Tilman Rammstedts „Morgen mehr“: Der Til Schweiger-Film unter den Romanen

Rammstedt_Morgen mehr

Manche Bücher waren nie dafür geschaffen, Bücher zu werden. Dazu gehört sicherlich Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das in Buchform immer noch ein erschütternder Text ist, aber dessen Form als Blog den langsamen Verfall eines Autors und dann das Verstummen ganz unmittelbar erfahrbar gemacht hat. Auf den nächsten Blogeintrag zu warten, der dann nicht kommt, schafft eine andere Wirkung als den letzten, erwartbaren Absatz eines Buches zu lesen und jenes dann zuzuschlagen. Die Entscheidung, „Arbeit und Struktur“ dann doch handelsüblich zu veröffentlichen, ist ein Symptom dafür, dass unsere Buchkultur noch keine Werkzeuge dafür gefunden hat, mit derlei Textformen umzugehen. Ein weniger dramatischer Fall ist Tilman Rammstedts „Morgen mehr“. Dieser war zuerst als Fortsetzungsroman im Internet zugänglich, Abonnenten konnten nicht nur lesen, sondern auch kommentieren, diskutieren. Die Form des Fortsetzungsromans ist keine neue und in den meisten Fällen sind jene auch irgendwann als kompletter Text erschienen. „Morgen mehr“, unlängst bei Hanser erschienen, hätte jedoch lieber dort bleiben sollen, wo es herkommt. Denn dieser Roman ist ein Event, um das sich eine Community scharen kann, aber keine gute Literatur.

Ein Kind ist geboren, so fangen viele Geschichten klassischerweise an. Nicht so Tilman Rammstedts „Morgen mehr“. Hier ist das Kind noch nicht geboren, fängt aber trotzdem schon an zu erzählen, nämlich die Geschichte, die zu seiner Zeugung geführt hat.
Zu Beginn der Handlung kennen sich die Eltern noch nicht und ihre Startbedingungen könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Mutter des Kindes ist gerade in Paris unterwegs, um eine Liste mit Punkten abzuarbeiten, die aus lauter Klischees besteht: Austern essen, ein Techtelmechtel mit einem Franzosen, sich blamieren etc. Hingegen steht der Vater gerade mit den Füßen in einem mit Blitzbeton gefüllten Eimer am Ufer des Mains. Ein Bewohner des Zwielichts, der Russe Dimitri, droht, ihn samt Betonfüßen in den Fluss zu schmeißen. Dazu kommt es dann doch nicht und beide machen sich auf den Weg, eine alte Liebe des Vaters aufzuspüren. Diese Suche führt, überraschend wenig überraschend, nach Paris.

Ich weiß ja schon alles. Ich weiß, wie alles werden wird und mache mir dennoch Sorgen, weil man mit Sorgen nie verkehrt liegt.

So sehr wie „Morgen mehr“ die Geschichte einer Zusammenführung auf Umwegen ist, ist der Roman eine metafiktionale Versuchsanordnung über die Bedingungen des Erzählens. So wie hier ein noch nicht geborenes, bald gezeugtes Kind seine zukünftige Geschichte erzählt, setzt der Text nicht nur sein eigenes Schreiben, sondern auch die Perspektive des Lesers in Szene. Beide nähern sich der erzählten Welt wie der nicht-geborene Erzähler: Das Ziel ist ungefähr klar, der Autor kennt es womöglich, der Leser kann es antizipieren, der Weg dorthin ist die eigentliche Ungewissheit. Um das eigene Ringen mit diesem Weg deutlich zu machen, rekapituliert die Erzählinstanz immer wieder, was bisher geschehen ist, was man weiß, was man nicht weiß und was man wissen könnte. Das referiert auf die Form des Fortsetzungsromans und ist in Form eines zusammenhängenden Texts unnötig, was der Autor, so bekommt man den Eindruck, sehr witzig findet.

Ich bin schließlich im Zentrum von allem.

Der Autor findet sich insgesamt sehr witzig, weswegen „Morgen mehr“ stark auf Pointe geschrieben ist. Ein Bauch singt vor lauter Hunger die Marseillaise, in Paris wird kein Klischee ausgelassen, ein Flirt der Mutter hat den klangvollen Namen Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle und auf dem Weg des Vaters in die französische Hauptstadt wird ein Schaf aufgelesen, das eine zentrale Rolle in der Schlussszene einnehmen soll. Das viele Gekichere soll den Umweg immer größer machen, der zur Vereinigung der Eltern führt, und die Literatur für das Unwahrscheinliche gewinnen. Wenn dieser Roman eines postuliert, dann sicherlich, dass die Literatur nicht die Heimat der großen Ereignisse, sondern der unwahrscheinlichen Unwegsamkeiten des Lebens ist.

Manche Romane sind so szenisch, dass gedanklich die Literaturverfilmung direkt im Kopf mitläuft. „Morgen mehr“ wäre mit ziemlicher Gewissheit ein Til Schweiger-Film. Mit den müden Pointen, den vielen Absurditäten, die völlig zu recht schon als „braves Tischfeuerwerk“ bezeichnet wurden, sieht man schon Til Schweiger mit lustiger Mütze und Schaf im Arm im Auto sitzen, Moritz Bleibtreu packt mal wieder den Proll aus und spielt Dimitri, Emma Schweiger als Kind auf dem Rücksitz und Didi Hallervorden palim palimpt hinterher. Tilman Rammstedts unschuldige Pointen-Stalinorgel feuert leider nur mit Platzpatronen, die auch vor dem gütigen Lehrerpublikum einer WDR-Kabarettsendung durchfallen würden.

„Das sind keine Flitterwochen, das ist ein Umweg.“

Der Kernsatz des Romans ist jedoch folgender: „Was funktioniert, wird unsichtbar.“ Es war eine tolle Idee, einen Text über den Verlust der Selbstverständlichkeit des Autorseins zu schreiben. „Morgen mehr“ soll knirschen, weil das Schreiben selbst das eigentliche Thema ist: „Er vergaß dann, wie Sprechen ging, und nach einiger Zeit vergaß er auch, wie Schweigen ging, und fing an, unverständlich vor sich hin zu brummen […]“ Sich als Schriftsteller zu verdingen ist keine schöne Angelegenheit. Jede Schreibblockade ein Schicksalsschlag, jede Ablehnung ein Drama. Doch leider muss man Rammstedt antworten: Was so furchtbar gut nicht funktioniert, wird durchschaubar. Hier gibt es keine echten Widerstände, keine kleinen Dramen, stattdessen durchgestylte Feel Good-Literatur, die bestens aufzeigt, wie man noch das Privateste zur Marke machen kann: das eigene Scheitern. „Morgen mehr“ atmet auf jeder Seite die Überschätzung des eigenen Witzes und Talents – und damit schließt sich der Kreis zu seiner Entstehungsform. Denn nirgendwo wird die Ware Selbstüberschätzung höher gehandelt als im Internet.


Wir danken dem Hanser-Verlag für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Tolle Rezension. Ich erinnere mich jetzt auch wieder, warum ich irgendwann aufgehört habe, den Roman per Whatsapp mitzulesen. Hat mich einfach nicht gefesselt.

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