nur Leid.

Der Mob aus Zeichen und Bildern schoss aus allen Ecken auf mich zu.

Die Struktur von Melles Text resultiert aus seiner Krankheit: „Wenn Sie manisch-depressiv sind, hat ihr Leben keine Kontinuität mehr. Was sich vorher als mehr oder minder durchgängige Geschichte erzählte, zerfällt rückblickend zu unverbundenen Flächen und Fragmenten.“ Obwohl die Schilderungen des Autors Fragment bleiben, hält der Text die Chronologie der vorbeistreichenden Jahre ein, was zu der Gattungsschwierigkeit führt, die sich um diesen Text rankt. Diejenigen, die Melles Text beim Deutschen Buchpreis unterbrachten, beriefen sich gerne darauf, dass der Text sich einer Gattungszuschreibung verweigert. Tatsächlich hat der Verlag darauf verzichtet, das Wort Roman oder Autobiographie als Paratext beiseite zu stellen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn im Klappentext fällt das Wort der Chronik, was nichts anderes als eine vormoderne Spielart der (Auto)biographie ist.

Die Manie, stellt sie fest, löscht die Erinnerung größtenteils aus.

Das Problem von „Die Welt im Rücken“ ist nicht der Text selbst, sondern ein Literaturbetrieb, der mit seiner Sucht nach dem Authentischen immer weiter die Gattung des Romans infiziert. Wenn Melle auf seine Manie bezogen formuliert; „Jedes Du konnte Ich sein“ antwortet die Kritik „Jedes Ich sollst Du sein“. „Die Welt im Rücken“ könnte einfach eine sehr kluge Autobiographie sein, doch im postmodernen Spiel der Gattungen sind längst jede Unterscheidungskriterien weggewischt worden. Phänomene wie Knausgard (dem Melle meilenweit erhaben ist) zeigen, dass für die Beurteilung des Texts Kriterien wie eine ausgefeilte Sprache oder intelligente Erzählstruktur längst nichts mehr gelten. Egal wie langweilig ein Buch auch sein mag, solange dahinter jemand steht, der die Hosen runterlässt und sich der Öffentlichkeit zeigt, hat es schon gewonnen. Erst wenn wieder verstanden wird, dass im Roman alles Lüge sein muss, verlieren die Ehrlichkeits-Propheten und Schonungslosigkeits-Marktschreier wieder die Macht über die Einschätzung von Literatur. Bis dahin wird es immer wieder zu Betriebsunfällen wie „Die Welt im Rücken“ beim Deutschen Buchpreis kommen. Beim nächsten Mal ist es dann vielleicht die neue, total schonungslose Daniela Katzenberger-Biographie.


Wir danken Rowohlt Berlin für das Rezensionsexemplar. Weitere Besprechung finden sich auf dem Buchpreisblog.

4 Kommentare

    • Danke dir! Ja, es sollte vor allem Ausdruck eines Unbehagens sein, das mich im Umgang mit diesem Buch, aber auch vielen anderen Büchern beschlichen hat.

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