Uwe Timms „Ikarien“: No Future

Wie werden Träume zu Albträumen? Das ist eine Frage, die nicht nur Neurologen und Psychoanalytiker interessiert, sondern auch jeden, der das 20. Jahrhundert in all seiner Schrecklichkeit nachvollziehen möchte. Schließlich gab es zu Beginn der Neunzehnhunderter eine wahre Inflation an Ideen und Utopienvorschläge für den Weg zu einer gerechteren Gesellschaft. Was folgen sollte, war jedoch nicht das Paradies auf Erden, sondern die schlimmste Verheerung, die die Welt in kurzer Zeit erfahren sollte. Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte die Idee einer freieren und gerechteren Gesellschaft in ihr komplettes Gegenteil sich umkehren? Eine Frage, die sich auch Uwe Timm in seinem neuen Roman „Ikarien“ stellt.

Den Begriff der „Ikarien“ leiht sich Uwe Timm bei Étienne Cabet, einem Utopisten, Revolutionär und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Dieser hat in seinem Roman „Reise nach Ikarien“ ein fiktives Szenario entworfen, das gleichzeitig zu seinem politischen Programm werden sollte. Ikarien, so stellte er sich vor, sei eine Gesellschaft unter Gleichen, in der der Privatbesitz weitestgehend abgeschafft ist. Weil das Neue in alten Strukturen so schwer zu realisieren ist, wanderte er – nachdem seine Bewegung an Zugkraft gewonnen hatte – in die USA aus und kaufte dort Land, wo viel Land war. Es sei niemanden zu viel verraten, dass Cabets Versuche nicht geglückt sind und irgendwo im Mittleren Westen der USA nicht das Paradies aufzufinden ist. Politische Querelen, diktatorischer Größenwahn und das Scheitern an selbstauferlegten Idealen ließen auch diese Utopie zu ihrem Scheitern gelangen.

Was für Zeiten. Welch ein Wirrwarr.

Für „Ikarien“ ist diese historische Randnotiz das 20. Jahrhundert in der Nussschale. Doch weil eine Nussschale noch keinen Roman ergibt, muss Uwe Timm noch eine größere Schale finden, von der aus er von dem US-Soldaten Michael Hansen erzählt, der nach dem Zweiten Weltkrieg in München stationiert ist. Hansen ist sowas wie ein privilegierter Outsider. Zwar kommt er als Besatzer in das besiegte Nachkriegsdeutschland, doch seine deutschen Wurzeln lassen ihn sehr viel unmittelbarer mit der deutschen Bevölkerung in Kontakt treten. Eine Fähigkeit, die ihm noch zum Vorteil gereichen wird, denn er sieht sich schließlich mit der Aufgabe betraut, einen gewissen Karl Wagner zu befragen. Wagner ist ein langjähriger Weggefährte der der Realität entlehnten Romanfigur Alfred Ploetz, der als Begründer der Eugenik gilt.

Ein Rauch, das war die Stadt.

Daraus ergibt sich die Erzählstruktur des Romans. Auf der einen Seite die Romangegenwart, der Alltag im zerstörten Trümmerdeutschland, in der Hansen die Rolle der Zeugenschaft von Lebenslügen, falschen Entschuldigungen und Wiederaufbauwillens übernimmt und auf der anderen Seite die Interview-Situation („Die Befragung muss sich über einen Zeitraum von etwas mehr als drei Monaten erstreckt haben.“) mit Wagner, der aus der Tiefe des historischen Raumes berichtet. Da der Text immer wieder historisch verbürgte Figuren auftreten lässt, zieht er quasi doppelte Fiktionsebenen (mit Hansen und Wagner) ein, um die Distanz und Vermittlung deutlich zu machen, über die hier das Historische auftritt.

Was sich über Jahrzehnte, Jahrhunderte als Verfall vollzieht, dauerte hier keine zwanzig Minuten.

