Ulrike Mosers „Schwindsucht“: Die Krankheit mit den vielen Namen

Krankheiten gibt es viele. Manche sind so alltäglich, dass sie vom Menschen stoisch ertragen werden, andere sind so besonders und selten, dass sie kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Und dann gibt es Krankheiten, die so verheerend sind und Gesellschaften radikal prägen, dass sie zu einem Zeitzeichen werden. Einst war es die Pest, die ganze Landstriche leerfegte, jüngst war es HIV, der Virus, der zu einem Umschlagpunkt einer sich sexuell-befreienden Gesellschaft gedeutet wurde. Krankheiten prägen den Menschen nicht nur auf basale Weise in seiner körperlichen Verfasstheit, sie prägen auch wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken, wie Ulrike Moser in ihrem Buch „Schwindsucht“ darzustellen versucht.

„Sie ist die Krankheit mit den vielen Namen: Schwindsucht, Phthise, Tuberkulose.“ Die Schwindsucht war die bestimmende Krankheit des 19. und 20. Jahrhundert. Die bakterielle Infektionskrankheit, die vor allem die Lungen befällt, war eine handfeste Massenepidemie, bis schließlich eine Behandlung mit Antibiotika möglich wurde. Doch anders als die Pest oder auch die Lepra war die Schwindsucht, so Ulrike Mosers These, einem massiven Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung unterzogen. Die Romantik erhob sie in den Stand einer Literatenkrankheit, voller schwärmerischen Potenzials, erst später wurde sie zum Symbol von Krisenzeiten und schließlich von den Nationalsozialisten als Unreinheit gebrandmarkt.

Wieso es überhaupt dazu kommen konnte, dass eine lebensgefährliche Krankheit zu einem Gegenstand schwärmerischer Phantasien von Zartheit und Edelmut werden konnte, erklärt Moser über zwei Umstände. Erstens ist die Tuberkulose, im Gegensatz z.B. zur Lepra, eine unsichtbare Krankheit. Sie zeichnet den Menschen nicht durch Geschwüre oder andere äußerliche Merkmale und gibt dadurch auch keinen ersten Anlass von Gesellschaften ausgeschlossen zu werden: „‘Eine schmerzlose, flüchtige Krankheit, eine saubere Krankheit, ohne Gerüche, ohne ‚es‘“, bemerkte der tuberkulosekranke französische Philosoph und Schriftsteller Roland Barthes.“ Gleichzeitig beflügelte der Krankheitsverlauf die Betroffenen, jedes Zeichen der Besserung als Heilsversprechen zu deuten, wie Moser Novalis‘ Arzt  zitiert: „Einer seiner behandelnden Ärzte, der Hofrat Stark, hat die aufflackernde Euphorie beschrieben, die als charakteristisch für Schwindsucht galt: ‚Der geringste Schimmer von einer Erleichterung gibt ihnen schon wieder volle Hoffnung.‘“

Über Krankheit nachzudenken, ist eine Form der Selbstvergewisserung und der gesellschaftlichen Prüfung.

Krankheit bietet eine Erfahrung, die den Menschen auf dich selbst zurückwirft und ihm eine Nahtoderfahrung bietet: „Für Novalis drückt sich in der Krankheit die Individualität eines Menschen aus, seine ihm eigene Disposition, sein eigener Übergang in den Tod.“ Überzeugend führt Moser aus, wie Krankheit seit je her von Gesellschaften als allgemein akzeptierter Ausnahmezustand identifiziert wurde, der dazu befähigt, sich als nicht-gesellschaftliches Wesen zu erfahren.

Gleichzeitig erzählt die Geschichte der Tuberkulose auch viel darüber, dass es keine sozialen Medien braucht, um die dümmsten Dinge viral gehen zu lassen, wie Byron beweist: „‘Ich würde gerne an einer Schwindsucht sterben.‘ ‚Weshalb?‘, fragte ihn ein Freund, der Byron 1810 in Athen besuchte. ‚Weil die Damen alle sagen würden: Seht doch den armen Byron, wie interessant sieht er als Sterbender aus.‘“

Mit der Romantik begann eine Umdeutung und Aufwertung von Krankheit, sie fand als existenzielle Erfahrung ihren Platz im Leben.

In ihrer morbiden Faszination für die Tuberkulose schufen die westlichen Gesellschaften eine Institution, die in der Literatur des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle einnehmen sollte: das Sanatorium. Zu den luxuriösesten Kurorten gehörte sicher Davos, das zu einem Kulminationspunkt der Wohlbetuchten werden sollte: „In Davos begegneten sich Menschen aus aller Welt.“ In den Luxussanatorien traf sich nicht nur die Welt, sie ermöglichten auch Welterfahrung. Sie boten ein aufwendiges Unterhaltungsprogramm, Shows, Kinovorstellungen etc. Doch die Zeit der Ausschweifung war nur von kurzer Dauer, mit dem Ersten Weltkrieg fanden sie ein jähes Ende: „Thomas Mann schrieb über Sanatorien: ‚Es handelte sich bei diesen Institutionen um eine typische Erscheinung der Vorkriegszeit, nur denkbar bei einer noch intakten kapitalistischen Wirtschaftsform.‘“

Es ist der Weg vom Zauberberg ins KZ. Was für ein Abstieg! Die Geschichte der Schwindsucht ist eine Geschichte der Abwertung.

Ulrike Moser sieht den zentralen Umschwung in der Sicht auf die Tuberkulose im Zauberberg realisiert: „Der Zauberberg ist ein Abgesang auf die Sanatorien. Auf die romantische erhabene, vornehme Schwindsucht.“ Die Schwärmerei ist dem Stumpfsinn gewichen, Der Zauberberg zeigt eine Gesellschaft in diffuser Erstarrung. Der Mensch erkennt in der Tuberkulose nicht mehr seine eigene Erhabenheit, sondern vor allem die Krisen um sich herum. Folglich findet die Krankheit wieder als das Hässliche Eingang in die Kunst der Expressionisten und Naturalisten, die Krankheit mehr und mehr in einen sozialen Kontext stellen: „In den feuchten, dunklen und engen Wohnungen der Proletarier fanden die Erreger von Typhus, Cholera und Schwindsucht geradezu ideale Bedingungen vor.“

Wie wir mit Kranken umgehen, wie wir Krankheit betrachten, wie wir sie in Kunst, Film und Literatur darstellen, wird einmal viel über unsere Zeit erzählen.

Moser lässt ihr Buch – entsprechend ihrer These vom „Zauberberg ins KZ“ – beim Nationalsozialismus enden, dessen Weltbild sich endgültig von allen tuberkulösen Schwärmereien gelöst und sich dem zynischen Prinzip der Rassenhygiene zugewendet hatte. Tuberkulös Erkrankte wurden weggesperrt, vernichtet, in KZs wurden Menschenversuche mit vermeintlichen Heilverfahren durchgeführt.

Entsprechend dem kulturwissenschaftlichen Anspruch von Mosers Buch erzählt die Autorin an der Tuberkulose natürlich mehr Gesellschaftsgeschichte als dass sie wissenschaftliche Ergebnisse zur Tuberkulose zusammentragen würde. Vieles wird dem versierten Foucault-Leser oder Bernhardianer zwar bekannt vorkommen, aber „Schwindsucht“ bietet eine stringente, gut lesbare und erhellende Darstellung darüber, was es heißt über Krankheit nachzudenken, wie eng Krankheiten mit den großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verquickt waren und wie Euphorie schnell in Wahnsinn umkippt.


Wir danken Matthes & Seitz für das Rezensionsexemplar.