Thorsten Nagelschmidts: „Der Abfall der Herzen“: Monoton, trist-romantisch, irgendwie urban

Jeder möchte von sich glauben, sein eigener Lebensweg wäre etwas ganz besonderes, würde auf unbefahrenen Bahnen verlaufen, gleicht keinem anderen. Gleichzeitig gibt es wohl in jeder Generation Konstanten, die sich immer wiederholen. Früher waren das vielleicht mal kirchliche Initiationsriten wie die Kommunion/Konfirmation und der Wehrdienst. Und heute? Zwar trügt das Gefühl der Berliner Glasglocke, mittlerweile wohne eigentlich jeder in Berlin, trotzdem begegnet einem an jeder Ecke der Satz: „Ich zieh nach Berlin.“ Daran ist nun erst mal nichts verwerfliches, doch was macht das mit den Orten, die man zurücklässt? Und was sagt das über eine Stadt aus, die ja gerade das Versprechen birgt, Individualität frei ausleben zu können? Thorsten Nagelschmidt, ehemaliges Bandmitglied der Muff Potters, zieht literarische Linien durch seinen Lebensweg, der auch ein vorläufiges Ende in Berlin nimmt.

Nagelschmidt schreibt mit seinen Roman in den literarischen Megatrend des autobiographischen Romans hinein. Das Ich, aus dessen Sicht hier erzählt wird, wird zwar die meiste Zeit nur Nagel genannt, aber mindestens einmal mit vollen Nachnamen Nagelschmidt. Im Gegensatz zu vielen anderen autobiographischen Romanen fehlt hier das beliebte Spiel mit der Frage von Authentizität vollständig. Das Ich ist, genauso wie seine Umwelt, von seiner festen Identität überzeugt und sie wird auch nicht in Frage gestellt. Aber in „Der Abfall der Herzen“ geht es auch nicht darum, über die Bedingungen von Erinnerung und Selbstbildung nachzudenken, sondern ein möglichst typisches Generationenpanorama zu entwerfen.

„Sag mal, wie war das eigentlich damals – wann hast du aufgehört, mich zu hassen?“

Erzählanlass ist, wie es mittlerweile Mode geworden ist, eine Rückkehr – in diesem Fall die Rückkehr in die westfälische Heimat. Nagel, der wie seine Freunde aus Rheine kommt, ist zu Besuch im Heimatort und die Begegnung mit den alten Bekannten ist auch die Begegnung mit der Erinnerung an die verlorene Zeit, denn die Zeit hat Freundeskreis und Band auseinandergetrieben: „Münster, Rheine, Köln und Hamburg, das hätte die Band auseinandergerissen, und die Band war das Allerwichtigste.“ Früher war man cool und alternativ („Auf seinen Fingerknöcheln pellt sich das ACAB-Tattoo, das er sich letzte Woche in Münster hatte stechen lassen.“), heute ist man auch noch irgendwie alternativ und cool, aber halt auch erwachsen und wohnt in Berlin.

Die meisten haben Schwierigkeiten mit der genauen zeitlichen Einordnung der Ereignisse.

Eine Handlung im Sinne einer Ereigniskette findet sich bei Nagelschmidt nicht, stattdessen geht es darum, in einzelnen Szenen darzustellen, was nicht mehr ist und dass man, frei nach dem Kalenderspruch, man könne nicht zweimal in den selben Fluss steigen, nicht mehr an den gleichen Ort zurückkehren kann, dem man einmal den Rücken gekehrt hat: „‚Da ist er ja, unser Berliner‘, strahlt meine Mutter an der Haustür. Ihre übliche Begrüßung seit bald zehn Jahren. Ich höre immer auch: Da ist er ja, unser Fahnenflüchtiger.“ Dass dieses Band nicht vollständig abreißen zu lassen, ist mit viel Unsicherheit verbunden: „Immer gut, am Ende eines Treffens eine konkrete Absprache zu haben, die baldiges Wieder-in-Kontakt-Treten in Aussicht stellt und allen Beteiligten ein vages Bis bald oder Lass mal wieder von dir hören erspart.“

Ein Gelage. Eine Ein-Mann-Orgie. Ein dekadentes, selbstreferentielles Fest.

Die hier erinnerte Jugend besteht hingegen aus den üblichen Zutaten. Flirrende erste Lieben, erste Exzesse und die traditionelle musikalische Untermalung. Der Roman zitiert all das rauf und runter, was einem im Erwachsenwerden den Resonanzraum des präadulten Schmerzes bietet, von The Cure bis Guns’n’Roses, Joy Division und Prince. Davon abgesehen, dass Nagelschmidt mit seiner hier aufgeführten Popcollage ungefähr zwanzig Jahre zu spät dran ist, lässt sich an den angeführten Beispielen gut ablesen, wie gleich dann doch, trotz aller Individualitätsansprüche, Biographien verlaufen. Das dämmert auch irgendwann dem Ich-Erzähler: „Mein Schmerz, er war nicht mal etwas Besonderes.“

Eine letzte Zigarette am Fenster meines Hotelzimmers, dann ins Bett, noch ein paar Seiten lesen. Fritz J. Raddatz zitiert Montaigne […]

Für den Roman ist das die Schlüsselstelle, denn was der Protagonist hier formuliert, ist vielleicht eine der größten Kränkungen des modernen, westlichen Menschen, der den ganzen Tag damit verbringt, das Besondere herauszustellen. Doch leider zieht der Text aus dieser Erkenntnis nicht die richtigen Schlüsse, sondern macht es sich in der allgemeinen Gewöhnlichkeit gemütlich. „Der Abfall der Herzen“ erreicht in Teilen ein Banalitätslevel, dass es nur so kracht, mit Sätzen wie „Ich koche mir erst mal einen Kaffee.“ oder „Wir sitzen vor einem Café in der Osnabrücker Altstadt und trinken Wein.“ Weil der Text über keine sprachliche Subtilität verfügt, muss der Erzähler alles feststellen, damit die eh schon triste Welt nicht völlig wegbricht.

Eine Träne, zwei. Tonight I’m gonna party like it’s 1999.

Die Weltsicht, die dahintersteht, beschreibt der Roman dann folgerichtig selbst am besten: „Ich liebte diesen Anblick, besonders im Regen, wenn das Ampelsignal sich rhythmisch auf der nassen Straße brach, eine kleine Lightshow auf dunklem Asphalt, monoton, trist-romantisch, irgendwie urban.“ Triste Romantik und eine gefühlte Urbanität sind die zwei ideologischen Pole zwischen denen der Roman sich bewegt, daher kann es auch nicht wundern, dass sich der Text am Ende, trotz aller behaupteter Urbanität, dem Heimatkitsch zuwendet: „Aus einem der Wohnhäuser wehte der Geruch von Erbsensuppe und geräuchertem Speck zu uns herüber, die Ahornbäume am Ufer bekamen schon einen leichten Rotstich.“ Damit ist „Der Abfall der Herzen“ doch noch ein ziemlich treffendes Generationenportrait geworden, wenn auch unfreiwillig. Denn obgleich der Roman davon erzählt, wie die Provinz geographisch zurückgelassen wird, verlässt er das das intellektuelle Westfalen nie.


Wir danken S. Fischer für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Pingback: Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen | Poesierausch

Kommentare sind geschlossen.