Was Hansen und Wagner in dieser Befragung schließlich herausarbeiten, ist nicht weniger als ein Abriss deutscher und europäischer Geschichte und eine Entwicklung utopischer Ideen in ihr Gegenteil. Wagner erzählt davon wie aus einem Haufen von „Studenten, Dichter, Sozialisten, Anarchisten, Revolutionäre[n] und Träumer[n]“ eine Mörderbande wurde. Zentrale Figuren sind dabei im Text sowohl der schon erwähnte Alfred Ploetz, wie auch Gerhart Hauptmann. An beiden lässt sich paradigmatisch der Weg von der Utopie zur Schreckensvision deutlich machen, beide waren auch mit der utopischen Bewegung Cabet verbunden. Hauptmann beschritt den Weg eines Sozialrevolutionärs zum Gewährsmann der Nationalsozialisten, Ploetz den eines emanzipatorischen Freiheitskämpfers zum Rassenhygienikers, der sich einen Ausspruch Darwins zum Leitmotto gemacht hat: „Ein Satz Darwins, den er oft zitierte, lautete: Ein wissenschaftlicher Mann sollte keine Wünsche haben, keine Gefühle – nichts als ein Herz aus Stein.“

Ja, Romanlektüre kann bilden, aber auch ziemlich Exaltiertes in die Welt bringen.

Dagegen steht der desillusionierte Raum des ruinösen Nachkriegsdeutschland, in der jeder Idealismus gegen Pragmatismus eingetauscht wurde: „A pack of Camel for a quickie.“ All das händelt Uwe Timm sehr souverän, allerdings ist es gerade zu bedauerlich, dass er sich für diesen epischen Rahmen entschieden hat. Man hätte sich sehr gut einen Roman über die Ikarier vorstellen können als eine Art Parabel darauf, wie Utopien scheitert. Stattdessen nimmt sich der Roman diese Konstellation nur als Ausgangspunkt für eine größere Erzählung. Doch die Interviewform erweist sich leider als zu starr. Der Roman schildert, aber er erzählt nicht. Er findet zu selten literarische Lösungen der Verdichtung, sondern er schweift aus. Die Figuren in „Ikarien“ bleiben immer historische Figuren ohne literarisches Eigenleben. So bleiben schließlich auch die Figuren der Handlungsgegenwart blass, da ihnen zu wenig Raum geschaffen wird.

Ikarien ist symmetrisch angeordnet. Alle Straßen sind gerade und breit.

Was vom Roman als sinnvolle Maßnahme der Fiktionalisierung gedacht ist, wendet sich schließlich gegen den Roman selbst. Hansen wie auch Wagner sind nichts anderes als Stationen, die die Narration durchlaufen muss, um ihm zu signalisieren: alles, was hier historisch geschildert wird, ist am Ende doch nur Literatur. Damit hat er zwar Recht, aber so werden die zwei Gesprächspartner schließlich lediglich zu zwei Stützbalken, die die Fiktion aufrecht halten. Der Roman gibt ihnen keinen Raum – Wagner mehr als Hansen – sich als Figuren zu etablieren.

Ein Thesenstück. Ich fand das Stück penetrant. Aber es zeigte Wirkung.

Und warum scheitern Utopien? Der Roman gibt darauf eine merkwürdig regressive Antwort. Weil Utopien die Gegenwart für die Zukunft suspendieren und sich nicht an eine simple Wahrheit halten: „Die Gegenwart hier und jetzt ist für uns aber alles. Allein in ihr liegt das Glück.“ Soweit so gut, tatsächlich könnte man behaupten, überall da, wo Gesellschaften sich ein Fernziel verschrieben haben, ging man besonders ruppig miteinander um. Doch was der Roman dann an Ausblick anbietet, ist nichts anderes als die Umkehrung, also die Suspendierung der Zukunft zugunsten der Gegenwart: „Dort saßen Menschen und wärmten sich. So muss es am Anfang der Zeiten ausgesehen haben, als das Feuer noch gehütet wurden.“ Ein bisschen mehr darf man sich an gesellschaftlichen Ausblick dann schon versprechen als in Paläo-Romantik ohne Zukunft ums Feuer zu sitzen.


Wir danken KiWi für das Rezensionsexeplar.