Ulrich Alexander Boschwitz‘ »Menschen neben dem Leben«: In Wirklichkeitsnähe gerückt

Mit »Der Reisende« erreichte nach Jahrzehnten der ungerechten Nichtverfügbarkeit ein Roman den deutschen Buchmarkt, dessen Autor, wie viele andere Autor*innen, den gewalttätigen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhundert zum Opfer fiel. Das Buch war und ist eine echte Entdeckung, nicht nur weil es wortwörtlich wiederentdeckt wurde, sondern auch weil es dann auch glücklicherweise großartige Literatur war. Nun veröffentlicht der Klett-Cotta Verlag mit »Menschen nebem dem Leben« den zweiten und damit letzten überlieferten Roman von Ulrich Alexander Boschwitz. Zum Glück, denn der nationalsozialistischen Vernichtungswut gilt es jedes Werk zu entreißen, das zu retten ist. Leider findet man in diesen Roman jedoch einen Autor vor, der mehr im Strom seiner Zeit mitschwimmt, als seine Richtung zu bestimmen.

Boschwitz hat in prominenter Zeitgenossenschaft gelebt. Die Autor*innen seiner Zeit waren Vicki Baum, Irmgard Keun oder Alfred Döblin. Sie alle eint, dass sie den Eintritt in die industrielle, urbane und mediale Moderne als eine Aufgabe für die Kunst verstanden, die unweigerlich neue Darstellungsformen und Sujets produzieren würde. Schon etwas früher begann die Literatur die soziale Frage zu entdecken. Doch es dauerte etwas, bis nicht nur proletarische und bäuerliche Figuren in die Literatur fanden, sondern auch die ästhetischen Konsequenzen daraus gezogen wurden.

Walter Schreiber war ein gutmütiger Mensch. Sein ganzes Wesen strömte Jovialität und Verständnis aus.

Denn mit dem neuen Personal mussten auch neue Stoffe, neue Erzählweisen her. Und eins, das damit in die Literatur fand, war der Alltag in all seiner elenden, monoten und manchmal dreckigen Art. Und an dieser Stelle schließt sich der Kreis zu »Menschen neben dem Leben«, das schon im Titel andeutet, dass es hier um jene geht, die nicht mitten im Leben stehen, sondern außerhalb – und damit ist vor allem das gesellschaftliche Leben gemeint. Der Roman spielt im Berlin der 20er Jahre und führt sich durch Fundholz und Tönnchen ein, zwei Obdachlose, die beim Gemüsehändler Walter Schreiber aus lauter Not einen feuchten Kellerraum anmieten, um überhaupt irgendein Dach über dem Kopf zu haben.

Puh, nicht für die Welt möchte ich in dem Loch schlafen.

Damit ist der Ton gesetzt – in zweierlei Hinsicht. Denn erstens ist damit die soziale Schicht identifiziert, in der sich hier bewegt wird und zweitens ist die Anmietung des Kellerlochs ein symbolischer Akt, der gleichzeitig einen weiteren Abstieg bedeutet und den Verbleib in der sozialen Position: der Keller als Ort des Einlagerns. Fundholz und Tönnchen tauchen danach immer wieder im Roman auf, eine Entwicklung wird jedoch nicht erzählt. Stattdessen kommt und geht weiteres Personal – chronische Trinker, Kriegsveteranen, Prostituierte. Sie alle haben ihre Stellung in der Gesellschaft gemeinsam und sie alle haben gemeinsam, dass die Gastwirtschaft »Fröhlicher Waidmann« ihr eigentliches Zuhause ist.

Fundholz und Tönnchen, die hatten die unterste Stufe erreicht.

Die Kneipe als sozialer Raum verspricht für das wenige Geld, das sich viele der Figuren dann doch noch zusammenkratzen können, einige Stunden Wärme, sorglosen Rausch und potenzielle Kundschaft: »Es gab in Berlin zahlreiche vermögende ältere Herren, welche sich vereinsamt fühlten.« Der Waidmann ist aber auch der Ort des einzigen wirklichen Ereignisses im Roman: dem Gewaltverbrechen, das ein Ehemann an einem anderen Mann verübt, der es wagt, mit der verheirateten Frau zu tanzen. Dieses Ereignis nimmt einen interessanten Status innerhalb der Erzählung ein – denn üblicherweise wäre ein Roman erzählerisch so angeordnet, dass er entweder dramatisch auf dieses Ereignis zuläuft oder aber dass alle Randfiguren in irgendeinerweise mit diesem Ereignis verknüpft wären. Dadurch dass dieses Ereignis erzählerisch in der Luft zu hängen scheint, bietet es viel eher Anlass über den Erzählanlass nachzudenken.

Guckt ihr man, dachte Frau Fliebusch. Guckt ihr man. Ich weiß schon, wie niederträchtig ihr alle seid.

Denn diese hoffnungslose Gesellschaft in Boschwitz Roman kennt keine Erzählung mehr, die auf irgendein Vergangenes rekurrieren oder aber gar auf etwas potenziell Zukünftiges verweisen könnte. Sie ist viel mehr nur noch raue Gegenwart: »Die Vergangenheit lag wie ein Traum hinter ihm, und die Zukunft war nebelhaft, ungewiss und ziemlich uninteressant.« Das hat auch Konsequenzen fürs Erzählen bzw. den Erzähler, der hier in wechselnden Näheverhältnissen verschiedene Protagonisten ins Visier nimmt. Statt eine Geschichte anzuordnen, die einen Verlauf hat und die nach bestimmten dramaturgischen Prinzipien funktioniert, jongliert er mit ständig wechselnden Alltagsszenen, die scheinbar unangeordnet Menschen in Momenten ihres Elendes und der kleinen Glücksmomente zeigen.

Das uralte menschliche Streben nach Glück ist in Wirklichkeitsnähe gerückt.

Dass Boschwitz »Menschen neben dem Leben« dabei nie so viel Begeisterung entfachen kann wie der zuvor publizierte Roman liegt in Teilen an diesem Erzählprinzip, das die gezeigte Monotonie beim Leser ankommen lässt, aber auch daran, dass dem Text der Witz, die sprachliche Wucht und die Radikalität vieler seiner zeitgenössischen Texte abgeht. Da man es hier mit einem Roman aus dem Mittelfeld der damaligen Literatur zu tun hat, lassen sich an ihm womöglich sehr paradigmatisch das herausarbeiten, was die Kunst der 20/30er vorhatte. Doch das ist dann Literaturhistorie und leider kein richtiger Lesegenuss mehr.