Träumst du noch oder lebst du schon? Gaito Gasdanows „Die Rückkehr des Buddha“

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Viel Kafka und ein bisschen Bulgakow – das ist „Die Rückkehr des Buddha“ von Gaito Gasdanow. Der Text wurde erstmalig als zweiteiliger Fortsetzungsroman in der russischen Exil-Literaturzeitschrift „The New Review“ in New York zwischen 1949 und 1950 veröffentlicht. Der Hanser Verlag, der bereits 2012 Gasdanows bekannteren Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ herausgab, hat den Roman erneut zugänglich gemacht und trägt damit maßgeblich zur Wiederentdeckung von Gasdanows Werk im deutschsprachigen Raum bei.

Der namenlose Ich-Erzähler ist russischer Student im Paris der Zwischenkriegszeit. Die Exposition des Romans markiert den entscheidenen Moment, in dem sich das Leben des Ich verändert und damit die Voraussetzungen für die späteren Ereignisse geschaffen werden. „Ich starb“ sind die ersten zwei Worte des Romans, die gleichzeitig die Subjektivität der Erzählperspektive und die Paradoxie der Handlung vorausdeutet.
Das Ich durchlebt seinen eigenen Tod – den Sturz von einer Klippe – und lebt danach weiter, ohne zu wissen „was als wichtig und was als unbedeutend angesehen war“. Fortan lebt er zwischen Realität und Traum:

Worin mein Leben ablief, da fehlten mir die scharf abgegrenzten und in gewissem Sinn endgültigen Konturen, es hatte nichts Beständiges, die Dinge und Begriffe, die es ausmachten, konnten Form und Inhalt verändern wie die unbegreiflichen Wandlungen eines endlosen Traums.

Ich hatte, so schien es mir, so viele fremde Leben gelebt […], dass ich längst keine Vorstellung mehr hatte von meinen eigenen Konturen.

Bald wird ihm klar: Eine klare Grenze zwischen dem eigenen Selbst und anderen Menschen lässt sich nicht ziehen. Als er im Park auf einen Bettler trifft, fühlt er sich durch das Schicksal mit ihm verbunden und gibt ihm zehn Francs. Zwei Jahre später – und immernoch von Phantasien heimgesucht – trifft er ihn wieder. Aus ihm ist ein wohlhabender, gut gekleideter Herr geworden. Durch einige unglaublichen Zufälle kam Pawel Alexandrowitsch Schtscherbakow, so der Name des ehemaligen Bettlers, zu einem kleinen Vermögen. Die Herren freunden sich an, führen tiefsinnige Gespräche und verbringen viel Zeit miteinander, bis – so viel darf man verraten, denn auch der Klappentext verrät es – Pawel tot aufgefunden, eine kleine Buddha-Statue auf seinem Büchrregal entwendet und der Ich-Erzähler als Mörder und Dieb verdächtigt wird.

Der Mord und die Entwendung des titelgebenden Buddhas ereignet sich nach knapp 125 von insgesamt etwa 215 Seiten und sowohl die Thematisierung des Sachverhalts als auch die Verhandlung nehmen nicht mehr als 60 Seiten des Romans ein – es geht also um etwas anderes als um die Kriminalgeschichte, die „Die Rückkehr des Buddha“ auch ist, selbst wenn dieser Teil recht übersichtlich und durchschaubar bleibt.

In erster Linie ist Gasdanows „Rückkehr des Buddha“ ein Exilroman. Obwohl der Roman in Paris angesiedelt ist, agiert nur ein einziger gebürtiger Franzose, namentlich der Polizist Prunier, im ganzen Text – alle anderen Figuren haben einen Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen sind russischer Herkunft, so auch das Ich, Pawel oder seine Geliebte Lida. Darüber hinaus gibt es aber auch den aus Marrokko stämmigen Emigranten Amar und Catrine, die verflossene Geliebte des Ich-Erzählers, die offenbar aus England stammt. Welche Gründe die einzelnen Figuren in ihr Pariser Exil geführt haben, wird nicht näher thematisiert.
„Die Rückkehr des Buddha“ erzählt von einer Parallelgesellschaft innerhalb von Paris, jene der Einwanderer, die vor allem von Armut und Kriminalität geprägt ist. Wer es, wie der ehemalige Bettler Pawel, durch einige glückliche Zufälle (nicht jedoch aus eigener Kraft) herausschafft, wird zugleich deren Opfer. Gasdanow zeichnet ein düsteres Bild von der Pariser Gesellschaft, denn folgt man dem Roman, so gibt es keine wirkliche Chance auf sozialen Aufstieg für Emigranten.

Im Zustand des Ich-Erzählers illustriert Gasdanow in „Die Rückkehr des Buddha“ das Befinden der Pariser Emigranten im Allgemeinen. Sein Zustand zwischen Traum und Realität, zwischen Wahn und Wirklichkeit, spiegelt die Unsicherheit jener Gruppe, die nie in der ‚Realität‘ der Pariser ankommt, die immer Sonderling zu bleiben scheint.

Vielleicht wäre es mir ja noch vergönnt, eines morgens oder eines nachts aufzuwachen, die abgehobenen Schreckensvisionen zu vergessen und so zu leben, wie ich früher gelebt hatte und wie ich immer hätte leben müssen, nicht in der Phantastik, die mich von allen Seiten umfing, sondern in der unmittelbaren Wirklichkeit des Daseins.

Das Zitat steht nicht nur für den Wunsch, sich in die französische Gesellschaft einzugliedern, sondern eröffnet gleichzeitig auch eine poetologische Tiefe des Textes, in der es um Realismusfragen geht: Die Erzählinstanz thematisiert das Leben in der Phantastik, sehnt sich nach der „unmittelbaren Wirklichkeit des Daseins“ und thematisiert damit den eigenen Status als literarische Figur, als Kunstwerk.

Zu kämpfen gegen diese zügellose Idiotie ist auf rationalem Weg unmöglich.

Gasdanows Roman heißt nicht „Die Entwendung des Buddha“, sondern „Die Rückkehr des Buddha“, und somit verrät bereits der Titel, dass die entwendete Buddha-Statue wieder auftauchen und sich der Mord aufklären wird. Wer sich nach einer Kriminalgeschichte sehnt, wie sie der Klappentext des Verlags vermuten lässt, wird enttäuscht sein, denn der Leser muss nicht nur über die Hälfte des Romans auf die eigentliche Tat warten, sondern die Rekonstruktion der Tat durch den Ermittler erfolgt auf nur fünf Seiten.
„Die Rückkehr des Buddha“ ist ein Exilroman, der vor allem eine Milieustudie der Migranten in Paris ist. Leider verliert Gasdanow immer wieder den Fokus und misst sich mit großen – für ihn zu großen – Stimmen der Literatur des 20. Jahrhunderts. So klingen immer wieder kafkaeske Motive an, eine Episode – die imaginäre Inhaftierung in einem phantastischen Zentralstaat – liest sich wie eine Art Neuschreibung von Kafkas „Prozess“, allerdings bleibt Gasdanow mit seiner Interpretation weit hinter dem Original zurück. Zu loben ist die Übersetzung von Rosemarie Tietze: an kaum einer Stelle hat man das Gefühl, es mit einer Übersetzung zu tun zu haben.
Die Neuveröffentlichung von „Die Rückkehr des Buddha“ durch den Hanser Verlag ist, auch wenn der Roman einige Schwächen aufweist, verdienstvoll, denn das eigentliche Thema von Gasdanow – die Wichtigkeit der Integration von Emigrierten – könnte aktueller kaum sein.

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