Über Auschwitz schreiben: Martin Amis‘ „Interessengebiet“

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„Ein Schriftsteller kann nur über das schreiben, was er kennt.“ – Mit seinem Roman „Interessengebiet“, der aus drei verschiedenen Ich-Perspektiven über die Geschehnisse in Auschwitz zwischen 1942 und 1943 erzählt, bringt Martin Amis neuen Schwung in die Debatte. Amis (Jahrgang 1949) ist englischer Bestseller-Autor, der sein Wissen über die Shoah aus Geschichtsbüchern bezieht. Detailliert beschreibt er Sinneseindrücke, Alltägliches und ungeheuerliche Verbrechen im polnischen ‚Interessengebiet‘ in einem sarkastisch-zynischem Ton. Ein Tabubruch?

Und es stimmt, was man hier im KL sagt: Niemand kennt sich selbst. Wer bist du? Du weißt es nicht. Dann kommst du ins Interessengebiet, und das sagt dir, wer du bist.

Die sechs Kapitel, die „Interessengebiet“ gliedern, sind jeweils in drei Unterabschnitte geteilt, die aus je drei  Ich-Perspektiven über die Geschehnisse im polnischen „Interessengebiet“, das unschwer als Auschwitz zu identifizieren ist, zwischen Sommer 1942 und Frühling 1943 erzählen: Golo Thomsen ist Sturmbannführer der Nazis und dem Aufbau von „Kat Zet III“, den Buna-Werken, zugeteilt. Neben seiner Rolle als durchschnittlicher Nazi ist er vor allem Schürzenjäger. Als prototypischer Arier, großgewachsen, mit weißblondem Haar, stahlblauen Augen und noch dazu als Neffe von Martin Bormann fliegen ihm die Frauenherzen zu. In der Exposition des Romans verliebt er sich in Hannah, die unglücklicherweise die Frau des Kommandanten Paul Doll ist.
Doll, aus dessen Ich-Perspektive jeweils im zweiten Kapitelabschnitt berichtet wird, ist im Lager bekannt als „alter Säufer“, der neben dem Alkoholkonsum auch tablettenabhängig und somit permanent berauscht ist. Als Verantwortlicher nimmt er regelmäßig an den Selektionen teil und muss zu seinem Unmut die Beseitigung eines Massengrabs unter der „Frühlingswiese“ organisieren, als die verwesenden Leichen beginnen, das Grundwasser zu vergiften und die Verbrechen kilometerweit riechbar machen. Sein Verbündeter ist dabei Szmul, dessen Ich-Perspektive die Dreistimmigkeit eines jeden Kapitels beschließt. Als polnischer Jude mit exzellenten Deutschkenntnissen wurde er Leiter des Sonderkommandos der Häftlinge – den „Sonders“ –, und ist Doll unmittelbar unterstellt und beim Massenmord behilflich. Er delegiert die Beseitigung der Leichen aus den Gaskammern, das Herausbrechen der Goldzähne und das Schneiden der Haare, betreut aber auch die Neuankömmlinge auf ihrem Weg in die Gaskammern und belügt sie über ihr Schicksal, damit keine Massenpanik ausbricht und er selbst überleben kann.

Wir wissen, was wir tun, glaube ich.

Die eigentliche Handlung ist schnell umrissen: Thomsen verliebt sich in Hannah Doll, der Frau des Kommandanten. Paul Doll, der seine Augen und Ohren überall im Lager hat, bekommt Wind von den Anstalten Thomsens und lässt die beiden überwachen. Obwohl es nicht zur Affäre kommt, verbünden sich Hannah und Golo Thomsen, die beide nach und nach mehr Zweifel und Ekel an den Machenschaften von Doll und seinen Männern empfinden. Hannah versucht, ihren labilen Ehemann in den Wahnsinn zu treiben, um seine Entlassung und Zwangsversetzung zu erreichen, was Paul Doll so wütend macht, dass er den Sonderkommandoführer Szmul dazu anstiftet, seine Frau umzubringen.

An den Sonders ist Seelenmord verübt worden – ihre Seelen sind tot. Aber an den Deutschen ebenfalls; das weiß ich, anders kann es ja gar nicht sein.

