Verbotene Liebe? Lisa Kreißlers „Das vergessene Fest“

Der Wald ist eines der bedeutendsten, wenn nicht das zentrale topographische Motiv der deutschen Literaturgeschichte. Von den Brüdern Grimm über Kleist bis zu Gegenwartsautorinnen und -autoren wie Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Jovana Reisinger bietet er Raum für Romantik und Idylle, für Archaisches und Mythisches, aber auch für Furcht und Schrecken. In Lisa Kreißlers neuem Roman ist der Wald all dies zugleich.

Es ist das Ende einer Ära: Als am 26. Juni 2015 nach insgesamt 4664 Folgen Verbotene Liebe abgesetzt wurde, fand das über zehn Jahre andauernde Beziehungswirrwarr der ARD-Seifenoper zu einem Ende. Lisa Kreißler dient das große Finale der Daily Soap in „Das vergessene Fest“ als erzählerische Initialzündung: „Es ist schade, dass Verbotene Liebe abgesetzt wird, denkt Arif und wischt mit einem feuchten Lappen über den Fernseher.“ Der erste Satz führt nicht nur einen der vier zentralen Romanfiguren ins literarische Feld, sondern beschreibt in einem prägnanten Bild ein Lebensgefühl.

„Die Enttäuschten“ heißt das erste von fünf Kapiteln. Enttäuscht sind Arif und seine zwei Studienfreundinnen Ronda und Nina vielleicht, weil sie sich mehr vom Leben versprochen haben, weil sie ein Spießerleben zwischen feuchtem Lappen und Seifenoper führen, weil sie allein sind.

Jeder von uns bringt etwas mit, das dem anderen fehlt. Ronda ihre bodenständige Kraft, Arif seinen Humor, und ich bin die empfindliche Stelle, die uns verwundbar macht.

Arif lebt in Scheidung, an seinen Dates fallen ihm vor allem deren Makel ins Auge, auch Ronda wurde vom Vater ihres Sohnes Charlie für eine Andere verlassen. Nur bei Nina scheint alles perfekt zu laufen. Auch wenn es zu Beginn der Beziehung mit ihrem Verlobten Philipp schwierig war, renovieren sie nun  das Haus der Großeltern und bereiten sich auf den Rest des gemeinsamen Lebens vor. Am Tag, von dem der Roman umfassend erzählt, will sie ihn heiraten.

Doch wie so oft im Leben – aber noch öfter bei Serien wie „Verbotene Liebe“ – kommt es anders. Irgendwo zwischen Melodrama und Ultracoolness sagt Nina vor dem Altar auf der „Lichtung“ – dem zweiten Romankapitel – vor der versammelten Hochzeitsgesellschaft nicht „Ja, ich will“, sondern „Nein, danke“ und trennt sich von Philipp. Die Party könne man ja trotzdem feiern.

Als hätte ihn jemand gerufen, dreht Arif sich um. Er blickt in seinem Wohnzimmer umher, dann läuft er wieder zu dem Foto über den Spüle. Er beugt sich so weit nach vorne, dass seine Nase fast das Papier berührt. Und erst jetzt bemerkt er die Unschärfe von Ninas Gesicht. Ronda und er selbst stechen scharf umrissen aus dem Bild hervor. Ninas Konturen hingegen scheinen sich im dunklen Hintergrund der Kneipe aufzulösen.

Die Auflösung von Nina beginnt, als sich die drei alten Freunde entschließen, das titelgebende Fest zu verlassen und in den Wald zu gehen, der es umgibt. Zu viert – Rondas knapp einjähriger Sohn Charlie ist auch dabei – machen sie sich auf eine Wanderung, der sie gleichsam zurück in die gemeinsame Vergangenheit führt. Die alte Vertrautheit ist wieder da, wie zu einer Familie wachsen sie zusammen, in der Arif zur Vaterfigur von Charlie wird und Nina zum Kind wird.
In der Tradition von Adalbert Stifter und seinen kanonischen „Bunten Steinen“ werden sie von der Gewalt der Natur überrascht und flüchten sich in eine Höhle, wo Nina zu einer schauerlichen Binnenerzählung von der Bulimie kranken Berliner Nachbarin einsetzt, die abgelaufene Lebensmittel hortet, bis sie schließlich verschwindet. Im mythischen Narrationsraum Wald wird die Nachbarin zu einer gruseligen Grimmschen Märchengestalt ohne Zähne, und auch eine Moral von der Geschicht’ hält Nina bereit:

„Sie hat sich wirklich angestrengt, sie wollte sich wirklich ändern. Und das geht mit seitdem nicht aus dem Kopf: Dass man gegen manche Dinge einfach nicht ankommt.

„Die Verwandlung“, die das dritte Kapitel bereits in der Übertitelung ankündigt, setzt mit dem Verlassen der Höhle, oder eben dem Ende der Binnengeschichte, ein. Kreißler hält ein, was der Kapitelname verspricht: Die – zumindest seitentechnisch – zentrale Szene des Buchs mutet kafkaesk an, als die Freunde im Wald auf eine Gruppe Menschen treffen. Die Männer tanzen, die Frauen unterziehen Nina einem geheimnisvollen Reinigungsritual, dass die Braut, die sich nicht traute, ohne den geringsten Widerstand geschehen lässt.

Nina wankt unter dem Gewicht des Wassers auf ihrem Scheitel. Sie holt einmal tief Luft, als würde sie aus einem Fluss auftauchen.

Das Entkleiden, das Schneiden der Haare, das Übergießen mit Wasser sind Teil des Übergangsritus, der kein Zurück erlaubt. Nina wird – das wird im weiteren Verlauf immer deutlicher – nicht ihrem Beinahe-Hochzeitsfest zurückkehren. Stattdessen lernt sie auf einer Filmpremierenparty ihren Jugendschwarm Leonardo DiCaprio kennen, mit dem sie sich im Helikopter von Bill Murray nach Island fliegen lässt. DiCaprio ist hier der Prinz auf dem weißen Pferd, der zur Rettung herbeieilt, aber natürlich ist gleichsam klar, dass dies nicht mehr als ein Märchen, ein Traum ist. Ein Happily-Ever-After im Stil der Disney-Filme gibt es bei Kreißler nicht, hier bleibt sie den oft grausamen Grimmschen Märchen, die mehr als einmal Pate für den Roman standen, treu.

Was kurios und vielleicht ein wenig überdreht klingt, ist ein unkonventioneller und überaus geglückter Ansatz, den Bogen zwischen modernen Topoi und klassisch-romantischen Erzählmotiven zu schlagen. Kreißlers Roman ist experimentell, auch formal, dabei aber nicht gekünstelt, alles fügt sich ineinander. „Das vergessene Fest“ ist vieles, aber  kein Buch, das man schnell wieder vergisst.


Wir danken Hanser Berlin für das Rezensionsexemplar.

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