Ulrich Holbeins „Knallmasse“: Per Identitätskrise durch die Galaxie

Holbein_Knallmasse

Die ZEIT nannte ihn „Dandy mit Adorno-Ohren“, die taz einen „Einsiedler im prallen Leben“, er sich selbst „Mutter Theresa“ – Ulrich Holbein ist eine der ungewöhnlichsten Figuren im deutschen Literaturbetrieb. Sein Werk wurde immer mit den Größten verglichen, mal Arno Schmidt, mal Jean Paul. Seine ersten Texte sind bei Suhrkamp erschienen, seit der Entzweiung mäandert das Werk Holbeins durch die deutsche Verlagsgeschichte. Nun ist der Autor im homunculus Verlag angekommen, was wie die perfekte Ehe wirkt. Mit „Knallmasse“ wurde dort ein früher Roman Holbeins wiederaufgelegt, in schönem neuen Gewand.

So eigenwillig der Autor scheint, so eigenwillig ist auch „Knallmasse“. Holbein erzählt in diesem Roman eine märchenhafte Dystopie. Wer zu den eh schon vielen Vergleichen mit dem Werk verschiedener Künstlergrößen noch einen hinzufügen möchte, dem sei Terry Gilliam vorgeschlagen, der an Holbeins Texten seine helle Freude hätte. Im Zentrum von „Knallmasse“ steht: Knallmasse. Das ist der Name eines Roboters, der Bewohner des dröhnenden Staates DeziBel ist. Dieser Staat ist der dystopische Entwurf einer bis zur Vollendung kollektivierten Gesellschaft, in der das Individuum als selbstbestimmtes Subjekt abgeschafft wurde. Stattdessen herrscht die fast vollständige Gleichschaltung.

Ruckweise kam der Wecker in Gang. Pressluftstöße wanderten durchs Zwielicht des eisernen Schlafzimmers. Knallmasse – ruckweise – erwachte.

DeziBel ist eine mechanische, eine technische, eine harte Gesellschaft. Wenn die Bewohner schlafen gehen, sind sie an den sogenannten Traumschlauch angeschlossen, durch den jedem der ewig gleiche Traum induziert wird. Das ist jedoch nicht das einzige, was die Bevölkerung miteinander verbindet. Im dröhnenden Staat herrscht metaphysische Obdachlosigkeit: Eine Gesellschaft von Robotern und Konstruktionen, doch weit und breit kein Erschaffer in Sicht. Dafür eine Welt der Härte. In dieser Welt ist alles Eisen, alles ist laut und kantig. Namen sind Zumutungen wie Kotzbirne oder Kackflasche. Harte Konsonanten für ein hartes Leben.

„Du vergisst“, knurrte Kotzbirne, „dass es im Weltall Sachen gibt, die nicht aus Blech sind.“

So frei assoziiert das alles wirkt, so nah liegen die Vorbilder, derer sich Holbein sich bemächtigt. Dem Staate DeziBel unterliegt ein Weltbild, das frappierend an die antike Vorstellung des goldenen Zeitalters und aller darauf folgenden erinnert: „‚Die Weltgeschichte zerfällt in drei Etappen: erstens eine herrliche; zweitens in eine ekelige; und drittens in eine gemischte.‘“ Das Ekelige, das ist für die Robotergesellschaft das Weiche, das Organische, das – oh Schreck – Menschliche. Der Autor dreht den Spieß um. Während viele Science Fiction-Szenarien die Begegnung mit dem Fremden aus menschlicher Perspektive erzählen, ist hier der Ausgangspunkt eine Gesellschaft, die den Leser zum Fremden macht. Doch eines Tages verändert sich etwas in Knallmasse: „Er spürte, dass dies ein Traum sein musste. Ohne an einen Traumschlauch angeschlossen zu sein, konnte man eigentlich gar nicht träumen. Umso verwunderlicher, dass Knallmasse trotzdem träumte – falls er träumte.“ Ein Unfall ereignet sich, Knallmasse wird aus dem nivellierenden, wie schützenden Kollektiv ausgestoßen, als dieses merkt, dass sich Knallmasses Ansichten radikal verändern.

„Knallmasse!“ rief es jetzt auch von draußen. „Im Namen unseres Staates, des Dröhnenden Staates DeziBel! Öffnen Sie! Sie entgehen der Verschrottung nicht!“

Mit zwei sogenannten Wulwiletten – menschenähnlichen Wesen – im Gepäck macht sich Knallmasse auf eine Reise durchs Universum, von einer Sehnsucht getrieben: „Weich werden – das ist unser innigster Wunsch, seit Längerem!“ Diese Sehnsucht wird von einer Utopie genährt, die die Menschenähnlichen aufrufen: „Wulwiletten kennen keine Zentralschulen, keine Verschrottung, keine Sachzwänge, keine Sinnfragen, keine Existenznöte, keine Alterssorgen, keine Todesangst!“ Doch Knallmasse macht sich keine Illusionen über die Schwierigkeiten bei der Anpassung in dieser fremden Welt: „Ihr vergesst, dass ich kein Organismus bin. Sondern eine Konstruktion. Da bin ich nicht anpassungsfähig. Ich bedauere das selber und leide darunter…“

Alle Unterschiede wurden unwesentlich, wenn der SCHLAG alle Zentralschulpflichtigen durchfuhr, in genau gleicher Stärke. Ein jeglicher wurde von einem wonnevollen Schreck durchzuckt, tief im Innern.

Die Erfahrung von Fremdheit führt der Text schließlich einer traurigen Dialektik zu. In dem Zug, wie Knallmasse in der anderen Welt an Reputation gewinnt, so sehr stößt sie ihn auch wieder ab. Ein Denkmal soll ihm errichtet werden. Der Roboter, der nichts mehr möchte, als weich zu werden, soll in die feste Form gegossen werden. Die Wulwiletten verstehen das Andere auch nicht, sie verkennen es: „‚Denkmäler schlafen nicht‘, sagte Knallmasse tonlos.“

Holbeins Text auf eine plumpe Form der Aktualität, wie es bei Dystopien häufig geschieht, festlegen zu wollen, würde diesem Text nicht gerecht werden. Gerade das Märchenhafte transzendiert den Text zu einer zeitlosen Parabel über die Möglichkeit und Unmöglichkeit das Fremde zu erkennen und anzuerkennen. Das Überdrehte dieses Textes mag manchen Leser verschrecken, doch die mal alberne, mal etwas süßliche Sprache sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei Holbein hinter jeder Zote eine traurige Ernsthaftigkeit steckt, die 90 Prozent der deutschen Gegenwartsliteratur erst angestrengt herstellen muss.


Wir danken dem homunculus Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

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