Das Skandalöse an diesem Roman ist nicht die Handlung, sondern der Stil, mit dem Amis schreibt und seine Figuren charakterisiert. Der Autor orientiert sich dabei an der Propaganda der Nazis, greift Motive wie beispielsweise die Tier-Analogien, die das Verhältnis zwischen den Nazis und den Inhaftierten spiegeln sollen, auf oder gibt seitenweise antisemitische Propagandaparolen wieder.

Obwohl diese Aussagen aufgrund ihrer Unsinnigkeit und vor dem historischen Hintergrund für den heutigen Leser nur schwer zu lesen und zu ertragen sind, setzt Amis die Zitate an einigen Stellen ein, um die Fremdgesteuertheit, die fehlende Selbstreflexion und das Mitläufertum seiner Figuren durch die Wiedergabe der leeren Floskeln zu veranschaulichen. Auf dieses Mitläufertum reduziert werden die Nazioffiziere Doll und Thomsen jedoch nicht. Thomsen entwickelt sich im Laufe des Romans zumindest zu einem stillen Widersacher des Systems: „Wir machten mit, wir zogen mit, wir mühten uns nach Kräften, Dinge zu verzögern und ein wenig Sand ins Getriebe zu streuen.“ Doll dagegen wird immer wieder als sadistischer Täter entlarvt, besonders eindrucksvoll, als er im Theater sitzt und sich langweilt:

Ich verbrachte diese 2,5 Stunden mit konzentrierten Berechnungen, wie lange es dauern würde (zu berücksichtigen war die Höhe des Saals im Verhältnis zur Luftfeuchtigkeit) die Zuschauer zu vergasen, sowie die Frage, welche Kleider noch verwertbar wären und wie viel ihr Haar und ihre Goldplomben wohl erbringen würden.

Wenn das, was wir tun, gut ist, warum riecht es dann so durch und durch schlecht?

Die ungeheuerlichen Verbrechen, die vor allem durch Doll verübt und detailliert geschildert werden, wirken durch ihre Kontextualisierung mit alltäglichen Problemen der Täter zynisch und sarkastisch. Die Kritik, die an „Interessengebiet“ geäußert wurde, setzt vor allem hier an. Kann man von den Verbrechen der Shoah und ihren Opfern erzählen und dies gleichzeitig sarkastisch brechen? Kann man davon erzählen, wie der jüdische Häftling Szmul, der schon so lange da ist, das seine Nummer die niedrigste des KZs ist, die halbverwesten Leichen von hunderttausenden unschuldigen Mitgefangenen – darunter seine Söhne – ausgraben, auf einem Scheiterhaufen verbrennen und anschließend die Asche zerkleinern muss, um in der nächsten Szene Doll darauf hinweisen zu lassen, dass ihn seine kleinen Töchter nerven, weil sie unbedingt ein neues Haustier möchten, seine Frau heimlich raucht und der Kaffee leider ungenießbar ist?

„… nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ – In diesem vielzitierten Satz bannt Theodor Adorno 1951 eine Erkenntnis, die weit über die Produktion von Lyrik nach 1945 hinaus reicht: Adorno begreift Auschwitz als Synonym für die ungeheuerlichen und unvergleichbaren Schrecken der Shoah sechs Jahre nach Kriegsende als Zäsur und Bruch innerhalb der globalen Zivilisationsgeschichte. Trotzdem wurde natürlich nach und auch über Auschwitz geschrieben. Wie kann man, und wer darf von Auschwitz erzählen? Und wie fiktiv darf Literatur über Auschwitz sein, wenn sich faktische Protokolle über die Geschehnisse wegen ihrer Unvorstellbarkeit als schreckliche Dystopien lesen? Zu den wichtigsten Texten gehören sicherlich die literarischen Augenzeugenberichte von Überlebenden wie Primo Levi oder Imre Kertész. In wie weit aber kann und darf ein Nicht-Beteiligter über Auschwitz schreiben? Und wie viel Sarkasmus und Zynismus sind dabei erlaubt? Das muss wohl am Ende jeder Leser selbst entscheiden.

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