Ulrich Alexander Boschwitz‘ „Der Reisende“: „Diese Zeit verlangt zu viel von mir!“

Anna Seghers hat mit ihrem Roman „Transit“ ein Jahrhundertwerk geschaffen, das das harsche Schicksal derer zeigt, die im Zweiten Weltkrieg auf ihr sicheres Ende warteten. Das Verharren im Zustand des Transitären wird bei Seghers zu einer Geisterexistenz, leere Hüllen, die durch die bürokratischen Mühlen der vielen Anträge verzweifeln. Kein anderes Werk hat die seelischen Verheerungen, die Flucht und Verfolgung im Menschen anrichten, kraftvoller eingefangen als „Transit“. Wie wirkmächtig der Roman immer noch ist, zeigt auch, dass Christian Petzold den Stoff jüngst wählte, um ihn mit der heutigen Fluchtthematik zu verknüpfen. Doch nun ist, fast aus dem Nichts, ein vergleichbarer Roman in deutscher Sprache aufgetaucht: „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz.

Boschwitz‘ Unglück war der Wille zur Rückkehr. Nicht die Rückkehr in sein Heimatland Deutschland, das war als Jude 1942 undenkbar. Aber die Rückkehr ins britische Exil, aus dem er zuvor als Ausländer nach Australien deportiert wurde. Auf dem Rückweg torpedierte ein deutsches U-Boot das Schiff, auf dem Boschwitz unterwegs war und beendete ein viel zu kurzes Leben. Boschwitz starb mit 27 und was folgen sollte, ist ein großes Versäumnis der deutschsprachigen Nachkriegsöffentlichkeit. Denn während seine zwei Romane in schwedischer bzw. englischer Übersetzung seit Jahrzehnten veröffentlicht sind, mussten in Deutschland fast achtzig Jahre vergehen, bis die Öffentlichkeit „Der Reisende“ wahrnahm.

„Wenn ich verliere, verlier‘ ich natürlich dein Geld, denn ich besitze ja keins.“

Boschwitz erzählt darin von Otto Silbermann, einem jüdischen Geschäftsmann, der eigentlich alles getan hat, um die Anerkennung der deutschen Gesellschaft für sich zu beanspruchen: Er hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen, er ist Erster Weltkriegsveteran und hat eine respektable Karriere aufgebaut. Damit ist er ein Stellvertreter einer ganzen jüdischen Generation, die sich im patriotischen Rausch des Ersten Weltkriegs endlich in der deutschen Gesellschaft angekommen sah, nur um allzu bald enttäuscht merken zu müssen, dass es ihren emanzipativen Kampf kein Stück weiterbringen sollte: „‘Lass dir das gesagt sein, alter Junge, für mich bist du ein Mann – ein deutscher Mann, kein Jude.‘“

„Ich bin ein Nationalsozialist. Weiß Gott, ich habe dir nie etwas vorgemacht.“

„Der Reisende“ setzt im Jahr 1938 ein, ein Schicksalsjahr für die deutschen Juden. Zwar haben die Nationalsozialisten auch vorher schon keinen Hehl aus ihrer Verachtung gemacht, doch mit den Pogromen nahm das gesellschaftliche Klima eine weitere Eskalationsstufe, was Silbermann zu langsam dämmert: „Ich lebe, als wäre ich kein Jude, wunderte er sich. In diesem Moment bin ich zwar ein bedrohter, doch noch vermögender und bislang unangetasteter Bürger.“ Erst als er aus seiner Wohnung vertrieben und obdachlos wird, realisiert er seine Lage, kratzt sein Kapital zusammen, um die 40.000 Reichsmark, die er in einen Koffer packt und beginnt seine Odyssee quer durch Deutschland.

Ein Jude ohne Geld in Deutschland, das ist wie ein Tier im Käfig ohne Futter, etwas Hoffnungsloses.

Von da an nimmt der Roman eine tragische und gleichzeitig hochinteressante Form an, die sich irgendwo zwischen Seghers „Transit“, Kafkas „Der Prozess“ und Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ trifft. „Der Reisende“ ist nicht nur eine Geschichte über das traurige Schicksal Otto Silbermanns, sondern ein Parabel über den entrechteten Menschen, den sein ganzer Reichtum im Feindesland nicht rettet. Silbermanns Koffer wird dabei zu einem ähnlichen Motiv wie der gefangene Fisch bei Hemingway, der nach und nach angeknabbert wird, bis von ihm schließlich nichts mehr übrig ist. Silbermann pendelt zwischen Berlin und Hamburg, sein Plan die Grenze nach Belgien zu überqueren, scheitert an uneinsichtigen Grenzbeamten.

Den Letzten beißen die Hunde. Das ist ein gutes, altes Sprichwort.

Die meiste Zeit verbringt er jedoch im Zug. Boschwitz vermag es, auf ins Mark fahrende Weise den Zug als Ort zu zeigen, der auf der einen Seite noch das mondäne Versprechen auf luxuriöses Reisen birgt und auf der anderen Seite schon das Schrecken der Vernichtungszüge ausstrahlt. Auch Silbermann wird ein Mensch in Transit, seine Ortlosigkeit löst eine Identitätskrise aus: „Was war ich? Nein, was bin ich? Was bin ich eigentlich? Ein Schimpfwort auf zwei Beinen, dem man es nicht ansieht, dass es ein Schimpfwort ist!“

Ich bin doch kein Abenteurer. Ich bin ein Kaufmann, ein Verhandlungsmensch. Diese Zeit verlangt zu viel von mir!

Auf seinen Reisen lernt Silbermann eine Frau kennen, zu der er Zutrauen entwickelt. Es ist ein kurzes Aufblitzen von Hoffnung, das doch in der Schreckenswirrnis schnell wieder zunichtegemacht wird. Als schließlich Silbermanns Geldkoffer gestohlen wird, wird die ganze Paradoxie des verfolgten Menschen im Nationalsozialismus sichtbar:

„Vielleicht ist es ein jüdischer Witz“, rief er, „dass ich bei denen, die mir mein ganzes Recht stehlen, Anzeige wegen eines Diebstahles erstatte. Jedenfalls ist es deutsche Wirklichkeit, dass Sie sich, anstatt den Dieb zu suchen, Frechheiten gegenüber dem Bestohlenen herausnehmen.“

Silbermann pocht auf das Gesetz („‘Es gibt Gesetze! Es gibt Gesetze!‘“) im gesetzlosen Raum. Er ist der Mensch, der im Gesetz geschult ist, aber aus ihm verbannt wurde. Was ihm bleibt, ist sich auf den Raum zurückzuziehen, der über den Roman seine Heimat geworden ist: „Ich werde einfach nach Hamburg fahren. Das war immer eine schöne Strecke.“

„Der Reisende“ ist ein eindrücklicher Roman über die Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Er ist aber, mehr noch, eine eindrückliche Parabel über die Paradoxien des modernen Menschen. „Der Reisende“ sticht aus diesem Frühjahr heraus: Dieser Roman gehört nicht in das Gegenwartsrauschen der tausenden Veröffentlichung, dieser Roman ist Weltliteratur.


Wir danken Klett-Cotta für das Rezensionsexemplar.